Ich bin die Andere

Multiple Persönlichkeiten, dunkle Familiengeheimnisse, zerstörerische Begierden – dazu ein Patriarch im Rollstuhl und eine schicksalhafte Explosion in Casablanca: Margarethe von Trotta ist eine wilde Kolportage gelungen, in der nichts zusammenpasst.

Ich bin die Andere

Zum Einstieg fährt die Kamera einen scheinbar endlosen roten Stoff entlang, und schon ist klar: es geht um Leidenschaft, um die verführerische Hülle der Frau und ihre mysteriöse Innenwelt. Später zeigt sich, dass der stimmungsvolle Beginn nicht nur auf das rote Kleid der Hauptfigur verweist, sondern auch auf den atemberaubenden Schleier des Trash’, der Ich bin die Andere umhüllt. Man kann nur zusehen und staunen.

Die schwierigste Rolle kommt Katja Riemann als beruflich knallharter Rechtsanwältin Dr. Carolin Winter zu, die privat ihrem Patriarchen-Vater (Armin Mueller-Stahl) hörig ist. Regelmäßig begibt sich Carolin im billigen Lulu-Outfit mit blonder Perücke, besagtem Kleid und obszönen Sprüchen auf Männerjagd, um sich unter dem Namen Carlotta als Hure anzubieten. Ihr Honorar lässt Carolin/Carlotta stets zurück, denn es hat ihr ja Spaß gemacht. Dass das eine prima Männerphantasie ist, findet auch der Ingenieur Robert Fabry (August Diehl), der zunächst eine heiße Nacht mit der vermeintlichen Prostituieren verbringt – „Nackt kostet extra“ – und sie am nächsten Tag in der Anwaltskanzlei als spröde Frau Dr. Winter erlebt. Fabry glaubt an ein erotisches Spiel, verliebt sich schlagartig in die seltsame Blonde, verlässt seine äußerst verständnisvolle Freundin (Bernadette Heerwagen) – „Fahr hin und nimm’ sie dir“ – und erkennt erst nach und nach, dass Carolin mit einer handfesten Persönlichkeitsspaltung lebt. Dennoch will er sie heiraten.

Ich bin die Andere

Robert wird in Carolins krude Familie eingeführt, die als großartiger Nährboden für Psychosen angelegt ist: Die Mutter (Karin Dor) hat sich gutgelaunt in den Alkohol geflüchtet, ihr ehemaliger Geliebter, der Hausdiener Bruno (Dieter Laser), biss sich einst die Zunge ab, um ein Familiengeheimnis zu wahren. Das Hausmädchen Fräulein Schäfer (Barbara Auer) wird mit Luxusgütern bei der Stange gehalten, der Hausherr Karl Winter las es vor langer Zeit in Casablanca auf und nahm es zur Gespielin – ein Verhältnis, das ihn zum Krüppel machen sollte.

Armin Mueller-Stahl sind die besten Auftritte des Films vergönnt. Er darf den Schurken im Rollstuhl geben, einen weißen Anzug tragen und auf einer fahrbaren Plattform den Weinberg hochgleiten. Die Spielfreude ist ihm anzusehen, die Biestigkeit seines Despoten erfrischend. Dagegen kommt Robert, der Konkurrent um die multiple Frauenseele, nicht an. Der Figur des Ingenieurs ist die totale Besessenheit mit dem Liebesobjekt schwer abzunehmen, weil Carolins Ausstrahlung trotz einiger Nacktsekunden eher bieder bleibt. Doch das Drehbuch drängt unbeirrt voran, schließlich gilt es, noch ein paar Plotvolten in Afrika zu schlagen und Katja Riemann mit Mullbinden zu verschleiern – ein Bild, das schon wieder an Satire grenzt.

