Ich fühl mich Disco

Ein bitteres Leben im Glanz der Discokugel

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Glitzernde Traumwelt und ernüchternde Wirklichkeit lassen sich in Axel Ranischs neuem Film nicht so leicht voneinander trennen. Sie gehören zusammen, schon deshalb, weil das eine ohne das andere gar nicht zu ertragen wäre. Flori (Frithjof Gawenda) bekommt die Pubertät von ihrer hässlichsten Seite zu spüren: Er ist übergewichtig, hat keine Freunde und wird von seinem Vater Hanno (Heiko Pinkowski) ständig angepöbelt, weil er nicht dessen Idealvorstellung von einem Sohn entspricht. Das Gegenmittel für diese Alltagsmisere ist denkbar einfach: Mehr als ein wenig Make-up, einen Discoanzug aus Polyester und die augenzwinkernden Neo-Schlager von Christian Steiffen, die sich um so essenzielle Dinge wie „Sexualverkehr“ und „Eine Flasche Bier“ drehen, braucht es dafür nicht. Dann ist alles wieder gut, zumindest für kurze Zeit.

Schauspieler und Regisseur Axel Ranisch bringt mit seinen Filmen ein wenig Anarchie und Verspieltheit in die deutsche Filmlandschaft. Nur ein Jahr nach seinem vielbeachteten Low-Budget-Debüt Dicke Mädchen (2012) hat er bereits zwei neue Filme gedreht, die sich beide der Lebenswelt eines Heranwachsenden widmen. Die Tragikomödie Ich fühl mich Disco ist einer von ihnen; eine Ode an die heilende Kraft der Fantasie, die sich vor allem durch ihren Hang zum Trashigen und Dilettantischen auszeichnet.

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Das Leben sei bitter, meint der um altkluge Lebensweisheiten nie verlegene Hanno einmal. Ranisch lässt keinen Zweifel an dem großen Gefälle zwischen einem von Enttäuschungen geprägten Alltag und einer Welt der Imagination, in der plötzlich alles möglich ist. Die Flucht vor der Realität ist der rote Faden des Films, und Strategien gibt es dafür reichlich. Ein erotischer Tagtraum tut da ebenso seinen Dienst wie eine Flasche Wodka. Ich fühl mich Disco breitet ein Sammelsurium an menschlichen Unzulänglichkeiten aus, das sich nicht nur auf den gepeinigten Sohn konzentriert. So ist Hanno alles andere als der furchteinflößende Patriarch, der er vorgibt zu sein. Eher ein armes Würstchen, das von seinem Sprössling und der liebevollen Mutter schon mal zum Fußballschauen ins Auto verbannt wird und versucht, sein Selbstwertgefühl mit Promillehaltigem zu reanimieren.

Zugegeben, Ich fühl mich Disco ist bei weitem nicht so anarchisch, wie er tut. Bricht man den Film etwa auf seine Handlung herunter, ähnelt er jenen herkömmlichen Dramen, die sich ganz der Familientherapie verschrieben haben: Vater und Sohn können nicht miteinander, müssen es aber – nachdem das Drehbuch die Mutter ins Koma geschickt hat – miteinander versuchen. Um diese abgestandene Versöhnungsnummer durchzuziehen, fehlt Ranisch dann aber glücklicherweise die Konsequenz. Stattdessen scheinen die Träume plötzlich Wirklichkeit zu werden, als sich Flori in den rumänischen Turmspringer Radu (Robert Alexander Baer) verliebt und Radu auch ein wenig zurückliebt.

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Obwohl Ich fühl mich Disco auf vielbefahrenen Straßen fährt – ob mit seinem Vater-Sohn-Erzählstrang oder seiner Coming-out-Geschichte –, findet er immer wieder spannende Umwege, die ihn an Orte bringen, die man im deutschen Kino nicht so oft zu sehen bekommt. Einerseits wagt sich der Film immer wieder zu schwerelosen, mit Klaviermusik von Rachmaninow untermalten Szenen, die ins Absurde oder Fantastische gleiten, andererseits wird der Realismus mitunter so weit getrieben, dass Floris Objekt der Begierde auch Pickel haben darf. Und natürlich gibt es auch Momente, in denen der Regisseur und seine Darsteller ihr Talent für punktgenaue Situationskomik beweisen dürfen. Da gibt es etwa ein Selbsthilfevideo zu sehen, in dem Ranischs ehemaliger Lehrer Rosa von Praunheim den Eltern von schwulen Kindern rät, einmal selbst die Freuden der Analerotik zu genießen, oder ein desaströs gescheitertes Abendessen, mit dem der Film gekonnt die Balance zwischen Fremdschämen und einem niemals denunzierenden Comic Relief hält.

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Beim Sehen von Ich fühl mich Disco wird einem außerdem noch etwas bewusst: Es gibt viel zu wenige dicke Jugendliche im Kino, die mehr sein dürfen als nur Witzelieferant. Wenn sie, wie hier, einmal ernst genommen werden, mit ihrer Leidenschaft und ihrem sexuellen Begehren, ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Selbst wenn Flori sich unbeholfen aus dem Schwimmbecken windet und es nur mit sichtlicher Anstrengung auf die Beine schafft, geschieht das noch mit einer gewissen Würde. Wenn das Scheitern im Leben eines Jungen eine derart zentrale Rolle eingenommen hat, kann einen keine Demütigung mehr ruinieren. Die Discokugel wird sich schon weiterdrehen.

Trailer zu „Ich fühl mich Disco“


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Kommentare


Ciprian

Ich fand ihn miserabel.
Du sprichst am Ende ein für mich symptomatisches Bild: ich kann nicht mit einem Film konform gehen, der seine Hauptfigur über einen Beckenrand robben lässt, wenn die Treppe daneben im Bild steht. Da ist Würde dermaßen zugunsten eines billigen Humors verkauft, dass der Film nicht mehr funktionieren kann.


Michael

Es ist natürlich eine Komödie, die mit Zuspitzungen arbeitet. Das Robben aus dem Becken war für mich eher ein Bild für die Unbeholfenheit der Figur (die für den Film ja zentral ist), aber eben auch für ihre Hartnäckigkeit: Auch wenn er weiß, dass das jetzt albern aussieht, zieht er es trotzdem durch. Das Vorführen kam mir schon deshalb nicht in den Sinn, weil der Film seinem Protagonisten dafür viel zu empathisch gegenüber steht.






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