In Darkness - Eine wahre Geschichte

Der Reflex zu menschlichem Handeln: In Agnieszka Hollands Oscar-nominiertem Holocaustdrama rettet ein polnischer Kanalarbeiter im besetzten Lwów eine Gruppe von Juden vor der Ermordung.

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„Wo war der Mensch in dieser Krise?“ „Sind die Ereignisse und Handlungen eine Ausnahme der Menschheitsgeschichte oder zeigen sie unsere dunkle, innere Wahrheit?“ In ihrem Holocaustdrama In Darkness – Eine wahre Geschichte (In Darkness, 2011), einer Adaption des Buches In the Severs of Lvov von Robert Marshall, erschienen 1991, versucht die polnische Regisseurin Agnieszka Holland Antworten auf diese in einem Statement zum Film formulierten Fragen zu finden.

Das Jahr 1943: Im besetzten Lwów (deutsch Lemberg, ukrainisch L’viv) im damaligen Polen herrschen Besatzungsterror und Versorgungsnotstand. Kanalarbeiter Leopold Socha (Robert Więckiewicz) kann nur als Kleinkrimineller mit Einbrüchen und Schwarzmarkthandel seine Familie durchbringen. Teilnahmslos registriert er den von deutschen Besatzern und ukrainischen Milizen organisierten Vernichtungsterror gegen die zahlreiche jüdische Bevölkerung der Stadt. Juden zu helfen bedeutet sofortigen Tod der ganzen Familie, versteckte Juden zu denunzieren verspricht eine Geldprämie. Als das Ghetto von Lwów im Januar 1943 „geräumt“ wird, erhält Socha ein lukratives Angebot: Der reiche Ignacy Chiger (Herbert Knaup) will den Kanalarbeiter stattlich bezahlen, wenn er ihn, seine Frau Paulina (Maria Schrader) und neunzehn weitere aus dem Ghetto geflüchtete Juden in der Kanalisation versteckt und so vor der Deportation in die Vernichtungslager rettet. Socha willigt ein. Doch bald geht Chiger das Geld aus. Die „Geschäftsgrundlage“ für die Hilfe fällt weg. Doch Leopold Socha macht weiter. Vierzehn Monate lang versteckt er „seine Juden“ im Kanal.

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Die Besonderheit des nah an den historischen Fakten angelegten Films ist sein narrativer Ansatz: In Darkness – Eine wahre Geschichte gewährt dem Zuschauer keine Perspektive aus distanzierter Sicherheit, in der etwa stereotype Opfer- oder Rollenbilder gepflegt werden. Das primär exponierte und hinterfragte Gut ist hier die Befähigung zu menschlichem Handeln angesichts blanken Terrors.

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Die Gruppe der Ghettoflüchtlinge ist heterogen gezeichnet: vom reichen Bildungsbürger zum einfachen Schieber, vom streng Gläubigen zum Ehebrecher – die lebensbedrohliche Extremsituation ist einziger gemeinschaftsbildender Faktor. Individuelle Ängste, Verzweiflungstaten und egoistischer Überlebensinstinkt gefährden die Gruppe von innen heraus, etwa wenn Streit darüber entsteht, welche zehn aus ihrer Mitte selbst ausgewählten Menschen von Socha gerettet werden sollen, oder wenn eine dem Wahnsinn nahe Mutter ihr Neugeborenes tötet. Der Fokus liegt auf Menschen in der Krise, die sich zu sozialer Interaktion überwinden müssen. Menschen, die sexuelle oder religiöse Bedürfnisse haben und die nicht gefeit sind vor Rücksichtslosigkeit, Selbstsucht oder gegenseitiger Aggression. „Gott hört nicht zu, Trottel!“, lautet die desillusionierte Anfeindung gegen einen Mann, der sein Heil im Gebet sucht. Im Kanal schwimmen Leichen; Moder, Gestank und Ratten umgeben die Menschen.

Es ist vor allem die visuelle Sprache, mit der Holland und Kamerafrau Jolanta Dylewska (Tulpan, 2008; Die Edelweißpiraten, 2005) die Darstellung einem plakativen Naturalismus entziehen und dank der die titelgebende Dunkelheit teilweise wie ein drückender Schleier die Bilder dominiert, so etwa, wenn zu Beginn im düsteren Morgengrauen eine Gruppe nackter Frauen durch einen Wald zur Hinrichtung gehetzt wird. Sich der Wirkung der unerträglichen Bilder bewusst, verzichtet Agnieszka Holland auf nahezu jegliche paraphrasierende Ausschmückung durch extradiegetische Musik: So beschränkt Antoni Łazarkiewicz (Die Zweite Frau, 2008) den Soundtrack zu In Darkness auch formal durch strenge Reduktion auf ein nahezu homöopathisches Minimum.

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Die Verweigerung stereotyper Rollenmuster zeigt sich narrativ am deutlichsten jedoch in der Hauptfigur: Leopold Socha ist kein Held wider Willen oder Antiheld. Die Figur definiert sich vor allem durch Ambivalenzen: Socha ist Familienmensch und guter Katholik – unmoralischer Ganove mit mangelhafter Empathie und latent judenfeindlich. Der Wandel dieses charakterlich defizitären Menschen zum altruistischen Retter vollzieht sich konsequenterweise ohne pathetisch glorifizierendes Beiwerk: Sochas Impulse zu menschlichem Handeln werden nicht offenkundig. Es gibt keine wirkungsvollen symbolischen Gesten oder monumentalen Deklarationen, die sein Handeln im Sinne einer Entwicklung zum Menschlichen lesbar machen würden. Robert Więckiewicz entwickelt seinen Charakter irgendwo am Rande, unbemerkt, mechanisch. Die Entwicklung manifestiert sich eindrucksvoll in Miniaturen, in der Mimik, in unter zunehmendem Zeitdruck getroffenen Entscheidungen, die – in Abwägung der lebensbedrohlichen Risiken – eigentlich irrational sind. Więckiewicz gelingt eine Figur, die zunehmend spontan, mehr intuitiv als logisch, aus sich selbst heraus und wie in Trance agiert. Hier flammt spontanes Verantwortungsbewusstsein („meine Juden“) ebenso auf wie zunächst absurd anmutende Reflexe, so zum Beispiel sein Beharren, dass ein totes Kind doch in einem improvisierten Begräbnis „ordentlich“ zu bestatten sei.

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Dass die Fähigkeit zu menschlichem Handeln dem Menschen inhärent ist, in Zeiten der Finsternis und der organisierten Bestialität aber zu einer enormen Leistung wird: Dies unprätentiös und eindringlich erfahrbar zu machen ist das Verdienst dieses großartigen Films.

Trailer zu „In Darkness - Eine wahre Geschichte“


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