In einem Jahr mit 13 Monden

Schlachthaus Welt. Fassbinder rechnet mit Frankfurt ab und erzählt von einer Transsexuellen, die auch nach ihrer Geschlechtsumwandlung nicht sie selbst ist. 

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In einem Jahr mit 13 Monden (1978) ist ein Requiem für Armin Meier. Kurz zuvor hatte sich der Kellner aus der „Deutschen Eiche“ und Darsteller in einigen von Fassbinders Filmen das Leben genommen, nachdem der Regisseur die Beziehung mit ihm beendet hatte. Bei jemandem wie Fassbinder, der in der unerwiderten Liebe sein Hauptthema fand und die Melodramen eines Douglas Sirk vergötterte, lag es nahe, wie ein Film über dieses traumatische Erlebnis aussehen könnte. Wie nahtlos Fakt und Fiktion bei ihm ineinander übergehen konnten, zeigte nicht zuletzt seine Episode aus Deutschland im Herbst (1978), in der er Auseinandersetzungen mit seinem Freund im Schaukasten präsentierte.

Abgesehen von der abstrahierten Hauptfigur beginnt In einem Jahr mit 13 Monden noch recht konventionell. Nach einem Einleitungstext über sensible Menschen, denen alle 15 Jahre – also in jedem Jahr mit 13 Monden – Tragödien widerfahren, führt uns der Film in das desolate Leben der Transsexuellen Elvira Weisshaupt (Volker Spengler). Der Mann, für den sie sich einst einer Geschlechtsumwandlung unterzog, wollte nie etwas von ihr wissen, und ihr aktueller Partner erniedrigt sie noch einmal, bevor er sich für immer verabschiedet. Auf den ersten Blick ist Elvira eine typische Fassbinder-Heldin: ein Opfer, das sich nicht wehren kann und von einer mitleidlosen Gesellschaft zerfetzt wird.

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Doch Fassbinder ist nur bedingt an der Leidensgeschichte seiner Hauptfigur interessiert. Einer möglichen Empathie des Zuschauers stellt er ein Hindernis nach dem anderen in den Weg. Zunächst ist da eine Protagonistin, die einem nicht so recht sympathisch werden will. Dass sie von allen schlecht behandelt wird, erregt zwar Mitleid, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Elvira im Grunde genommen eine unmögliche Person ist. Volker Spengler spielt sie als narzisstisches und passiv aggressives Wrack, das in wehleidigem Singsang autistisch vor sich hin redet und sich ihren Peinigern als dankbare Angriffsfläche präsentiert. Manchmal nimmt Fassbinder seine Figur an der Hand, begleitet sie ein wenig und zeigt Verständnis. Doch dann schubst er sie wieder von sich weg, um ihr aus der Distanz beim Verzweifeln zuzusehen.

In die Handlung um Elvira, die in ihren letzten Tagen noch einmal ihr Leben Revue passieren lässt, Ex-Frau und Tochter besucht oder das Waisenhaus, in dem sie aufgewachsen ist, baut Fassbinder immer wieder verfremdende Momente ein. Da wäre etwa die stilisierte Art, mit der die Darsteller ihre Texte deklamieren, sodass kaum mehr eine emotionale Verbindung zwischen Sprache und Sprechendem besteht. Es sind fremde Texte, teilweise im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn Elvira ihren ehemaligen Arbeitsplatz – ein Schlachthaus – besucht, rezitiert sie aus dem Off mit schriller Stimme einen Monolog aus Goethes Torquato Tasso, während Blut aus den im Todeskampf zuckenden Kühen sprudelt.

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Der Monolog ist im Film die bestimmende sprachliche Form. Ein Kontakt zwischen Elvira und der Außenwelt scheint ohnehin nicht mehr möglich. Dabei gerät ihr Schicksal immer wieder für einige Zeit in den Hintergrund, um Platz zu schaffen für die Monologe anderer Gequälter sowie wild wuchernde Assoziationsketten über Identitätskrisen und das Schlachthaus Welt. In der Kapitalistenhochburg Frankfurt – von Fassbinder als Zentrum der Gefühlskälte inszeniert – werden Menschen gefeuert, die nicht mehr funktionieren, während sich andere in leerstehenden Büros erhängen. Der Übergang zwischen Opfern und Tätern ist fließend. Elvira hat den Schritt vom Mann zur Frau vollzogen, vom tatsächlichen Metzger zur im übertragenen Sinne Geschlachteten. Doch auch Saitz – der angehimmelte Immobilienhai, der selbst nicht lieben kann und erst recht nicht geliebt werden will – ist in einem KZ aufgewachsen und hat sich als Erwachsener der dort herrschenden Methoden bedient, um einen Prostitutionsring zu führen.

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Während Fassbinder in den letzten Jahren seines Schaffens vor allem für miefig biederes Ausstattungskino wie seine Deutschland-Trilogie bekannt war, suchte er mit kleinen Produktionen wie In einem Jahr mit 13 Monden oder der RAF-Satire Die dritte Generation (1979) noch Nischen, in denen radikale Statements und formale Experimente möglich waren. Beide Filme sind von einer Ästhetik der Simultanität geprägt. In tief gestaffelten Einstellungen gleitet die Aufmerksamkeit zwischen den verschiedenen Ereignissen im Bild umher, während die einst so klar zuzuordnenden Synchronstimmen einem nie ganz verständlichen Originalton-Gemurmel weichen. Mit Wagner, Nino Rota, Roxy Music und Suicide wütet dazu der Soundtrack zum Untergang. Mehrmals entfernt sich der Film dabei vollständig von seiner Handlung. In einer Szene verschwindet Elvira für mehrere Minuten ins Reich der Träume, während sich ihre Freundin (Ingrid Caven) durchs Fernsehprogramm zappt und bei Seifenopern ebenso hängenbleibt wie bei einem Bericht über die Pinochet-Diktatur oder einem Interview mit Fassbinder. Ein anderes Mal spielen Saitz und seine Entourage Slapstick-Einlagen aus einem Jerry-Lewis-Film nach.

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Die konzentrierte Form und der politische Eifer, mit dem Fassbinder einst gegen das Unrecht melodramatisierte, sind in diesem sicher nicht leichten Film einer zerstreuten Wahrnehmung und einer resignierten Grundhaltung gewichen. Häufig wird In einem Jahr mit 13 Monden als Fassbinders Aufarbeitung von Meiers Selbstmord interpretiert. Der Tod seines ehemaligen Liebhabers scheint allerdings eher Ausgangslage für einen Streifzug durch eine längst verlorene Welt zu sein. 

Trailer zu „In einem Jahr mit 13 Monden“


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