If You Don't, I Will

Emmanuelle Devos und Mathieu Amalric sind sich als Paar überdrüssig geworden.

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Sie sitzen in Handtücher gewickelt am Küchentisch und stoßen mit Klumpen aus gefrorenem Champagner an. Ihr rutscht das Handtuch herunter und entblößt eine Brust. Sein Blick fällt darauf und wendet sich dann gedankenverloren aus dem Fenster. Ist das das Ende einer Liebe?

Für Pomme und Pierre, ihr Paar in der Krise, hat Sophie Fillières mit Emmanuelle Devos und Mathieu Amalric zwei der aktuell besten französischen Charakterdarsteller verpflichtet. Von der allerersten Szene an, bei einer Kunstvernissage, bauen die beiden eine aggressive Spannung zwischen ihren Figuren auf und halten diese über die gut anderthalb Stunden Spielzeit von If You Don’t, I Will (Arrête ou je continue). Wegen jeder Kleinigkeit wird gestritten, und jeder will das letzte Wort haben. In Amalrics ausweichendem Blick und Devos’ halb verlegenem, halb spöttischem Lächeln manifestiert sich die Unaussprechlichkeit des Paarkonflikts. Hat er sie betrogen? Mit der Wetter-Dame des Lokalfernsehens?

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Fillières Inszenierung bezieht zum Konflikt der Figuren keine Stellung. Die Kamera beobachtet geduldig und neutral das Geschehen. So ist der Zuschauer gezwungen, sich den Zweifeln und dem gegenseitigen Misstrauen des Paares anzuschließen. Er muss sich von Handlungen und Äußerungen der einen Figur genauso irritiert fühlen wie die jeweils andere. Ständig redet das Paar aneinander vorbei, missversteht sich oder hört sich nicht zu. Ständig werden Dinge vergessen, verloren oder verlegt, seien es Bürosnacks, Ohrringe oder Schlüssel. Die Figuren wirken vollkommen bezuglos zum eigenen Körper, aber auch zum Körper des Partners. Pomme und Pierre leisten sich die viel zu teure Investition in einen persönlichen Fitnesscoach, der allein sie noch dazu bringt, sich körperlich zu spüren.

Frau unter Einfluss

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Dann weitet sich der Rahmen, es kommen Arbeitskollegen und Freunde ins Spiel, sowie Pommes erwachsener Sohn Romain (Nelson Delapalme), der sichtlich genervt ist von den gut gemeinten Spontanbesuchen seiner Mutter, die doch nicht mehr sind als hilflose Versuche der Kontaktaufnahme. Und es kommt der chirurgische Eingriff zur Sprache, dem sich Pomme vor Kurzem unterzogen hat, um einen Gehirntumor entfernen zu lassen. Pomme, „paumée“, scheint nach dieser Operation vollkommen den Anschluss an ihr Leben verloren zu haben. Ständig hat sie Zweifel an der eigenen Erinnerung oder der des anderen. „J’ai plus de repères“ – ich habe keine Orientierungspunkte mehr, gesteht sie einmal. Wohnungsschlüssel, die mehrfach verloren werden, stehen metonymisch für den Zugang zu den zwischenmenschlichen Beziehungen, also die zum Partner und zum Sohn, den Pomme verloren hat. Von einem fremden Mann nach ihrem Namen gefragt, antwortet Pomme, Gena, Gena Rowlands, wie die amerikanische Schauspielerin aus John Cassavetes’ Eine Frau unter Einfluß (A Woman Under the Influence, USA 1974). Rowlands spielt in diesem preisgekrönten Drama die psychisch zunehmend labile Mabel, deren Ehe an ihrer Krankheit zerbricht. Die Entfremdung eines Paares wird bei Cassavetes ausgelöst durch die psychische Veränderung der Frau, auf die der hilflose Ehemann mit Gereiztheit und Angespanntheit reagiert. Ebenso wie Pierre in If You Don’t, I Will. Dieses wie jenes Paar ist unfähig, miteinander zu kommunizieren, weiß nicht mehr, wie es miteinander umgehen soll. Doch ist If You Don’t, I Will vierzig Jahre später und von einer Frau gemacht und interessiert sich deswegen für andere Aspekte im sehr ähnlichen Beziehungsdrama.

Lachen vor Verzweiflung

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Es ist eine Stärke von Fillières’ Film, dass er auf die Frage, welche Folgen ein chirurgischer Eingriff ins menschliche Gehirn für die Person hat, keine klare Antwort gibt. Dass er nicht einmal klarstellt, ob es ihm um diese Frage überhaupt geht. Bis zum Schluss hält die Regisseurin alle Interpretationsmöglichkeiten offen. Die aggressive Spannung zwischen Pomme und Pierre löst der Film immer wieder in Situationskomik auf und lässt bitterböse Wortwechsel in geradezu absurden Pointen enden. Und die verzweifelten Protagonisten fangen an zu lachen.

„Le Christ nous demande d‘être parfaits“, liest Pomme am Anfang des Films, Christus verlangt von uns, perfekt zu sein. Den Weg zurück zu sich findet die Frau in der absoluten Einsamkeit, wo sie sich Kälte und Hunger aussetzt. Wo ihr Dinge gelingen, die sie zusammen mit Pierre nicht geschafft hat, und wo sie sich schließlich selbst am Schopfe aus der Versenkung zieht, so wie sie im Wald einen jungen Steinbock aus dem Graben rettet.

Trailer zu „If You Don't, I Will“


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