Im Krieg - Der 1. Weltkrieg in 3D – Kritik

Nikolai Vialkowitsch spürt in einem 3D-Film die Abgründe des Ersten Weltkriegs auf und führt einen kinematographischen Feldzug im Raum des Kinos.

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Jährt sich ein historisches Datum, dann steht es zumeist stimm-  und bildgewaltig im Fokus der Medien. So ist es keine Überraschung, dass sich alle Aufmerksamkeit im Jahr 2014 dem „Weltenbruch“ so der Titel einer aktuellen Ausstellung im Berliner Brücke­-Museum zu Beginn des 20. Jahrhunderts zuwendet. Längst rufen Jubiläen der Geschichte nicht nur ein politisches Gedenken hervor, vielmehr wird der Gestus des Nachrufs und des Aufrufs zur Reflexion in erster Linie von kultureller Seite forciert nicht zuletzt im Kino, lassen sich die Geschichten der Geschichte doch auch wunderbar in bewegten und bewegenden Bildern aufarbeiten.

Kriegsschauplatz Kino

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So bringt Nikolai Vialkowitsch den Ersten Weltkrieg nun auch auf die Leinwand – oder vielmehr ins Kino, denn eine Leinwand trifft der Film nur bedingt, steht er als 3D-Produktion doch mehr oder weniger formatfüllend im Raum; und mit ihm die Frage, was das Geschichtskino zu einer besseren, aufgeklärteren, nachhaltigeren Welt, beitragen kann, soll, muss. Wer bei dem Filmtitel an die Fadenkreuzperspektive eines Egoshooters oder an eine Geschichtskeule mit vorwiegend emotionalem Einschlag denkt, liegt jedenfalls falsch. Vialkowitsch eröffnet vielmehr einen räumlichen Wesenszug des Krieges, der nicht ohne den des Kinos gesehen werden kann, ist dieser Krieg doch immer unmittelbar mit dem jeweiligen Ort des Geschehens verbunden, genau wie auch das Kino nicht ohne einen konkreten Raum existiert. Umso interessanter, wenn diese beiden Welten, die sich in der digital-globalen Konvergenz zu zerstreuen drohen und kaum mehr verortet werden können, nun an einem Punkt zueinander finden.

Die Realität weicher zeichnen

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Das Problem der kinematischen Verortung schlägt sich bereits im Versuch einer präzisen Definition des Filmgenres wieder. Genau genommen ist Im Krieg kein Dokumentarfilm, sondern ein Film aus Dokumenten. Unter welchem Realitätsanspruch des Dokumentarischen man den Film, um es erst einmal neutral zu halten, auch immer einordnen mag, das Wort „präzise“ ist in jedem Fall namengebend für die gesamte Produktion. Vialkowitsch hat in Kooperation mit der Karlsruher Parallax Produktion zahlreiche Stereoskopien, also alte 3D-Fotografien, restauriert und zu Kurzfilmen montiert. Im Krieg ist nun der erste Langfilm, der aus dieser Kooperation hervorgeht. Für den Film wurden die Stereoskopien, die jeweils als fotografische Bildpaare vorliegen, aufwändig retuschiert, da sich im Lauf der Zeit unterschiedliche Spuren auf dem linken und rechten Bild abzeichnen. Der im Dokumentarfilm sonst durchaus kritikanfällige Eingriff der Retusche wird im selbst-reflexiven Prolog des Films selbst thematisiert, als eine Frauenstimme in ihrem Zeitzeugenbericht in doppeltem Sinne klarstellt: „Dies sind Fragmente einer großen Verworrenheit. Man muss die Realität weicher zeichnen, um sich der Wahrheit anzunähern.“

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Ergänzt werden die im Film durch Zoom-ins und -outs in Fahrt gebrachten Stereoskopien durch filmisches Archivmaterial, sowie durch Sequenzen, die im Herbst 2013 an den Originalkriegsschauplätzen in Frankreich und Belgien gefilmt wurden: Aufnahmen von menschenleeren Niemandsorten, entlang ehemaliger militärischer Eisenbahnstrecken, Efeu überwachsener Schützengräben und Schlachtfeldern, die heute mit belgischem Rosenkohl bepflanzt sind. Die Stereoskopien gehen oftmals fast nahtlos in das filmische Archivmaterial über, dokumentieren also identische oder ähnliche Szenen des Kriegsgeschehens.

