In den Süden

Vier Jahre nach Auszeit beschäftigt sich Laurent Cantet mit weiblichem Sextourismus im Haiti der siebziger Jahre. Inmitten politischer Unruhen buhlen Charlotte Rampling und Karen Young als amerikanische Urlauberinnen um die Gunst eines käuflichen Liebhabers.

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Mitte der neunziger Jahre begab sich die Filmemacherin Birgit Hein nach Jamaika, um für Sex mit jüngeren Männern zu bezahlen. Ihr Film Baby I will make you sweat (1995) hält diesen Trip mit grobkörnigen Hi-8-Videobildern und tagebuchartigen Reflexionen fest und ist ein faszinierendes Dokument weiblichen Begehrens im Alter. Erstaunlicherweise gehört Heins Selbstoffenbarung zu den wenigen Filmen, die sich mit dem Thema Sextourismus, in diesem Fall auch noch aus weiblicher Perspektive, beschäftigen. Und das obwohl dieses Sujet von der Sehnsucht des Freiers über die sozialen und politischen Umstände der von Armut geprägten Reiseziele bis zu dem vom Geld bestimmten Verhältnis zwischen Käufer und Gekauftem reichlich dramatisches Potential liefert.

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Nach seiner analytischen Kritik an der Leistungsgesellschaft in Auszeit (L’emploi du temps, 2001) nimmt sich der Regisseur Laurent Cantet in seinem neuen Film dieses Themas unter den erwähnten Gesichtspunkten an. Die Handlung von In den Süden (Vers le sud) basiert auf drei Kurzgeschichten des haitianischen Autors Dany Laferrière und ist im von politischer Repression gezeichneten Port au Prince der siebziger Jahre angesiedelt, wo einige amerikanische Touristinnen in einem Hotelressort hausen und sich die Zeit mit einheimischen Männern vertreiben. Der Film konzentriert sich vor allem auf die beiden Frauenfiguren Ellen (Karen Young) und Brenda (Charlotte Rampling), die sich einen erbitterten Konkurrenzkampf um den attraktiven Legba liefern. Nachdem Brenda den jungen Mann bereits einige Jahre zuvor als fünfzehnjährigen Stricher kennen gelernt hatte, muss sie bei ihrer mit allerlei Erwartungen verbundenen Rückkehr feststellen, dass ihn die charismatische Ellen bereits für sich in Anspruch nimmt.

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Obwohl sich Cantet inhaltlich vor allem dem Geschehen in der hermetisch abgeriegelten Hotelanlage widmet, fließen auch immer wieder die sozialen und politischen Probleme des Landes mit in die Geschichte ein. Die vermeintlich paradiesischen Zustände am Strand werden dadurch der von Armut und Unterdrückung geprägten Wirklichkeit außerhalb gegenüber gestellt. Dieser Gegensatz lässt sich auch auf das Verhältnis zwischen den finanziell besser gestellten Touristinnen und ihren schwarzen Adonissen, denen sie immer wieder Geldscheine in die Badehosen stecken, übertragen. Natürlich könnte man das als eine moderne Form von Kolonialismus interpretieren, Cantet widersteht jedoch der Versuchung, die jungen Gigolos zu Opfern der spendierfreudigen Urlauberinnen zu stilisieren.

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Mit einer mehr beobachtenden als den Zuschauer mit einbeziehenden Erzählperspektive demonstriert In den Süden vielmehr, dass Legba und seine Freunde auch eine andere Wahl hätten und sich hinter der scheinbaren Ausbeutung durch Brenda und Ellen eigentlich eine tiefe Sehnsucht nach Liebe verbirgt. Bei dem im Film dargestellten weiblichen Sextourismus geht es über den Sex hinaus auch um die Simulation einer Liebesbeziehung, und Cantet zeigt, wie leicht dieses Dienstleistungsverhältnis durch innere und äußere Einflüsse außer Kontrolle geraten kann.

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Im Verlauf des Films greift Cantet mehrmals zu einem allzu bequemen Stilmittel, um das Innenleben seiner Protagonistinnen nach außen zu stülpen. Die pseudodokumentarischen Interviews, in denen die Frauen ihre Vorgeschichte und die Beweggründe für den Urlaub offenbaren, sorgen nicht nur für Brüche im Erzählfluss, sondern wirken auch unweigerlich theatralisch und affektiert. An einer Stelle gelingt es Cantet allerdings, dieser plakativen Vorgehensweise einen interessanten Aspekt abzugewinnen. Einer der inneren Monologe wird von dem Oberkellner des Hotels gehalten, der nicht nur als verbindendes Glied zwischen Einheimischen und Touristen fungiert, sondern auch als einziger schwarzer Mann zu Wort kommt. Sein Schwebezustand zwischen tatsächlicher Identität und Anbiederung an die weißen Touristen wird konsequenterweise dadurch vermittelt, dass sein intimes Geständnis nur in Form eines Off-Kommentars wahrnehmbar ist.

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Das Gesamtbild, das In den Süden mit seinen verschiedenen Ansätzen vermittelt, ist disparat. Dabei wird die Verstrickung von Sex und Politik durch die Geschichte einer tragisch endenden Dreiecksbeziehung und souveräne Darstellerleistungen von Charlotte Rampling und Karen Young weitgehend in den Hintergrund gedrängt. Dass man dabei als Zuschauer letztlich keine wirklich neuen oder zumindest ungewöhnlichen Erkenntnisse über Sextourismus bekommt, kann man dem Film eigentlich nicht ankreiden. Schließlich bewegt er sich auf noch relativ unbetretenem Terrain.

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