Import Export

In seinem zweiten Spielfilm erzählt Ulrich Seidl von einem Österreicher und einer Ukrainerin, die ihr finanzielles Glück im Land des anderen suchen.

Import Export

Ulrich Seidl ist ein Experte, wenn es um menschliche Abgründe geht. In seinen stilisierten Dokumentarfilmen konfrontiert er den Zuschauer etwa mit sozial verkümmerten Christen (Jesus, du weißt, 2003), fanatischen Tierliebhabern (Tierische Liebe, 1995) und narzisstischen Models (Models, 1998). Sein erster Spielfilm Hundstage (2001) markierte weniger einen Schritt vom Authentischen zum Fiktiven, als eine Weiterentwicklung der dokumentarischen Arbeit über gesellschaftliche Außenseiter, in der neben Laiendarstellern nun auch professionelle Schauspieler zu sehen waren und die Mittel von Inszenierung und Fiktion weiter ausgereizt wurden. Angesiedelt in der Wiener Vorstadt während der heißesten Tage des Jahres breitete Seidl darin ein Panoptikum an unterschiedlichen menschlichen Existenzen aus.

So wie Hundstage die drückende Hitze als zentrales Motiv hatte, beschäftigt sich Seidl in seinem neuen Film mit dem Winter und der Kälte. Der Vielzahl an verschiedenen Personen und Geschichten aus dem Vorgängerfilm setzt Import Export die beiden Geschichten von Olga und Paul entgegen. Olga (Ekateryna Rak) ist als Krankenschwester in der Ukraine angestellt, kann von ihrem Lohn aber nicht ihr Kind ernähren. In Österreich versucht sie ihr Glück als Haushaltshilfe und landet schließlich als Putzkraft in einer geriatrischen Klinik. Der junge Wiener Paul (Paul Hofmann) verliert dagegen seinen Job als Sicherheitsmann und muss seine Schulden begleichen, indem er mit seinem Stiefvater (Michael Thomas) Spielautomaten in der Ukraine aufstellt.

Import Export

Seidl begibt sich in Import Export wieder an trostlose Originalschauplätze wie eine geriatrische Klinik, in der die Patienten vor sich hin vegetieren und auf den erlösenden Tod zu warten scheinen oder eine völlig verwahrloste ukrainische Wohnsiedlung. Mit dem ein wenig zur Modeerscheinung gewordenen Sozialpessimismus des zeitgenössischen österreichischen Kinos und dem Seidl häufig bei seinen Dokumentationen vorgeworfenen Begriff der Sozialpornografie hat der Film jedoch nichts zu tun. Import Export sucht zwar Orte auf, die gerne verdrängt werden, instrumentalisiert sie aber nicht um Mitleid zu erregen oder zu moralisieren. Ähnlich verhält es sich mit den Figuren, die nicht dämonisiert, aber auch nicht zu zugänglichen Sympathieträgern idealisiert werden. Seidls humanistische Haltung zeigt sich wie bei dem französischen Regisseur Bruno Dumont (Das Leben Jesu, La vie de Jésus, 1997; Flandres, 2006) gerade dadurch, dass die Filme den Zuschauer mit innerer und äußerer Hässlichkeit konfrontieren, ohne ihm eine moralische Wertung aufzuzwingen. Die Figuren und ihre Handlungen fungieren wie eine Art Rohmaterial, das erst durch den Blick und das Wertesystem des Betrachters vollendet wird.

Import Export

Hinsichtlich der Dramatisierung und Verdichtung des Gezeigten verhält es sich ähnlich spröde wie bei den Figuren. Die Geschichten von Olga und Paul kreuzen sich an keiner Stelle des Films und die Erzählstränge funktionieren weniger im Sinne eines kontinuierlichen dramaturgischen Aufbaus, als wie verschiedene Episoden oder Stationen einer Reise. Da auf der Handlungsebene relativ wenig passiert und sich die Geschichten nur langsam fortbewegen, verlagert sich der Blick des Zuschauers von der Handlung zunehmend auf den Mikrokosmos der einzelnen Szenen, bei dem sich Seidls wahres Talent zeigt. Hier kommt es zu treffenden Alltagsbeobachtungen, die den Chauvinismus eines finanziell besser gestellten Landes bloßstellen und zu Szenen, die durch ihre Vieldeutigkeit verstören. Gerade wenn man als Zuschauer nicht weiß, ob man das Gezeigte nun absurd, erschreckend oder albern finden soll, entwickelt Import Export eine ungemeine Intensität.

Seinen kalten formalistischen Blick bricht Seidl immer wieder durch vereinzelte berührende und lustige Augenblicke, wobei besonders der Gastauftritt des Kabarettisten Dirk Stermann als Motivationstrainer äußerst witzig geworden ist. Elemente wie diese nehmen dem Film zwar etwas von seiner Kälte, milde und gefällig ist Import Export aber deswegen noch lange nicht.

Kommentare


premiere in ulm

Der Film zeigt wirklich Abgründe auf. Fragt sich nur im Film oder der Regisseur selbst.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.