Ida

Monochrome Klarheit statt strahlender Holocaust-Schmonzette: Eine angehende Nonne findet heraus, wer sie ist.

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Nonnen in Schwarz-Weiß – bevor man überhaupt etwas über Ida weiß außer diesen beiden Anhaltspunkten, mag man an die Strenge klösterlicher Passionsgeschichten denken, an unterschwellige Gewalt hinter heiligen Mauern, Kargheit als Produktionswert, die Exploitation immer in Reichweite. Doch Ida ist keine weitere filmische Nonnenfantasie. Pawel Pawlikowskis neuer Film ist eine wortkarge, monochrome Schönheit, die von der Identitätsfindung einer jungen Frau im Polen der 1960er Jahre erzählt. Diese Frau ist die 18-jährige Novizin Anna (Agata Trzebuchowska), deren dunkle Augen durch den Verzicht auf Farbe zu großen schwarzen Steinen werden. Und deren Gesicht unter dem Schleier der Ordensschwestern die klare Anmut von Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ ausstrahlt. Bald wird Anna, die zu Beginn eine fast mannshohe Jesusfigur bemalt, ihr Gelübde ablegen. Doch zuvor verlangt die Äbtissin, Anna solle ihre einzige noch lebende Verwandte in der Stadt kennenlernen und erst danach ihren Schwur der absoluten Weltentsagung leisten.

Roadmovie in die Vergangenheit

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Tante Wanda (Agata Kulesza) ist die Schwester von Annas Mutter. Sie öffnet die Tür im Morgenmantel, die Zigarette in der Hand, die namenlose Affäre von letzter Nacht noch im Bett. Ohne Umschweife kommt sie bald zum Punkt – so wie jedes einzelne Bild des Films mit ruhiger Bestimmtheit auf den Punkt kommt. „Du bist also eine jüdische Nonne.“ – „Wer?“ Die als Waise im Konvent aufgewachsene Anna wusste nicht, dass sie unter dem Namen Ida Lebenstein geboren wurde, dass ihre Familiengeschichte sie in die Schatten des Holocaust führt. Jetzt möchte sie das Grab ihrer Eltern suchen. Dazu muss Anna herausfinden, wie die Lebensteins ermordet wurden, von wem, wo. „Was, wenn du hinfährst und entdeckst, dass es keinen Gott gibt?“ Auch für Wanda ist es eine Reise in die Vergangenheit, die im ländlichen Polen der 1960er, in den Dörfern, den Kneipen und Wäldern, die im eigenen Leben niemals vergangen ist. Auf das, was beide Frauen entdecken, werden sie sehr unterschiedlich reagieren.

Präzise im Neo-Stil

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Ida ist so konzentriert, fast meditativ und ernsthaft im Gebrauch seiner schnörkellosen Bildsprache, dass der Film von Beginn an einen intensiven Sog entwickelt. Pawel Pawlikowski (Last Resort, 2000; My Summer of Love, 2004) und Kameramann Lukasz Zal brauchen kein Cinemascope, keinen rührenden Score, kein bigger than life. Das Format des Films ist kastenförmig, was klassisch wirkt und den Gesichtern viel Raum lässt. Häufig sind die Figuren in der unteren Bildhälfte platziert, ein wenig abgeschnitten, ein wenig auf Distanz. Die Kamera schwenkt nie mit ihnen mit. Die Optik drängt sich insgesamt nicht auf, und wenn sie sich einmal mit Ida bewegt, ganz am Schluss, dann hat das einen Grund und seinen Effekt. Formal und inhaltlich bezieht sich Ida auf Polens Nouvelle Vague im Schwarz-Weiß-Kino Anfang der 1960er Jahre, als Regisseure wie Andrzej Wajda oder Andrzej Munk von der jüngeren Geschichte erzählten. Heute fühlt es sich an wie ein Geschenk, wenn ein Film im Umfeld strahlender Holocaust-Schmonzetten ganz einfach, schlicht, präzise bleibt. Vielleicht passt das Wort „aufrichtig“.

Gezeichnetes Land – gezeichnete Menschen

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Indem Ida in die 1960er Jahre blickt, zeigt der Film, wie wenig man damals unter der Oberfläche graben musste – der Menschen, der Wälder –, um auf die Spuren der Morde zu stoßen. Zum schwierigen Verhältnis zwischen Katholizismus und Antisemitismus ist nach Kriegsende noch der Kommunismus hinzugekommen. Die ehemals als Jüdin verfolgte Wanda war als parteitreue Richterin bei den stalinistischen Schauprozessen für Todesurteile vermeintlicher „Feinde des Volkes“ verantwortlich. Geschichte ist komplex, ebenso wie der Handlungsspielraum eines Menschen, sein Glaube, der Zufall. Und in Ida wird keine der Figuren verurteilt, erklärt oder zum Klischee gemacht.

Identität und Überleben

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Parallel zu Ida startet ein Film, der ebenfalls das Schicksal eines Holocaust-Kindes in den Mittelpunkt stellt: Lauf Junge lauf von Pepe Danquart. Die Kinder des Holocaust, das sind jene, die im Versteck oder mit anderem Namen, als Flüchtige oder angebliche Waisen überlebt haben. Viele Kinder kamen in polnischen Familien oder kirchlichen Institutionen unter. Jahrzehnte später die eigene Lebensgeschichte vor dem Holocaust wieder zusammenzusetzen oder auch nur den alten Namen zu erinnern, ist für sie schwer. Für den kindlichen Protagonisten im konventioneller inszenierten Lauf Junge lauf ist das Erlernen der christlichen Gesten und Gebete im antisemitischen Umfeld überlebenswichtig. Er kann sich nach der Befreiung entscheiden: Jude oder Christ. Anna/Ida hat keine jüdische Kindheit erlebt. Ihre Antwort auf die Frage, ob es für sie nach dem, was sie nun weiß, den Glauben an einen Gott noch geben kann – und was das heißt –, klingt nach dem letzten Bild lange nach.

Trailer zu „Ida“


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