Ich und Kaminski

Goodbye 20th Century: Wolfgang Becker inszeniert die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts als vollendete Groteske.

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Was ist ein Kunstwerk? Was darf alles Kunst sein? Diese Frage geistert wie kaum eine andere durch das, was wir heute Moderne Kunst nennen, also vielleicht etwas, das mit Marcel Duchamps Pissoir seinen Anfang nahm und inzwischen bei Jeff Koons’ riesigen rosa Ballonhunden angekommen ist. Das bloße Recyceln und Anordnen bereits bestehender Dinge wurde ebenso zu einem Imperativ dieser „neuen“ Art von Kunst wie das Leben der Künster selbst, als eigenes Kunstwerk, bedeutsam wurde. Eben jene Mythen stehen im Zentrum von Wolfgang Beckers Ich und Kaminski, einer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Daniel Kehlmann. Manuel Kaminski (Jesper Christensen) ist ein Maler, den das 20. Jahrhundert nicht hätte besser erschaffen können: kauzig, ingeniös, sagenumwoben. Der junge Journalist Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) will sein Biograf werden, nah dran sein an diesem Genie, jedenfalls näher als sein eidgenössischer Konkurrent Golo Moser (Bruno Cathomas). Und was läge da näher, als den unnahbaren, von seiner Tochter Miriam (Amira Casar) im urschweizerischen Kantonsidyll minutiös abgeschirmten Kaminski zu entführen, am besten natürlich mit dessen Einwilligung? Irgendwo zwischen Road Movie, Generationengeschichte und Slapstick entwickelt sich der von Zöllner eingefädelte Plan, Kaminski erneut mit seiner Jugendliebe Thérèse Lessing (Geraldine Chaplin) zusammenzubringen. In der Theorie ist es die vollendete Win-Win-Situation für beide: Kaminski findet seine verlorene Liebe, Zöllner bekommt exklusives Material für seine Biografie.

Trickster sein

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Die Stärken von Ich und Kaminski liegen dabei abseits der großen Erzählung, also in den kleinen, beiläufigen Szenen: Es sind fast Miniaturen des Mit-der-Welt-Fertigwerdens beider Protagonisten. Eine entlarvende Tendenz begleitet dabei stets das Geschehen. Kaminskis Genius und Zöllners Ehrgeiz werden nach und nach demaskiert: als bloße männlich-autoritäre Panzer gegen die Unzulänglichkeiten der Wirklichkeit. Am Ende dürfen alle wieder Kinder sein, erlöst vom Ränkespiel der Professionalität, die als nurmehr profilneurotisches Mit- und vor allem Gegeneinander zurückbleibt. Was bleibt als Botschaft übrig? Dass der Schein, zumal in der Kunst, mehr wert ist als das Sein – eine Banalität, im Grunde. Wer tricksen kann und die Verstellung beherrscht, der wird bewundert. Die Technik ist nebensächlich. Das allein gäbe ein rundes Bild, wäre da nicht ein Haken schlagender Plot, dessen Irrungen und Wirrungen manchmal eher vom Film ablenken als die erzählerische Drastik zu schärfen. Gerade der narrative Höhepunkt, Kaminskis verlorene und wiedergefundene Jugendliebe Thérèse, fügt sich nicht zwingend in den Rest ein und bleibt in seiner vordergründigen Sentimentalität inhaltlich ein wenig bedeutungslos. Kaminski und ich ist eine starke Mockumentary und will es auch sein, die letzten 20 Minuten des Films hinterlassen deshalb einen etwas irritierenden Eindruck.

Frauen sind nur Störfaktoren

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Insgesamt ist es aber vor allem der Cast, der dafür sorgt, dass Ich und Kaminski nie zu sehr in eine Richtung abdriftet: Daniel Brühl überzeugt als der eklige, überambitionierte Jungjournalist, dem man seine Kapriolen stets abzunehmen bereit ist. Und Jesper Christensen mimt den alten, exzentrischen Mann, der nicht akzeptiert, dass es langsam dem Ende entgegen geht. Der Film dreht sich stets um diese beiden Männer und ihr Selbstbild, er ist trotz aller Ironie ein unbestreitbar paternalistisches Gleichnis: Das männliche Genie wird wie ein unumstößliches Gesetz weitergegeben, von Gott zu den Menschen, vom Vater zum Sohn, von Kaminski zu Zöllner. Das ist eine alte Geschichte. Frauen tauchen dabei nur als Störfaktoren auf, das lässt sich an Kaminskis zickig verstockter Tochter Miriam und Zöllners resolut-unterkühlter Freundin Elke (Jördis Triebel) gut beobachten. Kurzum, in Beckers Komödie schwelgt die Kunst noch im ewiggestrigen Traum vom unerreichbaren männlichen Genius. Es ist ein Film, der zurückschaut, eine anekdotische Nacherzählung nicht nur einer Romanvorlage, sondern die Idealisierung eines Mythos, der bei genauem Hinsehen schon lange bröckelt. Es ist im Grunde eine kleine, fröhliche, aber falsche Welt, die Ich und Kaminski zeigt: nämlich ein Universum, in dem alles an seinem Platz ist. Genau das macht den Film so grotesk. Werden so Legenden gebildet? Der Abspann jedenfalls vermischt die Kunst des 20. Jahrhunderts ungestüm zu einer Collage, die den Eindruck hinterlässt, als wären wir hier am Ende einer (Kunst-)Geschichte angelangt, mit der wir heute schon nicht mehr viel zu tun haben.

Trailer zu „Ich und Kaminski“


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