In der Welt habt ihr Angst

Liebe geht durch die Adern. Eva und Jo suchen im gemeinsamen Heroin-Gebrauch nach Nähe, rutschen dabei aber in die Drogenkriminalität ab. In der Welt habt ihr Angst setzt ihre Liebe stilistisch geschickt ins Bild, stolpert jedoch über einige Drehbuchmängel.

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Aus einer Bach-Kantate hat Hans W. Geißendörfer den Titel seines neuen Films entliehen. Entsprechend groß ist die Bedeutung von Musik im Drogen-Drama In der Welt habt ihr Angst. Sakrale Stücke charakterisieren das katholische Milieu, in dem die heroinabhängige Studentin Eva (Anna Maria Mühe) aufgewachsen ist. Vor allem aber nutzt der Film Musik als Montage-Brücke: Eine Melodie verknüpft ganz verschiedene Szenen aus ganz unterschiedlichen Räumen. Was der Schnitt teilt, verbindet die Musik.

Musik ist es auch, die zwischen Eva und ihrem Freund Jo (Max von Thun) Gemeinsames schafft – im Leben ebenso wie in den zahlreichen Parallelmontagen des Films, die eine geradezu telepathische Verbindung zwischen den beiden suggerieren. Die zwei Liebenden brauchen dieses unsichtbare Band, denn Jo sitzt nach einem Raubüberfall mit Todesfolge im Gefängnis, während die flüchtige Eva von draußen versucht, ihn freizubekommen. Sie wollen nach Neuseeland fliegen und dort den Entzug beginnen, um dem in Eva heranwachsenden Leben nicht durch ihre Drogensucht zu schaden.

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Angetrieben von der Sorge um ihr Kind, bricht Eva beim Lehrer Paul (Axel Prahl) ein und nutzt dessen Wohnung als Fluchtort. Zuvor hatte sie – von den Zwängen der Drogenkriminalität sichtlich gedemütigt – bereits ihren verwitweten, als Kantor der lokalen Gemeinde arbeitenden Vater (Hanns Zischler) bestohlen und einen Buchhändler erschlagen. Diese Schuld lastet schwer auf dem Gewissen der religiösen Frau, doch die Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit mit Jo und dem gemeinsamen Kind ist stärker. Im Lehrer Paul findet sie ein Opfer, das ein erstaunlich stark ausgeprägtes Stockholm-Syndrom entwickelt und zu ihrem Komplizen wird. Auch ihr Ex-Freund Tom (Johannes Allmayer) ist bei der Befreiung Jos behilflich, obwohl er, ebenso wie Evas Vater, diesen für die Drogensucht Evas verantwortlich macht.

In der Welt habt ihr Angst weiß lange Zeit narrativ zu fesseln und stilistisch zu überzeugen. Verregnete Dämmerungs-Landschaften repräsentieren das stille Leiden Evas und Jos an der Entzweiung – kaum sind sie wieder vereint, laufen sie in eine geteilte Decke gehüllt einträchtig durch dieselben Felder und Wiesen. Auch die gemeinsame Heroin-Injektion wird als ein Bild von Nähe inszeniert, als Ausdruck der Liebe, ja als spirituelle Einheit mit dem Anderen. Ein ruhiger Prolog stellt diese Szene dem Film voran und schafft eine Stimmung der Entrückung. Die schwarzweißen Bilder trennen diesen Moment der Idylle deutlich von den folgenden, in Farbe gefilmten Abschnitten, in denen das kurzzeitige Glück einer Leidensspirale weichen muss.

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Jenes Leiden lässt sich für Eva und Jo an einem konkreten Ort festmachen. Das Gefängnis, in das Jo eingeschlossen ist, entspricht funktionell den Zwängen der Drogensucht, die sich wie ein Käfig um ihn und Eva aufbauen. In einer der musikalisch untermalten Parallelmontagen zwischen Gefängnis und (physischer) Freiheit, Innen und Außen, zeigt der Film seinen Hang zur bitteren Ironie. Während der von seiner Freundin getrennte Jo singt: „Wie schön, dass wir zusammen sind“, lässt Eva zwei Geiseln ergänzen: „Wir hätten dich sonst sehr vermisst“.

Spätestens mit der Überlänge, die das vielleicht größte Problem eines Werks darstellt, das als 90-minütiger TV-Film gut funktioniert hätte, werden jedoch immer mehr inszenatorische Schwächen sichtbar. Das Drehbuch neigt zu überdeutlichen Gesten: So beharrt die Sakralmusik darauf, dass Evas Verbrechen für sie eher ein ethisches als ein juristisches Problem darstellen, und der unter der Trennung von Eva leidende Tom verziert eine Zimmerwand mit zahllosen Porträts seiner Ex-Freundin. Auch der sprechende Name Eva zeugt vor dem kirchlichen Hintergrund der Hauptfigur nicht gerade von Vertrauen in die intellektuelle Mitarbeit des Zuschauers. Und so wie der Film in einigen Momenten sehr großzügig mit zusätzlichen tragischen Elementen verfährt, so wirkt auch die Rolle des Lehrers Paul, der sich von der Geisel zum Gehilfen entwickelt, mitunter übertrieben. Es reicht nicht, dass er Eva hilft, um im Ansehen seiner gelangweilten Frau wieder etwas zu steigen, sondern er sieht in Eva offenbar auch noch die Tochter, die er selbst nie hatte.

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In der Welt habt ihr Angst blickt mit viel Empathie und zurückhaltendem Urteil auf die dramatisch eskalierende Drogensucht zweier junger Menschen. Dabei geht es weniger um gesundheitliche oder rechtliche Folgen, als um die Verbindung zwischen zwei Liebenden, die unter dem Entzug der Gemeinsamkeit stärker leiden als unter dem abrupten Abbruch ihres Heroin-Missbrauchs. Das leise, aber kraftvolle Liebes-Drama, das der Film im Kern ist, wird allerdings von der zeitlich und logisch überdehnten Auflösung der kriminalistischen Elemente überschattet. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen.

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