Ich habe den englischen König bedient

Vom Wurstverkäufer zum Millionär: Ein ehrgeiziger Naivling kellnert sich durch die tschechische Historie und steigt mit Hitler ins Bett. Jiří Menzels Geschichtsrevue ist dabei mehr putzig als provokant.

Ich habe den englischen König bedient

Wäre der Mann nicht so klein geraten, man könnte ihm seinen Opportunismus übel nehmen. Doch Jan Dítě ist der drollige Provinzkellner „Pikkolo“, der mit schelmischer Spitzbübigkeit zum millionenschweren Hotelier aufsteigt, weil er stets sein Glück im Unglück erkennt. Während des Zweiten Weltkrieges ist ihm als Mittel zum Zweck selbst das Eigentum deportierter Juden kein zu heißes Eisen. Und klar, die Frauen finden den charmanten Kurzen natürlich goldig. Pikkolo dankt es ihnen, indem er ihre nackten Körper mit Blumen oder Früchten drapiert und den verzückten Damen das kunstvolle Arrangement anschließend im Spiegel präsentiert.

Leckere Lebensmittel und kühle Biere, wohlgeformte Brüste und knackige Hinterteile, auf den Boden geschmissene Münzen und verbrannte Geldscheine – Essen und Trinken, Sex und Moneten, so entwirft der tschechische Autor und Regisseur Jiří Menzel das dolce Vita, von dem sich der junge Dítě (Ivan Barney) Mitte der zwanziger Jahre unbedingt eine satte Scheibe abschneiden will. Dem alten Dítě (Oldřich Kaiser) blickt in den Spiegeln, die er sich über drei Jahrzehnte, mehrere politische Regime und einem langen Gefängnisaufenthalt später aufstellt, ein Fremder entgegen. Der übernimmt gleichzeitig Anwaltschaft und Anklage des jungen, findet aber keine Verteidigung für dessen Ambitionen und gelangt zur simplen Einsicht, dass Geld nicht glücklich macht, Bier und Brüste aber schon.

Ich habe den englischen König bedient

Menzels mittlerweile sechste Verfilmung einer literarischen Vorlage des verstorbenen tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal ist eine prächtig ausgestattete, lustvoll und mitunter lüstern inszenierte historische Komödie, die mit ihrem unverfänglichen Humor und der altbackenen Botschaft allerdings einen recht biederen Eindruck hinterlässt. Anders als in vielen von Menzels früheren Werken tritt der Protagonist nicht als genügsamer Vertreter seines Milieus auf und widersetzt sich als solcher unter gegebenen Umständen den Regeln der Reichen und Machthabenden, sondern adaptiert sie, um dazuzugehören. Dadurch und aus blinder Liebe zur sudetendeutschen Hitler-Verehrerin Líza (Julia Jentsch im Kontrastprogramm zu Sophie Scholl – Die letzten Tage, 2004) wird der kleine Mann zum Kollaborateur der Nationalsozialisten. Jan liebt Líza, da sie die einzige Frau in seinem Leben ist, die ihn an Zentimetern nicht überragt. Sie schläft mit ihm zu Wagner-Klängen und den Groupie-Blick auf das Schlafzimmerporträt des Führers gerichtet.

Ich habe den englischen König bedient

Für Menzel ist Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále) jedoch „(…) eher ein Film über den tschechischen Charakter als über den Nationalsozialismus“. Das Naturell der Tschechen sei seiner Meinung nach „etwas beschädigt“ durch die „Überlebensstrategie, (…) sich über die Jahrhunderte hinweg anzupassen, jedes Regime und jede Religion zu akzeptieren“. In den sechziger Jahren galt der Regisseur als wichtigster Vertreter der tschechischen Nouvelle Vague. Sein erster Langfilm, die Oscar-prämierte Coming-of-Age-Geschichte Liebe nach Fahrplan (Ostre sledované vlaky, 1966), enthält bereits die typische Menzel-Mischung aus Slapstick, Politik und amourösen Abenteuern: Ein reservierter junger Mann aus der Arbeiterklasse wird im Zweiten Weltkrieg zum Bahnhofswärter ausgebildet und sprengt am Ende einen Zug der Nationalsozialisten in die Luft, nachdem er nach einigen Fehlversuchen seine Jungfräulichkeit verloren und damit den Mut zum Aktivismus gewonnen hat.

Zu Beginn seiner neuen Geschichtsschelmerei zitiert der 70-jährige Menzel mit einer Bahnhofsszene in Schwarz-Weiß Liebe nach Fahrplan. Doch während die ältere Hrabal-Adaption einst ihrer Zeit voraus war, wirkt die jüngste dagegen angestaubt – auch wenn hier die verklärten (Kamera-)Blicke in die Vergangenheit größtenteils bewusst eingesetzt werden. Das verführerische Auftischen und Auskosten von appetitlichen Mahlzeiten und Frauenkörpern (gerne in Kombination) scheint einerseits eine Entlarvung von Dekadenz zu beabsichtigen, andererseits verfällt die nostalgisch angehauchte Umsetzung mit ihren Reminiszenzen an den Stummfilm manchmal ins reine ästhetische Schwärmen und lässt sich von der schönen Oberfläche der vorgeführten Figuren, Schauplätze und Requisiten selbst einlullen. Serviert dem davon ebenfalls mitgerissenen Jan Dítě aber wiederum die Rechnung für seine Verblendungen, und die lautet: Kellner, bleib bei deinem Tablett.

Ich habe den englischen König bedient

Die schützende Narrenkappe der Hauptfigur stülpt sich der Film gleich mit über und fährt somit durchgängig auf der sicheren und nach einer gewissen Strecke eingefahrenen und überraschungsarmen Schiene. Dass Himmlers Arierzuchtprojekt „Lebensborn“ durch die naive Perspektive und die arglosen Voice-Over-Kommentare des tschechischen Simplicissimus zum sonnigen Freudenhotel mit Swimmingpool verzerrt wird, in dem später verkrüppelte Soldaten ihre Runden drehen, tut dann auch nicht weiter weh. Schließlich operiert fast die gesamte Inszenierung mit der rosaroten Brille des Protagonisten und dessen permanentes Putzigkeitsgehabe betäubt den Zuschauer schnell für alles potentiell Unangenehme. In ihrem Heimatland war Menzels Mitläufergroteske ein Publikums- und Kritikererfolg. Vielleicht braucht es ein tschechisches Naturell, um den Spaß zu verstehen.

Trailer zu „Ich habe den englischen König bedient“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.