Im Sommer wohnt er unten

Gemeinschaft ist Raum und Sprache. Tom Sommerlatte dirigiert zwei ungleiche Brüder und deren Freundinnen in einem dreisprachigen Beziehungsreigen durch ein Sommerhaus.

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Es deutet alles auf einen Moment der Befreiung hin, nach etwas mehr als der Hälfte der Spielzeit von Tom Sommerlattes Langfilm-Debüt, wenn Matthias (Sebastian Fräsdorf) zum Schwimmwettkampf gegen seinen älteren Bruder David (Godehard Giese) antritt. Der (insgesamt tolle) Soundtrack dreht auf, Zeitlupe, endlich direkte, physische Konfrontation. Zwei völlig verschiedene, etwas arg stereotyp personifizierte Lebenskonzepte treffen aufeinander – hier der eher unambitionierte und leicht ziellose Hänger, der sich mit seiner französischen Freundin Camille und deren Sohn fest im Ferienhaus der Eltern eingerichtet hat, dort der taffe und zielstrebige Erfolgsmensch David, der mit seiner Partnerin zum Urlaubmachen gekommen ist und meint, seinen kleinen Bruder ständig unterbuttern zu müssen. Der Pool im Garten des Familien-Sommerhauses an der französischen Atlantikküste leuchtet hellblau, am Beckenrand stehen die beiden Frauen, die Sympathien der beiden und auch des Zuschauers gelten eindeutig Matthias. Der Moment scheint gekommen, die Vorzeichen endlich einmal umzudrehen, nicht nachzugeben, sondern selbst Überlegenheit zu demonstrieren, wenn auch nur im sportlichen Vergleich – die kathartische Auflehnung steht kurz bevor. Doch dann: eine knappe Niederlage. Völlig erschöpft wankt Matthias erst einmal in Richtung einiger nahe gelegener Bäume und übergibt sich.

Orte der Trennung und des Zusammenfindens

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Im Sommer wohnt er unten birgt immer wieder solche mikrodramaturgischen Wendepunkte, auch wenn diese eigentlich zumeist stärker für Komik-Effekte genutzt werden. Viel eindrücklicher ist aber, wie es Sommerlatte, der auch das Buch der deutsch-französischen Koproduktion geschrieben hat, schafft, aus einem eigentlich fast kammerspielartigen Setting so viele verschiedene, jeweils spezifische Räume zu formen, dramaturgisch einzubinden und dann (vor allem in Hinblick auf die Figurenbeziehungen) bedeutsam werden zu lassen. So ist etwa der Pool als sicherlich auffälligster dieser Miniatur-Orte mehrfach Austragungsort kleinerer und größerer Machtkämpfe um Autorität und Anerkennung, dann aber auch wieder eine Umgebung für sexuell aufgeladene Annäherung. Viele weitere Räume sind im Verlauf des Films ähnlich dialektisch konnotiert, zumeist als Orte der Trennung und des (Wieder-)Zusammenfindens. Das Ausmessen der Psychen der Protagonisten und ihrer ständig wechselnden emotionalen Distanzen zueinander ist immer stark an konkret räumliche Sektoren und Sphären gebunden. Ob die gesellschaftsbildende Magie der Küche, das Baumhaus als Rückzugsort oder die Terrasse als eine Art Unabhängigkeitszone – Sommerlatte insistiert immer mindestens auch auf eine andere (gegenteilige) Modifizierung und Aneignung. Das Schlafzimmer, auf das der Filmtitel anspielt und um dessen Belegung die Brüder sich streiten, ist dabei konsequenterweise jener Ort, in dem all diese Raum-Emotions-Relationen zusammenlaufen.

Ein dreisprachiger Reigen

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Was dabei entsteht, ist eine erfrischend spielerische Inszenierung, die die vielen, sich immer wieder neu verzweigenden affektiven Schwingungen, Machtspielchen und enttarnten Fassaden sehr feinkörnig und ohne bedeutungsschwangere Gesten einfängt. Auch weil Sommerlatte, selbst gelernter Schauspieler, noch einen Clou auf Dialogebene bereithält, der es ihm erlaubt, seine Beziehungs-Tragikomödie immer wieder in einen subtileren Modus zu steuern: Durch die Figur der Camille (Alice Pehlivanyan) ist Im Sommer wohnt er unten dreisprachig, es wird deutsch, französisch und englisch gesprochen. Die Sprache selbst wird dabei zu einem gestalterischen Parameter und einem kraftvollen Instrument für die Figuren und ihre Gefühle zueinander. Und so ist es eben vor allem das Wo und das Wie des Sprechens (und nicht das Was!), das den vergnüglichen, immer wieder ins Stocken geratenden Beziehungsreigen in Im Sommer wohnt er unten am Drehen hält.

Trailer zu „Im Sommer wohnt er unten“


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