Victoria - Männer und andere Missgeschicke

Verloren in der Gegenwart: Justine Triet hat eine dramatische Komödie gedreht, die Selbstbespiegelung zum notwendigen Terrorakt macht.

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Schon im ersten Bild liegt Victoria auf der Couch ihres Therapeuten. Sie fühlt sich bewogen, ihm zu gestehen, dass sie neben ihm auch eine Wahrsagerin konsultiert. Es gehört zur Haltung, mit der Justine Triets zweiter Spielfilm daherkommt, dass das weder richtig bitter noch komisch ist, und doch irgendwie beides. Victoria - Männer und andere Missgeschicke (Victoria) ist ein Film zwischen allen Stühlen, was ihn sehr sympathisch macht, dem Erlebnis aber im Festivalmodus der schnellen Eindrücke und Festlegungen zumindest etwas Abbruch tut. Denn von der Story her sowohl romantische Komödie als auch Arbeitsplatzdrama, liegt die besonnene Zuspitzung im Porträt der Titelheldin.

Ein Dalmatiner als Zeuge

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Alleinerziehende Mutter zweier Mädchen im Kita-Alter, selbstständige Strafverteidigerin, allenthalben von Existenzsorgen geplagt, vor allem aber emotional überinvestiert in ihre Fälle – eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Triet hat für ihre dichte, an Lebensdiagnosen satte Inszenierung eine Position gleichzeitiger Emphase und Zurückhaltung gefunden, die den Film auch in den dramatischen Passagen eher dem Erzählmodus einer Komödie zuschlägt. Albern geht es immer wieder zu, vor allem im Gerichtsverhandlungsstrang. Mit großem Ernst wird als Zeuge ein Dalmatiner geladen, dessen Reaktionen auf den Angeklagten als Beurteilung seiner vergangenen Handlungen dienen sollen. Wedelt er mit seinem Schwanz nach links oder nach rechts? Rechts ist unschuldig, links ist schuldig. (Ich frage mich: Wie bei Jesus?) Victoria zeichnet eine nonchalant ins Bild gesetzte Situationskomik aus. Indem Triet voll auf die Figuren abstellt, erhalten die Details des schönen Setdesigns und die sich darin ereignenden absurden Beziehungsdramen der rastlosen Protagonisten etwas beeindruckend Alltägliches.

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Ob Victoria zu Hause ist oder nicht, sie sucht immer die Versöhnung von innen und außen, will sich selbst gerecht werden und allen anderen auch. Gleichzeitig generiert ihre Überforderung einen Drang zum ständigen Anheizen der Konfliktherde. Abkürzungen sind nur der schnellste Weg in die nächste falsche Entscheidung. Ablenkung vom Jetzt ist ihr primärer modus operandi, allerdings ein sehr charmanter, weil sie ihn mit Verve, Offenheit und beinahe ungeschützter Ehrlichkeit verfolgt. Das gilt für die vom Therapeuten verschriebenen, scheiternden Sexdates genauso wie für den Umgang mit ihren Mandanten. Vor allem dass sich Victoria selbst angreifbar macht, nimmt sehr für sie ein.

Unauffällig kurios

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Die Inszenierung zu qualifizieren, ohne sie mit einem manchmal abwertend belegten Begriff wie routiniert zu beschreiben, fällt schwer. Für eine Regisseurin aber, die hier erst ihren zweiten Spielfilm vorlegt, wirkt Victoria beachtlich geschliffen und konzis. Mit Energie und ambivalenter Zärtlichkeit füllen das vor allem die beiden Hauptdarsteller Virginie Efira und Vincent Lacoste. Efira hat zwischen Sinnlichkeit, Promiskuität, Verletzlichkeit, Stärke und Mütterlichkeit ein großes Spektrum zu bedienen. Es sind nur kleine Veränderungen in ihrem Auftreten, ihrem Blick und ihrer Haltung, die große Wirkung auf der Kinoleinwand zeigen, ohne dass dafür das Schauspiel als Arbeit in den Vordergrund träte – bis zu dem Moment des großen Showdowns vor Gericht, bei dem es Efira auch noch gelingt, dem körperlich angeschlagenen Zustand ihrer Figur bemerkenswert subtile Töne abzutrotzen. Lacoste dagegen übt sich den gesamten Film über in einer schlichten, sanften Gegenwart ohne große Akzente. Beides fügt sich ziemlich ideal in diesen Film mit den vielen kuriosen Erzählsträngen, der irgendwie genau richtig in Cannes ist – und dessen Einladung in die Semaine de la Critique gleichzeitig ein Mysterium bleibt. Victoria ist ein Film, der sich selbst so unauffällig macht, dass er leicht untergehen könnte. Wäre da nicht ein Dalmatiner, der über die Schuld des Angeklagten entscheiden soll.

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