Ich habe sie geliebt

Mann und Frau: Der französische Originaltitel von Zabou Breitmans Literaturadaption verrät nicht so leichtfertig, wer hier eigentlich wen liebte.

Ich habe sie geliebt

Pierre (Daniel Auteuil) ist Direktor eines florierenden Unternehmens und führt eine Ehe mit zwei Kindern in einem tadellos eingerichteten Haus. Sein Leben scheint in geordneten, sicheren Bahnen, als er Mathilde (Marie-Josée Croze) auf einer Geschäftsreise kennen lernt. Es entspinnt sich ein klassisches Seitensprung-Szenario mit klar verteilten Rollen zwischen Mann und Frau. Sie ist jung, ungebunden und attraktiv; er ist in den Vierzigern, seine materielle Basis gestattet ihm eine Luxus-Affäre, Flugtickets und wechselnde Hotelzimmer inbegriffen.

Breitmans verschachtelte Narration bedient sich vieler Rückblenden und zeitlicher Sprünge, der Ausgangspunkt ist kammerspielartig im alpinen Wochenendhaus inszeniert. Es ist Pierres frisch geschiedene Schwiegertochter (Françoise Loiret-Caille), die ihn fast ins Verhör nimmt, ihm Fragen mit einem Beigeschmack von Küchenpsychologie stellt und erwirkt, dass er seine verflossene Affäre aus einem Ohrensessel heraus rekapituliert. Hätte er seine Familie verlassen sollen, warum ist er nicht bei Mathilde, seiner amour fou, geblieben? Doch er gibt zu einfache Antworten auf zu schwierige Fragen.

Ich habe sie geliebt

Die Adaption von Anna Gavaldas Roman, nach Claude Berris Zusammen ist man weniger allein (Ensemble, c’est tout, 2007) bereits die zweite Verfilmung eines ihrer Bücher, erweist sich als heikle Aufgabe. Dem Drehbuch gelingt es nur selten, das zerbrechliche Spiel zwischen Pierre und Marie und die flüchtigen Begegnungen zwischen ihnen ins Filmische zu übertragen. Abgepaust wirken die Figuren Breitmans im Vergleich zur Vorlage, Pierre will seine Frau nicht verlassen, liebt dennoch Mathilde und sie treffen sich in luxuriösen asiatischen Hotels. Der Film stellt zunächst keine weitere Fragen in Bezug auf Pierre und ob diese Geschichte für ihn mehr ist als das Nebenprodukt seiner unfreiwillig verkorksten Beziehung. Ebenso wenig ist über Mathilde zu erfahren, dennoch erfüllt sie weder das Klischee der mysteriösen femme fatale, noch fügt sie sich in die Rolle der still leidenden Geliebten. Leider wird die Entwicklung ihrer Figur nicht weiter verfolgt, die Beziehung ist und bleibt eine ausschließlich männliche Angelegenheit.

Ich habe sie geliebt

Die gleiche Perspektive gilt auch für das Scheitern von Pierres Ehe: Fehlende Aufmerksamkeit und Misskommunikation als Konsequenzen seines aufreibenden Berufs halten als Familienproblem her und reproduzieren ein zur Genüge bekanntes gesellschaftliches Stereotyp. Allein in einer Szene – als sich seine Frau Suzanne (Christiane Millet) mit trockenen Worten von ihm trennt und er nur das Scheckbuch als Antwort zückt – blitzen die bemitleidenswerte Unbeholfenheit Pierres und die Unmöglichkeit einer Reaktion auf. Doch bleibt das eine seltene Szene, die die Figuren in eine echte Opposition zueinander rückt und mehrere Szenarien möglich erscheinen lässt.

Ein vereinfachendes, schematisierendes Schwarz-Weiß-Denken prägt den gesamten Film. Pierre fällt aus seinem europäischen Trott heraus und trifft auf Mathilde in der pseudo-exotischen Umgebung einer pulsierenden ostasiatischen Metropole. Besonders deutlich wird diese Strategie an zwei Nebenfiguren, der pflichtbewussten und gefrusteten Sekretärin Pierres einerseits und der stetig lächelnden, überzeichnet freundlichen concierge in Mathildes Hongkonger Apartment andererseits. Sie spielen keine wirkliche Rolle, umso ärgerlicher erscheinen ihre kurzen Auftritte als Prototypen der jeweiligen Lebensumstände und als hölzerne Stellvertreter der kulturellen und moralischen Differenzen, die der Film beschreibt.

Ich habe sie geliebt

Durch solche starren Muster bekommen weder die zerbrechliche Beziehung zwischen Pierre und Mathilde noch die ins Stocken geratene Ehe die nötigen Facetten, um wirklich zu faszinieren. In einigen Szenen bleibt der Film fast wortgenau am Originaltext – erst dann erlangen die Figuren die sonst fehlende Brillanz durch die bisweilen lyrische Sprache Gavaldas, vor allem, als Pierre und Mathilde Regeln aufstellen, nach denen sie sich treffen, und die Grenze zu einem riskanten und irrationalen Spiel zu überschreiten drohen. In diesen Momenten deutet sich an, dass es nicht nur um eine Affäre geht, sondern auch um unterdrückte Gefühle, unausgesprochene Entscheidungen und mögliche Konsequenzen für beide Beziehungen. Doch Daniel Auteuil schafft es seinerseits nur selten, seine Figur mit Leben zu füllen und rettet sich mehr als einmal ins overacting mit allzu großen Gesten. Die differenzierte Darstellung emotionaler Zustände über zeitliche Grenzen und Brüche in der Erzählung hinweg gelang ihm in Michael Hanekes Caché (2005) im Zusammenspiel mit Juliette Binoche wesentlich überzeugender. Was bleibt, ist ein Film, der gefallen will, aber nicht vermeiden kann, in steife Klischees zu verfallen und Rollenbilder zu bedienen, die nicht nur gesellschaftlich, sondern auch filmisch reichlich angestaubt sind.

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Kommentare


Oliver Horton

Eine erschreckend banale Filmkritik, die der Autor hier liefert.
Sie verfällt in Platituden über schon Gesehenes oder schon Gehörtes und genau darum geht es doch in diesem Film: Das klassische Bild einer Affäre, eines Seitensprungs, der dann doch tiefere Spuren hinterlässt, als es die Beteiligten denken möchten. Die "klassischen" Rollenbilder und die männliche Perspektivdominanz ist doch ganz im Sinne der Narration! An keinem Moment ist einem der Hauptdarsteller auch nur annähernd sympathisch, das soll er auch gar nicht sein. Viel erschreckender, beunruhigender ist doch seine totale Gleichgültigkeit gegenüber Frau und Kind, wenn er bei seiner geliebten Mathilde im Bett liegt.
Das "Kammerspielartige", das der Autor hier beschreibt, ist der typische Fehler eines Kritikers: Wie gerne flüchtet man ins "Kammerspiel", wenn zwei Darsteller auf einer Leinwand nicht mehr genügen - es handelt sich schlicht um den Moment, an dem eine Rückblende legitim wird - wenn sie nämlich Parallelen zur Gegenwart liefern kann.






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