Ich will mich nicht künstlich aufregen

Das Leben ist kein Festival. Leider und zum Glück.

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Am Anfang war das Wort. In der ersten Sequenz von Ich will mich nicht künstlich aufregen geht es um Bücher, zunächst noch streng sortiert auf dem Schreibtisch der jungen Kuratorin Asta (Sarah Ralfs): Kunst, Politik, Theorie zum Nachschlagen. Das Wissen der Welt, geordnet. Aber will man was anfangen mit dem ganzen Kram, mal wirklich reinschauen in die Dinger, um sie nutzbar zu machen, dann wird’s schnell undurchsichtig. Und so wird Astas Schreibtisch nach und nach zugemüllt: Filmtheorie ist entscheidend, wenn man einen Film über Kunst und Politik machen will, ein neuer Sammelband versucht dieses Verhältnis auszuloten, also los, aber da war doch neulich dieser geniale Gedanke von diesem gerade wieder angesagten Philosophen, da liegt die Zeitung, nicht das Feuilleton vergessen, und genderpolitisch auf dem neuesten Stand bleiben, wie war das noch bei Deleuze, was macht die Kunst-Kino-Debatte? Bücher, Zeitungen, Chaos.

Verfremdete Theorie

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Theorie findet dann auch als gesprochenes Wort statt, vor allem im ersten Teil von Ich will mich nicht künstlich aufregen, wird dabei zugleich affirmiert und auf Distanz gehalten. Die Figuren – mit einer wunderschönen Selbstverständlichkeit sind das die unterschiedlichsten Menschen, mal mit Down-Syndrom, mal mit Migrationshintergrund, mal mit Berliner Schnauze – sprechen die Sprengsel aus dem Kanon gesellschaftskritischer Poptheorie in betonter Künstlichkeit. Es geht um den Alltag der Kontrollgesellschaft im Allgemeinen, des Kulturbetriebs im Besonderen.

Guter alter Verfremdungseffekt: Im Spiegel eines Filmischen, das sich dem Authentizitätswahn entsagt, durch Reduktion, Künstlichkeit, Rollendistanz vielmehr einen großen Schritt zurück wagt und bei aller Theatralität doch Kino bleibt, entstehen hier interessante Wirkungen um die Versatzstücke der Gegenwartsanalyse: Linz holt wichtige Gedanken auf die große Leinwand, macht durch die pragmatische Distanz der Figuren zu ihren Aussagen zugleich aber klar, dass diese Gedanken filmisch behandelt werden müssten, in ihrer bloßen Affirmation nur akademischer Sprech sind, selbst performative Geste. Aber welche Art von Intervention ermöglicht diese Kritik, wie lässt die Diskursproduktion sich in materielle und ästhetische Produktion übersetzen? Theorie als Werkzeugkiste schön und gut, aber wie, wann und wo? Vielleicht ja tatsächlich mal wieder im Kino. Dieses müsste dann aber mehr leisten als die intimistische Verdopplung des Realen, auf die das Outsourcing von Künstlichkeit und Experiment in andere Räume – Museum, Theater, Internet – hinausläuft.

Die Suche nach der Kohle

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Max Linz, der in einem Perlentaucher-Artikel bereits vor zwei Jahren den Impetus für seinen ersten Spielfilm darlegte, überführt seine Gedanken und Erfahrungen – zum Beispiel mit der Produktion seiner Internetserie Das Oberhausener Gefühl – in eine herrliche Farce, versucht sich dabei auch an der Aktualisierung einer verlorenen filmischen Tradition (Godard, Kluge, Schlingensief). Asta will eine politische Ausstellung auf die Beine stellen, aber die bereits versprochene Förderung wird aufgrund eines kritischen Interviews wieder entzogen. So beginnt sie ihren Streifzug durch die knallig bunte Welt der Kreativbüros – schon im reduzierten Set Design spürbar die Statik zeitgenössischer „Kreativität“ – und macht sich auf die Suche, nicht nach dem Erhabenen, sondern dem Profanen: dem Geld. Die Reise führt sie zu Freund und Feind, zu Sitcom und Videoinstallation, und lässt sie immer wieder an die Resistenzen der Kulturmaschinerie stoßen – die bei Linz absurdes Theater sind, weil sie absurdes Theater sind.

Was tun? Wie aufregen?

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Ich will mich nicht künstlich aufregen ist deshalb eine Meta-Reflexion, aber doch eine, die nicht nur behauptet, sondern auch in ihrer Form die Probleme zeigt, die sie thematisiert. Schon im Titel steckt das ganze Dilemma. Wenn das Politische abhanden kommt, weil sich in Zeiten der Alternativlosigkeit niemand mehr wirklich aufregt, ist das künstliche Aufregen, das Aufregen „in der Kunst“ vielleicht die letzte mögliche Form des Aufbegehrens. Doch weil die Kunst nur noch in dafür vorgesehenen und leicht kontrollierbaren Räumen stattfindet, die Künstlichkeit keine politische Kraft mehr zu besitzen scheint, will man sich auch dort nicht mehr aufregen. So ist dieser Film glücklicherweise geleitet von einer absurden Heiterkeit und bevölkert von allerlei Leuten, die trotz des theorielastigen ersten Teils nicht in Zynismus verfallen, sondern weitermachen. Was auch sonst?

Abgetötete Nerven

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Dass die Zeiten erst mal vorbei sind, in denen stilistisch gewagte und das Politische verhandelnde audiovisuelle Formen bis ins Fernsehen gelangten, betont Linz immer wieder. Das erscheint manchmal nicht frei von Nostalgie und blinden Flecken, doch in seinem konsequenten Durcharbeiten einer zentralen Gegenwartsdiagnose ist sein Film doch schön radikal und nicht resignativ. Als Asta am Ende des Films die oberste Kulturintendantin persönlich konfrontiert, schwafelt die was von glücklichen Umständen, die sich verändert hätten und nun doch zu einer Förderung der Ausstellung führen würden. Asta habe alles richtig gemacht. Ein Todesurteil. Nicht mehr ist die plötzliche Absetzung einer Fernsehserie Symptom eines getroffenen Nervs, wie noch in politisch aufgeladeneren Zeiten. Schon die Förderung und die Zuweisung eines geeigneten Orts für einen politisch-ästhetischen Eingriff sind Mittel der Abtötung des Nervs, lange bevor man ihn überhaupt treffen kann.

In einem frühen Dialog, in dem es um die Ästhetisierung des Alltags und ihre Verunmöglichung geht, hat der Satz „Irgendwann gibt es nur noch Festivals“ dystopischen Charakter. Auch das Festival scheint kein Ausweg, sondern endgültige Sackgasse im Labyrinth der Kulturproduktion unter neoliberalen Bedingungen. Das Festival, gerade weil es sich gibt als letztes Refugium des Kinos, erscheint auch und gerade im Moment seiner Verallgemeinerung als vielleicht konkreteste Manifestation jener Schubladisierung, die das gegenwärtige Regime als seine effektivste Waffe erkannt hat. Wenn es nur noch Festivals gibt, ist die Kulturproduktion auf ihrem Höhepunkt, zugleich jeglicher Kraft beraubt. Und doch ist diese Schublade, und Ich will mich nicht künstlich aufregen ist hierfür der beste Beweis, unmittelbar nötig als Ort für politische Kritik, für jenes Gegen-Kino, das Linz einfordert. Man wird sie wohl irgendwie von innen aufstoßen müssen.

Trailer zu „Ich will mich nicht künstlich aufregen“


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