Ich und Orson Welles

Richard Linklaters Verfilmung des gleichnamigen Jugendromans ist eine bittersüße Tragikomödie über die erste Liebe, den Glanz des Broadways und das Ego von Orson Welles.

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Ein eitler Gockel von stattlicher Erscheinung, ausgestattet mit dem aufgeblähten Ego eines Diktators. Feist, im Ansatz fettleibig, redegewandt, auf infantile Weise geltungsbedürftig. Nein, gut kommt die Regielegende nicht weg in Richard Linklaters Adaption des erfolgreichen Jugendromans Ich und Orson Welles (Me and Orson Welles, 2005), den er gleichermaßen als swingendes Period Piece und als bittersüße Tragikomödie leichtfüßig in einem Rhythmus inszeniert, der im besten Sinne an Woody Allen erinnert.

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New York, 1937: Der erst 17-jährige Schüler Richard (Zac Efron) bekommt zufällig die Chance, am von Orson Welles geführten Mercury Theatre einzusteigen – selbstverständlich ohne eine Vergütung zu bekommen. Bis auf die Möglichkeit natürlich, die Spucke vom großen Orson ins Gesicht geschleudert zu bekommen, wie Regieassistentin Sonja (Claire Danes) betont. Richard, eher gelangweilt vom wenig fordernden High-School-Alltag, ist schnell fasziniert von der glamourösen Welt am Broadway, wo sich die schönsten Frauen zusammenfinden und auf spleenige Schauspieler treffen. In der Entstehung begriffen ist gerade Welles’ Adaption von Shakespeares Julius Caesar, deren überdimensionaler Erfolg ihren Regisseur schlagartig in die Oberliga der Kulturschaffenden New Yorks befördern und seine spätere Karriere beim Film erst ermöglichen sollte. Die Proben des Stücks verlaufen chaotisch, denn die meiste Zeit verbringt man im Mercury wartend auf Orson. Auf Orson, der jedem Rock hinterher jagt, keinerlei Kritik an seiner Person zulässt und um das eigene Genie nur allzu gut Bescheid weiß.

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Richard Linklater ist trotz der Heftigkeit, mit der er den brillanten Despoten beschreibt, nicht an historischer Schmutzwäsche interessiert. Die Dichotomie zwischen Regisseur und Schauspieler legt er Orson selbst in den Mund, als dieser seinem Ensemble unmissverständlich klar macht, dass jeder Einzelne bloß ein Baustein für seine Vision sei. Jeder außer ihm selbst ist ersetzbar, jeder weiß, wo die Tür ist. Dass unter seiner Sonne nichts ohne seinen ausdrücklichen Wunsch gedeiht, mag ein hoher Preis sein, am Ende gibt ihm der Erfolg (zunächst) recht. Moralisch zu unterliegen ist für ihn kein Hindernis, was Welles innerhalb der Filmgeschichte einen entsprechenden Ruf eingebracht hat. Wichtig für einen historischen Stoff ist stets auch das stimmige Setdesign, das in Ich und Orson Welles die ausgehenden Dreißiger Jahre ansprechend bebildert und sich visuell an den glanzvollen Studio-Zeiten Hollywoods orientiert.  In erster Linie will Linklater, dessen Output qualitativ extremste Schwankungen durchmacht, mit seinem neuen Film nach mindestens einem künstlerischen Totalausfall (Fast Food Nation, 2006) und einer finanziellen Bauchlandung (A Scanner Darkly, 2006) schlichtweg gediegene Unterhaltung bieten, was aufgrund des stark aufspielenden Ensembles größtenteils souverän funktioniert.

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Zurück zu Welles: Ein Monster ohne jede Fähigkeit zur Empathie ist er hier trotz allem nicht, nur an zwischenmenschlicher Feinfühligkeit scheint es dem Gottkomplex-Träger zu mangeln: Ein geflüstertes Dankeschön kommt ihm erst über die Lippen, wenn sich die betreffende Person bereits abgewendet hat und auch den Konsequenzen seiner zahlreichen rücksichtslosen Handlungen entzieht sich Orson nur zu gerne. Als Richard ihn auf seine schwangere Frau anspricht, die von ihrem Gatten mit direkter Unterstützung des Personals nach Strich und Faden betrogen wird, reagiert er mit funkelndem Hass in den Augen und eisiger emotionaler Kälte. Diese Unfähigkeit, über den eigenen Schatten zu springen, sollte Welles in seiner späteren Laufbahn bekanntlich viele Probleme bereiten – eine Quittierung, die im Film zwar nicht konkretisiert wird, auch für den uninformierten Zuschauer aber klar erkennbar in der Luft schwebt und der Figur letztlich auch eine tragische Dimension verleiht. Dem Briten Christian McKay ist es hoch anzurechnen, jene subtilen Nuancen herauszukehren, die ein weniger begabter Schauspieler wohl kaum aufgespürt hätte.

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Umfassender als Welles wird allerdings die eigentliche Hauptfigur Richard charakterisiert, der sich hinter den Theaterkulissen in die verführerische und umschwärmte Sonja verliebt, aber schon bald einen Eindruck davon bekommt, wie die Machtverhältnisse verteilt sind am Mercury. Doch nicht die große Tragödie ist es, die Linklaters Film interessiert, feinsinnig und behutsam schält er die Konflikte seines Protagonisten heraus, der schließlich nur an seinem jugendlichen Idealismus scheitern muss. Zac Efrons (High School Musical 1-3, 2006, 2007, 2008) unschuldiges Bübchengesicht spiegelt hier die naiven Träume und Wünsche all jener vielversprechenden Jungtalente, von denen seit jeher ein Großteil in der gnadenlosen Unterhaltungsindustrie zerrieben wird – sei es nun am Broadway, beim Film oder beim Fernsehen. Verblüffend ähnlich hat kürzlich An Education (2009) seine Hauptfigur auflaufen lassen, nachdem sie sich aus dem Umfeld von Gleichaltrigen gelöst und ihr Glück in der großen weiten Welt der affektierten-aufgeblasenen Künstler-Schickeria gesucht hatte. Ich und Orson Welles formuliert daraus aber keine altkluge pädagogische Moral, sondern erzählt auf sensible Weise vom Ende der Jugend – ein Thema, mit dem sich Linklater seit seinen frühesten cineastischen Gehversuchen beschäftigt und dem er hier einen weiteren säuselnd-berieselnden Kommentar beschert.

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