Im Schwitzkasten

Deutschland in Zeiten von Hartz IV. Dass es dabei nicht viel zu lachen gibt, scheint nur ein Vorurteil zu sein, schenkt man Im Schwitzkasten, der das Thema Arbeitslosigkeit von einer humorvollen Seite anpackt, Glauben.

Im Schwitzkasten

Das deutsche Kino jenseits der polierten Bernd Eichinger-Produktionen übt sich derzeit in einem bescheidenen Realismus. Egal ob der Regisseur Andreas Dresen, Hans-Christian Schmid oder Detlev Buck heißt, die wacklige Handkamera fängt stets mal mehr (Requiem, 2005), mal weniger (Sommer vorm Balkon, 2005) tragische Geschichten ein. Der irische Filmemacher Eoin Moore, seit Pigs will fly (2002) einem größeren Publikum bekannt, wählt eher einen an Heimvideos erinnernden Stil, um von einer ungewöhnlichen Saunagemeinschaft im Herzen Berlins zu erzählen.

Die beiden Geschwister Nadine (Christiane Paul) und Jost (Charly Hübner) Molinski sind die Betreiber einer kleinen Wellness-Oase. Jeden Donnerstag trifft sich dort eine Gruppe unterschiedlicher saunabegeisterter Großstädter zum gemeinsamen Latschenkieferaufguss. Bei reichlich Körperschweiss, heißen Dämpfen und entspannenden Fango-Massagen wird wahlweise über die große Politik in Zeiten von Hartz IV philosophiert, den eigenen Zukunftsträumen hinterher getrauert oder zur intensiven partnerschaftlichen Kontaktaufnahme geschritten. Dem intellektuellen Freidenker und überzeugten Liberalen Norbert (Edgar Selge) wird der zweifelnde Langzeitarbeitslose Toni (Andreas Schmidt) zur Seite gestellt. Die karrierebewusste Flugbegleiterin Dani (Esther Zimmering) trifft auf die esoterisch angehauchte idealistische Weltverbesserin Monika (Laura Tonke). Und alle werden sie von Tonis Exfrau Karin (Steffi Kühnert) mit ständig neuen Versicherungsangeboten und guten Ratschlägen überschüttet.

Im Schwitzkasten

Soweit das Ensemble. Was folgt, ist ein Selbstfindungstrip im Schnelldurchgang. Obwohl die Schauspieler beim Dreh viele Freiheiten genossen und die Szenen durchaus einen improvisierten Charakter besitzen, verläuft die gesamte Handlung in nur zu bekannten Bahnen. Unter der Überschrift „Arbeit und Arbeitslosigkeit in Zeiten der Globalisierung“ will Moore augenscheinlich die Facetten dieser sonst so abstrakt geführten Debatte auf Einzelschicksale herunterbrechen. Da muss der freiheitsliebende gern über Eigenverantwortung philosophierende Norbert natürlich die harte Realität eines arbeitslosen Vaters kennen lernen, damit in ihm ein Umdenkungsprozess in Gang kommen kann. Und die Mini fahrende Stewardess begreift erst in welcher Lage sie sich befindet, als auch das schönste Lächeln nicht ausreicht, um einen Job zu bekommen. Ganz eindeutig kollidieren hier auf engstem Raum keine Menschen sondern Klischees miteinander.

Als einfach gestrickte Komödie funktioniert Im Schwitzkasten erstaunlich gut, weil der Zuschauer merkt, dass die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Die Entstehungsgeschichte des Films verstärkt zudem den Eindruck, dass sich hier befreundete Schauspieler zu einem verlängerten Sommerurlaub zusammen gefunden haben. In nur 20 Tagen entstand in Zusammenarbeit mit der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF ein launiges filmisches Experiment. Moore verfasste kein Drehbuch im herkömmlichen Sinn, sondern lediglich einen zwölfseitigen groben Entwurf der Story. Innerhalb dieses Grundkonstrukts konnten auch die Schauspieler eigene Ideen in den Film mit einbringen und ihren jeweiligen Charakter weiterentwickeln. Im Schwitzkasten weist dadurch ein deutliches Qualitäts-Gefälle zwischen den einzelnen kleinen Geschichten auf. Die viel zu kurz angerissene Beschäftigung mit Karins Überforderung als allein erziehende Mutter erscheint in dieser Form unbefriedigend. Edgar Selges Charakter wird dagegen deutlich mehr Raum zugestanden, um den ohnehin schon vorhersehbaren ideologischen Wandel zu protokollieren.

Im Schwitzkasten

Die Digitalkamera bleibt immer auf Tuchfühlung mit den vor sich hinschwitzenden Protagonisten, ein Punkt bei dem die Dokumentarfilmvergangenheit des Regisseurs leise durchschimmert. Im Schwitzkasten atmet nicht zuletzt aufgrund des weitgehenden Verzichts auf künstliches Licht und der freihändigen Kameraführung einen Dogma 95 nicht unähnlichen Geist, ohne dass Moore seinen Arbeitsstil selbst so beschreiben würde. Form und Inhalt sind stimmig, weil die Bodenständigkeit der Story und ihrer Protagonisten zu dem nüchternen Erscheinungsbild des Films passt.

Die Sauna als Setting ist clever gewählt. Denn bei soviel nackten Tatsachen kommt es fast zwangsläufig zu einer Egalisierung der sozialen Verhältnisse. Nur mit einem Badehandtuch bekleidet unterscheidet sich die Karrieristin nicht länger von dem Langzeitarbeitslosen. Leider vermag es der Film nicht, die immer wieder angedeuteten Ausflüge auf dramatisches Terrain glaubhaft zu vollziehen. Das liegt letztlich daran, dass uns die Gruppe zuvor als ein Haufen überzeichneter Klischees vorgestellt wurde. Alle sind, mit Ausnahme von Christiane Pauls Charakter, zu überdreht, als dass man als Zuschauer später wirklich mit ihnen empfinden kann. Nur Andreas Schmidt hat in der Rolle des verzweifelten Vaters einen starken Auftritt. Der Moment, als Toni aus Geldnot natürlich erfolglos versucht, für seinen Sohn ein Fahrrad zu stehlen, bleibt nachhaltig in Erinnerung. Doch das ist etwas zu wenig.

 

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