Eifrige Biographen haben bei Margarethe von Trotta von jeher Motive der deutschen Romantik und des Stummfilmexpressionismus ausgemacht: Spiegelungen, Doppelgängerkonstellationen, innere und äußere Gefängnisse. Ich bin die Andere verspricht reiche Ausbeute: Auch die Szene, in der aus Carlotta vor dem Spiegel Carolin wird, durfte nicht fehlen. Und: In diesem Film stecken viele. Zuerst ein überausgestattetes Melodram, in dem die Gesichter der Schlafenden nachts noch gut ausgeleuchtet sind und im orientalischen Hinterzimmercafé der Scheinwerfer angeht, wenn sich das Paar in die Arme schließt. Dann ein Thriller voller zwielichtiger Figuren und eine Fundgrube filmgeschichtlicher Kurzschlüsse: Hitchcocks unheimliches Marokko, ein wenig Jenseits von Afrika in der Wüste, Der englische Patient unter dem Moskitonetz, die Geräusche angelyncht – das gehört inzwischen zum guten Ton – und immer wieder ein Déjà-vu von Thomas Mann, der letzten deutschsprachigen Rolle Mueller-Stahls.

Ich bin die Andere

Das Drehbuch stammt von Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich, dem Autorenduo, das in der Zeit des Neuen deutschen Films für Fassbinders BRD-Trilogie die verzweifelten Frauenfiguren Maria Braun, Lola und Veronika Voss erfand. Auch wenn bei heutigen Melodramen immer gern Fassbinder und dessen Vorbild Douglas Sirk herbeizitiert werden, ist das nichts als Beschwörung von Geistern, die sich nicht wehren können. Denn Kolportage muss man können. Und aus der glänzenden UFA-Ästhetik der Fassbinder-Dramen wehte die emotionale Eiseskälte Nachkriegsdeutschlands.

Auch die frühen Filme Margarethe von Trottas – vor allem der Erstling Das zweite Erwachen der Christa Klages (1977) und ihr internationaler Durchbruch Die bleierne Zeit (1981) – bezogen ihre spröde Kraft aus einer gesellschaftlichen Zustandsbeschreibung. Irgendwann verschwand das Gefühl für den Puls der Zeit im Kino-Mainstream der „großen Gefühle“ mit Blick auf den Weltmarkt. Als letztes geschah dies der früheren Autorenfilmerin bei Rosenstraße (2003), einer harmonisierenden NS-Vergangenheitsbewältigung, ebenfalls mit Katja Riemann.

Der Hang zum Dekor, die steifen Dialoge, die schmerzhaft vermisste Subtilität – sie prägen auch Ich bin die Andere. Margarethe von Trotta hat sich seit Jahren damit abgefunden, von entsetzten Filmkritikern attackiert zu werden. Doch was bleibt anderes übrig? Sie macht es einem einfach zu leicht.

 

