Il Divo - Der Göttliche

Paolo Sorrentinos Biopic des umstrittenen Giulio Andreotti wurde in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Die Politgangstergroteske ist ebenso respektvoll wie gemein, genau recherchiert wie frei erfunden.

Il Divo

Giulio Andreotti (Tony Servillo) ist nie von seiner Mutter geküsst worden. Wäre dies ein Politikerporträt von Oliver Stone müssten die entbehrten Liebkosungen vermutlich als küchenpsychologische Erklärung für Andreottis Reserviertheit herhalten, so wie George W. Bush in W. – Ein missverstandenes Leben (W., 2008) eigentlich nur seinem Daddy gefallen will. Doch zum Glück legt Autor und Regisseur Paolo Sorrentino den siebenfachen italienischen Premierminister nicht auf die Analysecouch. Vielmehr nutzt er dessen beharrliche Verschlossenheit und Unnahbarkeit für einen wilden Mix aus Fakten und Fiktion und ist gar nicht daran interessiert, „die Größe des Rätsels“ zu entschlüsseln. Am Ende ist man nicht zwangsläufig schlauer als am Anfang, aber dafür umso neugieriger geworden auf den Mann, der an 33 Regierungen beteiligt war und 29-mal wegen Mafiabegünstigungen angeklagt und von ihnen freigesprochen wurde.

Il Divo

Andreotti offenbart im Handlungsverlauf nur ein einziges Geheimnis und es ist nicht das erwartete. Seine steife Gefasstheit grenzt an Emotionslosigkeit, wären da nicht diese vereinzelten Momente, in denen er eine heimliche Leidenschaft oder innere Einsamkeit gesteht. Vor allem Frauen können ihn zum Auftauen bringen. Hauptdarsteller Tony Servillo (Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra, Gomorra, 2008) spielt Andreotti mit permanentem Pokerface und geknickten Fledermausohren, durchdringendem Blick, dem nur eine Katze standhält, und mit eigenwilligem Handzeichencode: Däumchen drehen signalisiert Interesse, Ehering drehen Missfallen. Die manierierte Körpersprache in Verbindung mit der stilisierten Inszenierung ist manchmal komisch und dicht an der Karikatur. Andreottis Intelligenz und beißende Ironie, seine stille Macht hinter dem skurrilen Auftreten, verhindern aber, dass man ihn als eindimensionale Witzfigur wahrnimmt.

Servillo verkörperte bereits in Sorrentinos Le Conseguenze dell’amore (2004) den rätselhaften Introvertierten mit Mafiaanschluss, der viel beobachtet und wenig preisgibt. Andreottis Buckel und Migräneattacken erinnern an den äußerlich wie innerlich hässlichen Kredithai in L’Amico di famiglia (2006). Zusammen mit Il Divo - Der Göttliche (Il Divo) kann man die drei Männerporträts als Trilogie der ambivalenten Außenseiter und Antihelden verstehen. Mit dem Unterschied, dass der Eigenbrödler Andreotti über vier Jahrzehnte einflussreiche politische Positionen innehatte und nicht wie seine fiktiven Vorgänger am Rand der Gesellschaft lebt. Sorrentinos frühere Protagonisten motiviert die Liebe zu jungen Frauen zu riskanten Ausbrüchen aus ihrer vertrauten Existenz. Andreotti findet seine Herausforderung, sobald seine Macht bedroht und ihm der Prozess gemacht wird.

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Diverse Erzählellipsen und ausgiebige Kamerafahrten, surrealistische Einschübe und musikalische Kontraste zur Handlung setzt der Regisseur diesmal noch exzessiver ein als in seinen vorherigen Filmen. Das erste Bild Andreottis mit großen Akkupunkturnadeln im Gesicht in einem dunklen Arbeitszimmer wirkt wie eine Beschwörung von Der Pate (The Godfather, 1972) und Hellraiser – Das Tor zur Hölle (Hellraiser, 1987). Andreottis Politclique tritt als lausbubige Goodfellas-Gang in Reservoir Dogs-Zeitlupe mit Kill Bill-Pfeifen im Hintergrund auf. Mafiamorde werden vorzugsweise im Scorsese-Stil vollzogen. Man kann das überladen oder mitreißend finden, unübersichtlich ist es besonders am Anfang, wenn mit zahlreichen Namen und Zusammenhängen jongliert wird, die dem nichtitalienischen Durchschnittszuschauer wohl eher unbekannt sein dürften.

Die angebliche Mitwisserschaft Andreottis und anderen Politikern an Mafiaverbrechen, darunter die Ermordung des Journalisten Mino Pecorelli, unterstellt ihm Sorrentino nie direkt, indirekt aber unmissverständlich: Beim Pferderennen feuert der Premierminister seinen Favoriten mit „Lauf!“ an und dreht dabei am Ehering während in der Parallelmontage sein Parteikollege Salvatore Lima vor einem Mafioso flüchtend um sein Leben läuft; ein Skateboard rollt mitten durchs Parlament und verwandelt sich im Flug aus dem Fenster in das explodierende Auto des getöteten Untersuchungsrichters und Mafia-Jägers Giovanni Falcone; in einer späten, surreal inszenierten Szene legt Andreotti gar ein Geständnis vor seiner Frau Livia (Anna Bonaiuto) ab, die einmal die mehrdeutige Äußerung macht: „Ich weiß, wer du bist, und wir werden uns verteidigen“.

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Wenn Andreotti in die Kirche geht, spricht er mit dem Priester, nicht mit Gott, heißt es an einer Stelle, denn „Gott geht nicht wählen“. Doch der Mann zeigt auch Gewissen. Ihn verfolgt die Ermordung des christdemokratischen Vorsitzenden Aldo Moro, nachdem die Regierung eine Verhandlung mit den Entführern der Roten Brigaden abgelehnt hatte. In seinen hinterlassenen Aufzeichnungen erhebt Moro schwere Vorwürfe gegen Andreotti. Es ist die Stärke von Sorrentinos Porträt, dass er kein eindeutiges Urteil fällt und dem Politiker trotz aller unverfrorenen Anspielungen eine Vielschichtigkeit zuschreibt, die ihn als Charakter so faszinierend macht.   

Der wahre Andreotti ist natürlich nicht begeistert von dem Resultat. Eine Szene soll ihm allerdings gefallen haben: die einzige, in der er ein Geheimnis gesteht und dabei fast ein bisschen rührend wirkt. Ob es Fakt oder Fiktion ist, lässt der Film wie vieles weitere offen.

Trailer zu „Il Divo - Der Göttliche“


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