Die Ikonen des Krieges: Zinnsoldaten und gefallene Krieger

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Vertont wird diese Bildspur, die schleichend die Vergangenheit und die moosbewachsene Gegenwart durchzieht, von einem sphärisch-militärischen Paukenwirbel und Streicherreigen, komponiert von Henrik Albrecht und eingespielt vom Filmorchester Babelsberg. Ein beeindruckender Soundtrack, der angesichts der Intentionen des Films, eher leise Zwischentöne anschlagen zu wollen, dann doch etwas zu große filmische Ambitionen durchklingen lässt. Mehr Taktgefühl hat Vialkowitsch bei der Wahl der Texte und Sprecherstimmen bewiesen, die die Eindrücke von Zeitzeugen wiedergeben – darunter deutsche, französische und britische Frontsoldaten, eine Lazarettschwester, ein Pfarrer, ein Militärtechniker, eine Witwe, ein Journalist und ein Schriftsteller – und den Bildern einen subjektiven Moment ihrer Geschichte einhauchen. Denn nur wenige der Fotografien entfalten durch die 3D-Wirkung eine eigene Lebendigkeit, und wenn, dann sind es die Bilder vom stillen Moment des Todes eines gefallenen Soldaten am Boden oder vom zermürbenden Warten im Schützengraben, aus dem nur mehr geschossen wird, „als Zeichen, dass noch Krieg ist“. Sie erinnern an Frank Capas und Luc Delahayes ikonische Aufnahmen vom gefallenen Soldaten. Jene Stereoskopien dagegen, die die Menschenaufläufe kurz vor Kriegsausbruch am Strand im belgischen Ostende oder Militärparaden in Berlin und Paris zeigen und den Zuschauer in ihr Getümmel einsaugen wollen, wirken im 3D-Kino auf seltsame Weise unnahbar. Die Menschen erscheinen als unbelebte, steife Figuren, als Zinnsoldaten, und man möchte sie am liebsten in ihre fotografische Zweidimensionalität zurückschubsen. Hier sind es dann eindeutig die Stimmen aus dem Off, die den Film zu einem lebendigen Zeitdokument machen. In diesem Sinne ist Im Krieg nicht nur eine visuelle, sondern auch oder vielmehr eine literarische Zeitreise.

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Vialkowitsch heftet sich nicht an die Fersen einer historischen Schlüsselfigur. Er personifiziert den ersten Weltkrieg nicht, auch nicht durch Reenactment. Gewahrt wird alleine das Niveau einer subtilen Subjektivität, die durch das verliehen wird, das jene Zeitzeugen in Briefen und Tagebüchern festgehalten haben: Doch sind es eben diese Stimmen, die sprichwörtlich die Frage in den Raum stellen: Wie persönlich ist Krieg? Wer führt ihn, wer kämpft ihn, wer sind seine Helden, wer seine Opfer, wer hinterfragt ihn, wer begreift sein Ausmaß? Ob das Kino der richtige Schauplatz ist, um diesen Fragen nachzugehen – das ist im Angesicht des Bilderkriegs der Kriegsbilder, der dieser Tage in der Medienberichterstattung gekämpft wird, selbst eine mehr als zeitgemäße Frage.

Die Welt geht unter allabendlich

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Am Ende stehen die Menschen da, dicht gedrängt wie die Kohlköpfe, um zu feiern: in Paris den Sieg, in Berlin die Erleichterung, dass der Krieg vorbei ist. Doch ausgelassen ist niemand. Die französischen Kinder, die in ihrem Sonntagskleid einen Schrottberg aus Kriegsgerät, der wie ein baufälliger Eiffelturm daliegt, erklommen haben und sich bis an die Spitze eines Panzerrohrs hinaufwagen, jubeln nicht. Sie klammern sich an die Reste eines Weltkrieges, in dem ihre Väter und Brüder „Schrauben eines Systems waren, das sich vorwärts bewegt keiner weiß wohin; das sich rückwärts bewegt  keiner weiß warum“. Unter ihnen ein Meer von Köpfen mit vor Erschöpfung leeren Augen. Dann streift ein letzter Zoom aus der Menge eine Litfaßsäule; im Hintergrund das Brandenburger Tor, zwischen dessen Säulen ein Blumenkranz wie ein Grabgesteck mit der Aufschrift „Friede und Freiheit“ hängt. Auf einem Plakat steht groß „Die Welt geht unter allabendlich im Apollo“.Die Endzeitstimmung, die einen wie eine rituelle Illusion am Ende eines Kinofilms zwischen Vorhang- zu und Lichter- an allzu gerne befällt, trägt höchstens einen Moment. Aber der zuletzt gehörte Satz hallt nach, jene Stimme, die mit schicksalhafter Euphorie sagt: „Mit dem Ende des Krieges glaubten wir, der Krieg ist vorbei. Jetzt oder nie, die Stunde eines gemeinsamen Europas lag vor uns.“ Sie erklingt wie das von Pathos geschwängerte Echo einer längst vergangenen Zeit, doch könnte es auch der hohle Zuruf einer Stimme aus der unseren sein.

Trailer zu „Im Krieg - Der 1. Weltkrieg in 3D“


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