Kommentare


Tonio Gas

Trotz der miesen Presse, vor allem in der FAZ: Der Film ist eine recht achtbare Version diverser Hitchcock-Themen. "Achtbar" ist zugegebenermaßen ein etwas vergiftetes Kompliment. Aber nur ein bißchen. Fangen wir mal mit dem Guten an: Der Film ist hundertprozentig durchstilisiert, da ist nix dem Zufall überlassen, die Rot- und Blautöne in der Szenebar, die wie von Hand gekämmten Dünen in Marokko, das kalte Blau der Aral-Tanke, das Yuppiehaus am Starnberger See, das alles ist recht stilsicher eingesetzt, und im Gegensatz zur FAZ fand ich auch nicht, daß das die Handlung zu sehr erdrückt hat, ich mag halt durchstilisierte Filme. Wobei die von Trotta recht geschickt vorgeht, und bei all den Schauwerten sollten wir mal nicht vergessen, dass ihr z.B. für die Einführung des Landes Marokko eine Hafengegend, nicht mehr ganz neue Autos und eine Moschee im Hintergrund reichen, so daß man zunächst denkt, das Team wäre gar nicht dort gewesen. Das ist schon gut so: Schäbig, wenn es schäbig sein soll, und schön, wenn es schön sein soll, das ist keine selbstzweckhafte Hitch-Kopie.
Die Geschichte ist nicht ganz neu, aber sie wird doch recht originell erzählt. So erfahren wir z.B. in der Mitte mal etwas über eine technische Vorrichtung und ahnen sofort, daß das im Finale eine Rolle spielen wird, aber wie und warum und das ganze Drumherum, wie es dazu kommen wird, das ist immer noch recht spannend.
Zwei Abstriche: Katja Riemann, die im deutschen Kino manchmal etwas überpräsent ist und oft ein bißchen herb und dominant wirkt, kann erstaunlicherweise sehr gut ihre energetische Präsenz in hektische Unterwürfigkeit verwandeln - und gibt die devote Tochter damit hundertmal besser als die Femme Fatale; als solche ist sie eher abtörnend, auch schon ein bißchen zu alt für die Rolle und einfach eine zu "schlampige" Schlampe, als daß man glaubt, daß der Jungingenieur ihr sofort verfällt. Dazu kommt eine gewisse Drastik in der Darstellung. Wir sehen ihre Schamhaare, wir sehen, wie sie unter den Rock faßt und Sperma an den Händen hat... Das darf man natürlich heutzutage alles machen, aber es wirkt nicht sonderlich erotisch... Wobei das mit dem Sperma noch in Ordnung geht, da dort das Bild der Intention entspricht, wir ekeln uns gemeinsam mit der Riemann. Die andere Szene hingegen soll erotisch sein und ist bloß direkt-billig, da paßt es nun gar nicht.
Im Übrigen: Solide Schauspielkunst und Kenntnis der Ikonografie des Genres (z.B. das Ölbild der Tochter im Zimmer des Vaters), wenngleich es nicht wirklich überraschend ist, daß Armin Mueller-Stahl ein dominantes Monstrum ist.


horst

DER FILM IST EINE TOTALE KACKE. SCHADE. AN SICH EIN GUTES THEMA, ABER LEIDER BESCHEIDEN UMGESETZT. REINE ZEITVERSCHWENDUNG. WOBEI TITEL UND AUCH ANKÜNDIGUNGEN MEHR VERSPRECHEN.


Sylvio

Der Film hat schöne Elemente, wie die Erotik der Katja Riemann als Hure. Leider wirkt Frau Riemann als Carolin zu wenig anziehend, ihre Stimme ist viel zu tief und sie schaut zu alt aus, jedenfalls älter als seine Partnerin Britta, und auch als Robert selber, als dass man seine Versessenheit nachvollziehen kann, zumal seine Partnerin, mit der er ja zusammenlebt, sehr attraktiv, und unrealistisch verständnisvoll ist. Ich empfand diese Figur und auch "Fräulein Schäfer" viel anziehender. Das macht den Film für mich unglaubwürdig, absurd, die Rollen sind schlecht verteilt. Aber vielleicht habe ich einfach ein anderer Geschmack...
Das Thema des Films finde ich sehr interessant, aber mit der Umsetzung komme ich nicht zurecht. Zudem wirken deutsche Schauspieler immer hölzern, aufgesetzt, theatralisch. August Diel fand ich noch am authentischsten.
Auch beim 2. anschauen des Films werde ich aus einigen Szenen nicht schlau:
zB als Robert Frl Schäfer auf dem Parkplatz trifft zwischen Lastwagen im langen Ledermantel. Was macht sie da und warum ist sie so angezogen? Prostituiert sie sich auch nebenbei? Und als er sie fragt, wo Carolin sei, erzählt sie ihre eigene Geschichte, wie sie zu Carolins Vater kam. Robert fragt sie dann zwar, warum sie ihm das erzählt, aber nicht, was das mit Caroline zu tun hat. Der Dialog endet so und lässt offen, warum sie nichts zu Carolines Verbleib sagt und was ihre Geschichte mit Caroline zu tun hätte. Das ist nicht nachvollziebar und der Film wirkt so diletantisch.
Auch verstehe ich nicht, was die Reise in die Wüste soll und schon garnicht diese Explosion. (Dabei weiss man doch, dass Benzin nicht explodieren kann....)






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