Im Bazar der Geschlechter

Eine mutige Dokumentation der Filmemacherin Sudabeh Mortezai über ein häufig tabuisiertes Thema in einem repressiven Staat: Ehe auf Zeit im Iran. 

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Filme aus dem Iran, die hierzulande den Weg in die Kinos finden, haben etwas Subversives an sich. Ihre Beteiligten wandeln auf einem schmalen Grat zwischen Erlaubtem und Verbotenem, vermitteln dabei jedoch immer ein liberales Lebensgefühl aus ihrem islamisch geprägten Heimatland, dessen autoritäre Politik einzig für negative Schlagzeilen sorgt. Die subtile Gesellschaftskritik Nader und Simin – Eine Trennung (Jodaeiye Nader az Simin, 2011) wurde inszeniert von Ashgar Fahadi, der anders etwa als sein Kollege Jafar Panahi (noch) nicht mit einem Berufsverbot belegt wurde. Es ist schwierig im Iran, das herrschende Regime um Mahmud Ahmadinedschad oder das rigorose und repressive Rechtssystem zu kritisieren und dann ungestraft davonzukommen.

Die Unterdrückung der Frauen ruft dabei immer wieder Menschenrechtsorganisationen auf den Plan. Während Männer vierfach verheiratet sein dürfen, müssen Frauen in der Öffentlichkeit ihre Körper verhüllen, um keine unzüchtigen Gedanken aufkommen zu lassen. Unehelicher Sex zieht Peitschenhiebe nach sich, Ehebruch wird mit Tod durch Steinigung bestraft. Die Angst vor Prostitution und Unzucht ist groß, unverheiratete Frauen sind gesellschaftlich geächtet. Ein Thema wird jedoch von der muslimisch-konservativen Moral gern tabuisiert: die Zeitehe. Sie gilt als Schlupfloch für junge Männer und Frauen, um ihren sexuellen Gelüsten nachzugehen. Das „Brautgeld“, mit dem der Gatte seine Gemahlin auf Zeit bezahlt, orientiert sich an der vereinbarten Dauer der Ehe: Von 30 Minuten bis hin zu mehreren Jahren ist alles möglich.

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Die iranische Dokumentarfilmerin Sudabeh Mortezai nahm sich bereits im Jahre 2008 dieses Themas an. Im Bazar der Geschlechter porträtiert Männer und Frauen, die innerhalb einer in Hinterzimmern agierenden Industrie, die um Verheiratung und Heiratsvermittlung entstanden ist, auf der Suche nach dem Partner fürs Leben sind. Nach einer planimetrischen Animation zu Beginn, die Pappmaché-Effekten des Theaters gleicht und den Ursprung der Zeitehe im Koran erklärt, lenkt Mortezai ihren Blick auf die iranische Gesellschaft heute. Ein Junggeselle hat Probleme, in seiner Heimatstadt Esfahan eine Wohnung zu finden, da nur an verheiratete Paare vermietet wird. Ein junger Mullah aus Teheran hinterfragt zwar die inflationäre Anwendung der Zeitehe, propagiert aber den Islam mit ihr als progressive Religion. Geschiedene Frauen jenseits der 40 haben mit den Männern abgeschlossen und genießen gemeinsam ihr Single-Dasein entgegen gesellschaftlichen Konventionen. Das sind zwar alles Einzelfälle, doch geben sie einen facettenreichen und somit auch glaubwürdigen Einblick in die Befindlichkeiten eines Querschnitts der iranischen Bevölkerung, die sich selbst als unterdrückt wahrnimmt oder in Person des Mullahs zumindest an fragwürdigen Moralvorstellungen zu zweifeln beginnt.

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Das Außen, das Leben in der Öffentlichkeit, kontrastiert Im Bazar der Geschlechter dabei mit dem Leben im Inneren der Wohnungen und Schönheitssalons. Während Frauen selbst in der U-Bahn durch separate Waggons von Männern getrennt sind und sich verhüllen müssen, sind sie unter sich im privaten Raum ausgelassen und erzählen freimütig. Sie sprechen von gescheiterten Ehen oder der gesellschaftlichen Ächtung einer Frau, die nicht verheiratet ist und als „Freiwild“ betrachtet wird. Zwar ist Partnervermittlung im Verborgenen erlaubt, nicht jedoch öffentlich. Die Website eines 20-Jährigen, die auch über Sex aufklärte, wurde von der iranischen Zensur gesperrt, als sie zu populär wurde. Er spricht die verlogene Sexualmoral im Iran an, bei der sich die möglichst jungfräulichen Frauen in der Ehe erfahrenen Männern unterordnen müssen, die mit den Ansprüchen der Frauen nicht zurechtkämen. Das schade nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern.

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Bei diesen intimen und zutiefst ehrlich wirkenden, aber für einen repressiven Staat gefährlichen Szenen in den privaten Räumen fällt eine gewisse Dunkelheit auf. Heruntergelassene Jalousien oder verdunkelte Fenster und Mauern verdecken bei künstlichem Licht den Blick von außen nach innen. Nur selten tauchen künstlich arrangierte Interviewsituationen auf, viel mehr fängt Im Bazar der Geschlechter Szenen wie das Schließen einer Ehe oder Frauen beim gegenseitigen Stylen in Momentaufnahmen ein. Die Handkamera ist stets nah dran an den Menschen und den Situationen, wenn geschlechtsspezifische Erfahrungen im Alltag festgehalten werden, thematisch gegliedert oder angeregt durch Stichworte. Der fast ohne Musikuntermalung oder visuelle Spielereien nüchtern daherkommende Dokumentarfilm vermittelt nach außen zweifellos eine andere gesellschaftliche Realität als die vom Mullah-Regime erwünschte. Den porträtierten Personen ist die Angst anzumerken, bei der Entlarvung der Doppelmoral des Islams und bei der Kritik an Ahmadinedschads Regierung ertappt zu werden. Auch Sudabeh Mortezais mutiger und kritischer Film ist im Iran verboten. Das verwundert nicht. 

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