Ich und Du und Alle, die wir kennen

In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die Videokünstlerin Miranda July von der Schwierigkeit zwischenmenschlicher Annäherung in der Vorstadt und interpretiert vermeintlich banale Ereignisse auf ihre eigene poetische und transzendente Weise.

Ich und Du und Alle, die wir kennen

Gleich zu Beginn von Ich und Du und Alle, die wir kennen (Me and You and Everyone We Know) wird der Zuschauer in eine unwirkliche Welt einer kalifornischen Vorstadt geführt. Der Schuhverkäufer und Familienvater Richard übergießt sich im Vorgarten des Hauses seiner Exfrau die Hand mit Benzin und lässt sie vor den Augen seiner Kinder in Flammen aufgehen. Hintergrund für diese etwas ungewöhnliche Tat ist zum einen Richards nicht ganz freiwilliger Auszug aus dem Haus, aber auch sein Wunsch wenigstens für einen kurzen Augenblick die Aufmerksamkeit seiner beiden Kinder, die ansonsten lieber die Abgründe des Internets erforschen, zu bekommen.

In ihrem Spielfilmdebüt widmet sich die Videokünstlerin Miranda July dem komplizierten Innenleben einiger Durchschnittsmenschen und ihrer Unfähigkeit miteinander zu kommunizieren. Ihre Figuren wirken gerade deshalb so normal, weil sie keinem tradierten Schönheitsideal entsprechen und sich auch nicht durch ein betont gewöhnliches Verhalten auszeichnen. Stattdessen sind die streckenweise etwas seltsamen Handlungen ihrer Charaktere meist nur der Versuch, eigene Ängste, Neurosen und Sehnsüchte in irgendeiner Form zu artikulieren. Sozusagen als verzweifelter Aufschrei, um sich bei seinen Mitmenschen ein wenig Aufmerksamkeit zu verschaffen.

July selbst verkörpert die allein stehende Installationskünstlerin Christine, die mithilfe multimedialer Performances über die Kraft und Utopie der Liebe philosophiert und wegen ihres ausstehenden künstlerischen Ruhmes nebenbei noch einen Fahrservice für gebrechliche Leute betreibt. Als sie auf Richard trifft, scheinen sich die beiden zwar auf Anhieb zu verstehen, jedoch fühlt dieser sich schnell von Christines direkter Art überrumpelt, was in ihm panische Abwehrreaktionen hervorruft. Zwar sehnen sich die Protagonisten in Ich und Du und Alle, die wir kennen nach Nähe, können sie aber wegen ihrer sozial isolierten Position nur in sich langsam steigernden Schritten ertragen.

Ich und Du und Alle, die wir kennen

Die Art und Weise, wie July die Welt und ihre einsam darin umherirrenden Charaktere betrachtet, könnte man durchaus als romantisch bezeichnen. Jedoch weniger als stilistische Eingliederung, sondern wegen der dem Film zugrunde liegenden Auffassung, dass es für jeden Menschen, egal wie kauzig und vereinsamt er ist, irgendwo einen geeigneten Partner gibt. Dabei tragen die Menschen in Ich und Du und Alle, die wir kennen entweder noch Narben einer enttäuschten Liebe mit sich oder sind noch zu jung, um auf adäquate Weise mit ihren Gefühlen umzugehen. So bestehen auch die Annäherungen untereinander aus einem Wechselspiel zwischen der Artikulation des eigenen Verlangens und der Angst, zuviel von sich preiszugeben und sich dadurch wiederum verwundbar zu machen.

Neben der zentralen Geschichte über die komplizierte Annäherung zwischen Richard und Christine überträgt July die Themen Einsamkeit und Begehren auch auf einige kleinere Erzählstränge. Episodisch reiht sie die Einzelschicksale einer verbitterten Kuratorin, einem unheimlichen Hausfrauenklon in kindlicher Gestalt sowie die ersten zwischenmenschlichen Experimente von Richards introvertierten Söhnen aneinander. Dabei besticht vor allem ihr unkomplizierter Umgang mit der Sexualität Minderjähriger, wie man sie sonst nur von Todd Solondz (Palindromes, 2004) kennt und der einen angenehmen Kontrast zu den dominierenden Filmen bietet, die Kinder als völlig entsexualisierte Wesen darstellen. Einen ähnlich unverkrampften Umgang pflegt July auch mit von der Norm abweichenden Formen der Sexualität, die sie ihrem humorvollen Ansatz zum Trotz eben nicht als Zielscheibe für platte Witze missbraucht.

Ich und Du und Alle, die wir kennen

Der filmische Kosmos, mit dem uns Ich und Du und Alle, die wir kennen konfrontiert, vermeidet, abgesehen von der Behandlung alltäglicher Probleme, die Welt der Protagonisten realistisch darzustellen. Banale Ereignisse überträgt die Regisseurin durch eine poetische Form auf eine metaphysische Ebene, wobei es diese Alltagspoesie jedem Vorstadtneurotiker erlaubt, Held einer Geschichte zu sein.

Die Poesie und betont künstlerische Gestaltung des Films mit ihren durchgestylten Settings, ihrer ästhetisierenden Bildsprache und dem atmosphärischen Soundteppich von Michael Andrews ist allerdings auch das größte Problem des Films. Julys Ambitionen als Regisseurin und Hauptdarstellerin werden genau dann zuviel, wenn sie es mit ihren Reflexionen über die Liebe und ihre Probleme mit der Einsamkeit bis zur Geschwätzigkeit übertreibt und formal aus jeder trivialen Kleinigkeit gleich Kunst machen möchte. Dabei ist dieser allzu gewollte Kunstanspruch rein illustrativ und July schafft es nicht die der Kunst immanente Brüchigkeit und Mehrdeutigkeit in ihren Film mit einzubeziehen. Auch wenn Ich und Du und Alle, die wir kennen mitunter ein humorvolles und einfühlsames Porträt von Menschen auf der Suche nach persönlichem Glück ist, enttäuscht er letztendlich durch seine esoterische Form.

Kommentare


Martin Z.

Es ist eine sonderbare Komödie. Das Erwachsenwerden pubertierender Kids und das Durchwursteln eines getrennt lebenden Schuhverkäufers bietet ausgiebig Stoff für einen lustigen Film. Die einzelnen Szenen werden eigentlich durch die dort auftretenden Personen zusammengehalten und so gelingt es Handlungssprünge zu überwinden. Es entsteht ein Fleckerlteppich auf dem es nette Szenen gibt, manchmal auch lustige, andere sind dagegen sinnfrei oder sogar dämlich. Es ist halt ein eigenartiger Film, der vielleicht das heutige Leben in der Patchwork-Familie nachempfindet. Und wenn schon die Regisseurin die Hauptrolle übernehmen muss…






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