In die Welt
Ein filmisches Mosaik: In die Welt erzählt vom Schauspiel der Geburt und dem bürokratischen Innenleben einer Klinik.
Es ist fast soweit. Die Kamera blickt reserviert in den Kreißsaal. Die Schwangere windet sich, stöhnt und stößt schmerzerfüllte Schreie aus, während der baldige Vater passiv und ohnmächtig im Hintergrund sitzt, die Hände vor das Gesicht schlägt, sich immer mehr wegduckt und mitleidet, wie ein Spiegelbild des Kinozuschauers. Die Kamera kommt bis auf nächste Nähe an den Körper heran, zeigt die in Gummihandschuhe gehüllten Hände der Hebamme auf dem bebenden Oberschenkel der Schwangeren und den kühlen, routinierten Blick der Ärztin. Die Zeit vergeht erschöpfend langsam. Die körperliche Wucht des Gebärens wird förmlich spürbar, bis nach einer gefühlten Ewigkeit das blutüberströmte Baby in den Armen der Mutter liegt. Der Kamerablick insistiert so lange, bis die Szene über das journalistische Klischee, das Voyeuristische und das Spektakuläre hinausgeht und eine Reibung entsteht. Die Reibung zwischen zwei Perspektiven – dem einzigartigen Erlebnis der Geburt aus der Sicht einer Familie und der Routine eines so optimal und effektiv wie möglich auszuführenden Arbeitsrituals aus dem Blickwinkel des medizinischen Personals.
Die Ärztin legt die Handschuhe ab, füllt ein Formular aus / ein leerer, in kühles Licht getauchter Gang / Menschen im Wartesaal / Beratungsgespräche / Laboruntersuchungen / Putzfrauen beim Säubern der Korridore / ein Baby wird gewogen und abgemessen / Akten, Berge von Akten / Operationsbesteck / ein Kaiserschnitt. Der Kopf eines Babys schaut aus einem offenen Bauch hervor / Das Reinigen und Desinfizieren eines Krankenbettes.
Constantin Wulff zeigt in seinem Dokumentarfilm In die Welt verschiedenste Facetten, szenische Mosaiksteine einer Institution. Statt mittels einer konventionellen dramatischen Struktur eine angehende Familie bis zum finalen Höhepunkt, der Geburt des Kindes, zu verfolgen, beschreibt Wulff den Alltag einer Wiener Geburtsklinik in einem dichten Gewebe von Szenen und Motiven, die über den ganzen Film hinweg variiert und kontrastiert werden. Die eigentliche Geburt ist darin nur eine Facette, ein einzelner Aspekt von vielen. Scheinbar banale, organisatorische Rituale und Gespräche des Krankenhausalltags nehmen in der nicht hierarchischen Dramaturgie den gleichen Raum ein wie die drei mitreißenden Szenen der Geburt. Der dokumentarische Blick ist so nah am Ultraschallbild wie an den ersten Gesten eines Neugeborenen, mal zuwendungsvoll, fast zärtlich, mal nüchtern registrierend.
In die Welt bewegt sich weitab von den Konventionen des journalistisch geprägten Dokumentarfilms. Wulff hat sich von der Methode Frederick Wisemans inspirieren lassen, der in über 30 Dokumentarfilmen, die er selbst vorzugsweise „Reality Fictions“ nennt, das Innenleben verschiedener amerikanischen Institutionen erforscht hat. Wie Wiseman verzichtet Wulff auf eine lineare Dramaturgie, auf eine „Story“, sowie auf Interviews, in denen sich Figuren direkt an den Zuschauer richten, auf inszenierte Szenen und einen informativen Off-Kommentar. Es handelt sich um eine direkte und intuitive Form der Beobachtung, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass der Filmemacher nicht mit einem festen, vorgefassten ideologischen Standpunkt in die Dreharbeiten geht, den es nur noch zu illustrieren gilt, sondern unvoreingenommen beobachtet und zuhört, in die Abläufe nicht eingreift, dem Unvorhersehbaren Raum gibt. Die Arbeit am Film ist so zugleich eine Art Lernprozess. Erst am Schneidetisch entsteht aus der Unmenge von Material die eigentliche Struktur, das „Skript“ des Films.
Der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski hatte einst aus „Furcht vor echten Tränen“ die Dokumentarfilmarbeit aufgegeben. In seiner Doku Erste Liebe (Pierwsza milosc, 1974) filmte er eine Geburt und die tief bewegten Eltern aus nächster Nähe. Der voyeuristische Einbruch in die Intimität einer Familie war für ihn ein Schlüsselmoment. Er stellte sich die Frage nach der ethischen Legitimität seiner Arbeit, kehrte der dokumentarischen Form bald darauf den Rücken und begann fortan, selbst zu inszenieren, Spielfilme zu drehen.
Gerade in einer Zeit, in der Reality Shows und Soaps das Ereignis der Geburt als Folie für große Emotionen wie selbstverständlich hemmungslos ausschlachten und instrumentalisieren, stellt sich diese Frage aufs Neue. In die Welt zeichnet ein wohltuend nüchternes und reflektiertes Gegenbild. Die Ausschnitte aus dem Intimleben der Menschen erschließen sich als Teil des weitgefächerten Porträts einer Institution. Es gelingt der Spagat zwischen einer direkten, ungeschönten Abbildung und einer dennoch sensiblen, respektvollen Behandlung des Sujets. In die Welt ist ein Film mit klaren Grenzen: Wenn die Geburt vorüber ist und die Eltern den Kreißsaal verlassen, dann verharrt die Kamera im Raum und die Tür schließt sich ganz schlicht vor unseren Augen. Selten erschien das Wunder der Geburt so sachlich und so spektakulär zugleich.
Filmkritik von Daniel Nehm
Veröffentlicht am 26.05.2009
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Film-Angaben
Titel: In die Welt
Österreich 2008
Laufzeit: 88 Minuten
Regie: Constantin Wulff
Drehbuch: Constantin Wulff
Produktion: Johannes Rosenberger, Constantin Wulff
Bildgestaltung: Johannes Hammel
Montage: Dieter Pichler
Kinostart: 28.05.2009
Copyright In die Welt
Fotos: © Real Fiction
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