Im Zeichen des Löwen

In seiner nüchternen Inszenierung und mit seiner modernen Violinmusik wirkt Rohmers Regiedebüt auf den ersten Blick etwas sperrig, liefert jedoch eine bewundernswerte Analyse der menschlichen Not.

Im Zeichen des Löwen

Eric Rohmer, der als weit über 80-Jähriger mit Les amours d’Astrée et de Céladon noch im Jahr 2008 seine letzte Regiearbeit und – wie er selbst sagt – sein filmisches Testament in die französischen Kinos brachte, ist der Klassiker in der Gruppe der Nouvelle Vague. Bekannt ist Rohmer vor allem für die schwierigen Amouren und Dreiecksgeschichten, die er in seinem Werk auf eine ihm eigene fast keusche Art seziert.

Anders hingegen ist in seinem relativ unbekannten Debütfilm Im Zeichen des Löwen (Le signe du Lion, 1960) nicht die Liebe das zentrale Thema, sondern die Schicksalsfügung, die den erfolglosen Musiker Pierre (Jess Hahn) im sommerlichen Paris auf eine Achterbahnfahrt zwischen Verwahrlosung und geerbten Reichtum sendet. Wie eine klassische griechische Tragödie ist die Geschichte von Fall und Erlösung in fünf Akte unterteilt und entwirft eine geradezu spiritualistische Studie des Helden.

Im Zeichen des Löwen

Rohmer, der auch noch zum Höhepunkt des Dekonstruktivismus hartnäckig die Bedeutung des Realen im Film und die Objektivität des Kameraauges verteidigte, überhöhte bei den Dreharbeiten den Realismus von Ort und Zeit. Im Zeichen des Löwen, der zwischen dem 22. Juni und dem 23. August spielt, wurde an den entsprechenden Tagen zu den jeweiligen Uhrzeiten der Handlung gedreht. In der brütend heißen Stadt folgt Rohmer mit der Kamera seinem Schauspieler, der den Leidensweg und den körperlichen Verfall der Figur nicht spielt, sondern selbst erläuft und erlebt. Die Repräsentation des Spiels weicht der Präsenz des Seins: „Die Figur muss die Gesten des Schauspielers annehmen, ohne dass sich dieser darüber bewusst wird“, lautet das Credo des Autors. Im Moment der körperlichen Erschöpfung des Schauspielers und der Dekomposition seines Spiels trotzt ihm Rohmer die wahrhaftige, weil natürliche und unkontrollierte Geste ab. In ihr findet die Figur Pierre die geistige Erlösung und künstlerische Erfüllung. Diese vom Kreuzweg Christi inspirierte Suche der inneren Wahrheit, die erst durch das physische Leiden des Schauspielers erreicht wird, hat neben Eric Rohmer auch Roberto Rossellini mit Ingrid Bergman in Stromboli (1950) unternommen.

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