Im Alter von Ellen

Kranke und betrogene Stewardess hat Gepard-Vision, verteilt Flugblätter in Eselsmaske und flüchtet vorm Laborratten-Dasein nach Afrika. Pia Marais (Die Unerzogenen) schickt ihre Protagonistin auf eine zoologische Odyssee.

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Ellen (Jeanne Balibar) befreit im Brautkleid Hühner. Das macht sie mit einer Gruppe radikaler Tierschützer, von denen sie einen gerade geheiratet hat und die alle in Schwarz gekleidet sind. Ellen ist ganz in Weiß – wie die Hühner. Der Tiertransporter wird nachts überfallen, der Fahrer überwältigt, und die Hühner trippeln kopflos aus ihren Käfigen auf die Autobahn und anschließend an ein Gewässer, überfordert mit ihrer plötzlichen Freiheit, während Ellen ausgelassen, aber genauso planlos mithüpft. Oder wie es ihr Frischvermählter in einer früheren Szene formulierte: „Du flatterst total verpeilt durch die Gegend.“

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Bevor Ellen im Brautkleid durch die Handlung flattert, trägt sie bei jeder Gelegenheit ihr Stewardessen-Dress, obwohl sie ihren Job längst verloren hat, später Flip-Flops zum Kostüm und schließlich ein sexy Shirt im afrikanischen Busch. Nicht nur Ellens Outfits wirken deplatziert, auch ihre Trägerin steht die meiste Zeit neben sich, den Anderen und den merkwürdigen Situationen, in die sie mit ihrem Trolley reinrollt. Dabei trifft sie außer Hühnern noch jede Menge weitere symbolträchtige Tiere, vom Gepard über Affe und Kätzchen bis zu Laborratten.

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Ellen wird nicht nur ihre Arbeit und ihren Kleidungssinn verlieren, sondern zuvor noch ihren Freund Florian (Georg Friedrich), der eine andere geschwängert hat, und ihre Gesundheit. Ihre Krankheit wird nicht benannt, aber sie scheint so schwerwiegend zu sein, dass die Flugbegleiterin nach dem Blick auf die Diagnose Hals über Kopf aus der Arztpraxis flüchtet, kurz darauf gefeuert wird, weil sie wegen einer Panikattacke zum Sicherheitsrisiko wird, und fortan von einer skurrilen oder surrealen Szenerie zur nächsten driftet: von einer grotesken Unterwäschen-Party zum Dreier mit einem männlichen Paar, von der Frankfurter Tierschützerkommune mit Nackt-Demo zu einer dubiosen afrikanischen Guerilla-Gemeinschaft.

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Gespielt wird Ellen von der französischen Schauspielerin Jeanne Balibar (Bonjour Sagan, 2008), zurückhaltend und in langsam formuliertem, leicht überartikuliertem Deutsch, welches das Andersartige und Außenstehende der Figur noch unterstreicht. Oft ist Ellen nur Beobachterin am Rande, nicht Teilnehmende, und ähnelt darin der jungen Protagonistin in Pia Marais’ Debütfilm Die Unerzogenen (2007), die dem Treiben ihrer verantwortungslosen Späthippie-Eltern zuschaut. In Im Alter von Ellen verteilt die Regisseurin erneut einige Seitenhiebe auf die 68er-Mentalität, etwa wenn Ellens Ex vorschlägt, eine Dreier-WG mit alter und neuer Frau zu starten, oder wenn die Veganer-Kommune mit Julia Hummer (Carlos – Der Schakal, Carlos, 2010) als Wortführerin mit karikaturhafter Riesenbrille und Zottelhaarperücke für jeden Handschlag erst mal eine Abstimmung mit anschließender Diskussion durchführt.

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Auch Marais’ Zeichnung der Männerfiguren ist nicht schmeichelhafter geworden. Von der schleimigen Bar-Bekanntschaft Fred („Call me Freddy“) über den schwulen Liebhaber bis zum aufgeblasenen Scheinehemann Karl (Stefan Stern) findet sich in ihrem neuen Film kein einziger sympathischer Mann. Die meisten benehmen sich wie schon im Erstlingswerk wie verzogene Kinder, während Ellen eher das Impulsive eines Teenies an den Tag legt. Bei einem Streit zwischen Ellen und Florian quengelt Karl, die beiden mögen sich doch bitte „vertragen“, bevor er zu Mutti fährt, um sich von ihr Geld zu pumpen. Da wundert es nicht, dass in einem nicht sehr subtilen Bild ein Kätzchen einen Hund anfaucht, bevor Ellen in der Folgeszene das Gleiche mit Karl in der Badewanne macht.

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Die Beziehungsgespräche, die Ellen mit Florian und Karl führt, sind zum Teil so manieriert, dass nicht immer klar ist, ob die Dialoge ernst gemeint oder Parodie sind („Du sendest widersprüchliche Signale aus“, „Wahrheit liegt nicht in einem Satz“). Der Tonfall des Films, der sich nicht eindeutig einem Genre zuordnen lässt, variiert mehrfach, was ebenso irritierend wie spannend ist und hin und wieder einen schönen, von Balibar trocken vorgetragenen Satz hervorbringt. Als Ellen fristlos gekündigt wird, äußert sie als letzte Bitte, doch ihren gelben Ausweis behalten zu dürfen, weil er ihr „so ans Herz gewachsen“ sei.

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Die Stärke von Im Alter von Ellen ist Marais’ unvorhersehbare Inszenierung, die bereits Die Unerzogenen auszeichnete. Die Aneinanderreihung schräger Momente und seltsamer Begegnungen wirkt hier allerdings etwas zu bemüht bizarr und erzählt im Resümee nur wenig über die Hauptfigur. Die Reise einer Frau, die alle Brücken hinter sich abbricht und deren Entwicklung von Tieren repräsentiert wird, bleibt letztlich so nebulös wie das Schlussbild in Afrika.

Trailer zu „Im Alter von Ellen“


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