Ich reise allein

Ein umtriebiger Partylöwe muss unverhofft Vaterpflichten erfüllen. Das klingt wenig originell, doch die norwegische Tragikomödie spart nicht mit Überraschungen und Seitenhieben auf die Biografie von Marcel Proust.

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Während man Filme aus den anderen skandinavischen Ländern meist mit Lakonie und Absurdität assoziiert, bleibt das Image des norwegischen Kinos wenig definiert. Absurden Tragikomödien wie Nord (2009), Die Kunst des negativen Denkens (Kunsten å tenke negativt, 2008) oder Elling (2001) stehen dabei Genre-Filme wie der Horrorthriller Cold Prey (Fritt vilt, 2006) oder der Kriegsthriller Max Manus (2008) gegenüber. Ich reise allein lässt sich jedoch in keines dieser beiden vagen Raster einordnen.

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Jarle (Rolf Kristian Larsen) führt ein Studentenleben, wie es im Buche steht. Während er sich tagsüber mit Philosophie und Literaturwissenschaft auseinandersetzt, seine Promotion und einen Artikel über Marcel Proust vorbereitet, verbringt er seine alkoholintensiven Abende zusammen mit seinen Freunden auf Partys, wo er sich ab und an Frauen anlacht. Doch dann verrät ihm ein unerwarteter Brief, dass einer seiner One-Night-Stands Folgen hatte: Er ist Vater der sechsjährigen Charlotte Isabel (Amina Eleonora Bergrem). Einige Tage später wird sie von ihrer Mutter in ein Flugzeug gesetzt und für zwei Wochen bei ihrem Vater abgeliefert. Jarle muss nun lernen, in seinem Leben Verantwortung zu übernehmen und das wilde Partyleben gegen ein gesittetes Familienleben auszutauschen.

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Dass dies natürlich nicht reibungslos verläuft, ist vorherzusehen. Doch anstatt beide Lebensentwürfe aufeinanderprallen zu lassen, mit klischeehaften Überzeichnungen Komik oder mit großen Kinderaugen und Pathos zuckersüßen Herzschmerz zu generieren, schlägt Tore Renberg in seinem Drehbuch nachdenkliche Töne an. Ganz schlicht zeigt er, wie sich Vater und Tochter am Flughafen zum ersten Mal begegnen. Die Bilder sind dabei wie im gesamten Film: kalt, aber farblich nicht entsättigt; als Musikuntermalung dient ein bedächtiges Klavierthema. Diese erfolgt nur sporadisch, und es wurde sehr viel an Originalschauplätzen gedreht. Jarles sich verändernder Alltag, sein Hin- und Hergerissensein zwischen dem Übernehmen von Verantwortung und dem sorglosem Studentenalltag voller Exzesse, steht im Vordergrund, und wie er diesen Alltag nach Anlaufschwierigkeiten immer mehr meistert. Die behutsame Inszenierung und das differenzierte Schauspiel von Rolf Kristian Larsen (Max Manus, 2008)  machen die Situation als Lebenswirklichkeit nachvollziehbarer als die Allgegenwart von Tränen oder Streichern, wie man sie aus thematisch ähnlichen Filmen kennt.

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Ich reise allein konzentriert sich dabei vor allem auf Jarles Persönlichkeitswandlung. Ist sein Alltag zwischen Hörsaal und Bibliothek anfangs vor allem von Prousts Körperbildern und Bakhail Bachtins Ausführungen zum Karneval als Fest des Körpers geprägt, wird er durch seine neue Aufgabe geerdet und auf sein eigenes Leben und seine eigene körperliche Erfahrung gestoßen. Erst dadurch sieht er klarer in seinem nun von der Realität der Lebenswelt eingeholten Denken, das zuvor von abstrakten Theorien bestimmt war.

Mit dem Adoleszenz-Prozess der Hauptfigur geht somit auch ein Selbstfindungs-Trip einher, der Stück für Stück die Realität der vergeistigten Welt rund um den Elfenbeinturm einer Universität demontiert und in einem unspektakulären, aber umso mehr berührenden Finale kulminiert. Jarle trifft die Mutter seines Kindes, sie kommen sich näher, doch der Abschied ist unausweichlich. Auch Proust, der zeitlebens unglücklich liebte, betrachtete die Zeit, in der er am meisten gelitten hat, als die lehrreichste für sich selbst. Jarle ist Proust mit der Veröffentlichung eines Artikels über ihn, also durch reine Denk-Arbeit, weniger nahe gekommen als durch das Nach-Fühlen des Schmerzes.

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Kommentare


Maria

Vielen Dank für diese differenzierte Kritik! Ich habe den Film in Lübeck bei den "Nordischen Filmtagen" gesehen und war begeistert - denn trotz der im Artikel schon anklingenden realistischen Darstellung, kommt der Film leicht, beschwingt und oft auch komisch daher! Absolut zu empfehlen!






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