Ich bin das Glück dieser Erde

Liebe in den Augen und ein Schlager auf den Lippen. Ein stilisiertes Vorspiel von Julián Hernández.

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In den Filmen von Julián Hernández (Raging Sun, Raging Sky; Rabioso sol, rabioso cielo, 2008) ist die ganze Welt ein Cruising Spot. Menschen – meist junge, sehr hübsche Männer – fixieren sich darin mit durchdringenden Blicken, verfolgen einander, flirten und liegen sich irgendwann in den Armen. Die Kamera nimmt teil an diesem erotischen Ritual, indem das Einkreisen des Anderen zum genüsslich ausgedehnten Vorspiel wird. Auch sie dreht sich um die Figuren, tastet sich entlang an leuchtenden Augen, makellosen Körpern, unfertigen Interieurs, lässt uns taumeln und gewährt nur selten mit einer Totale den räumlichen Überblick. Auch die erste halbe Stunde von Ich bin das Glück dieser Erde (Yo soy la felicidad de este mundo) zeigt so eine ausgefeilte Choreographie des Begehrens, in der kein Schwenk und keine Geste dem Zufall überlassen bleiben. Regisseur Emiliano (Hugo Catalán) umgarnt den Tänzer Octavio (Alan Ramírez) wie ein Jäger sein Opfer und zieht mit ihm durch eine Stadt, die wie eine menschenleere Studiokulisse wirkt. Sie verlieben sich ineinander, dann wird es bald kompliziert. Nicht nur für die beiden, sondern auch im Hinblick auf die Handlung.

Verweigerungshaltung hinter glänzender Fassade

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Das Tänzerische, das die Annäherungsrituale von Hernández’ Figuren immer haben, spielt diesmal eine besondere Rolle. Emiliano dreht eine Dokumentation über Tänzer und gleich mehrmals gibt es Darbietungen von ihnen zu sehen, die sich widerstandslos in den Film einfügen. Denn so wie der Tanz eine körperliche Form der Poesie ist, ist die Haltung des Films eine narrative Form der Poesie. Vieles bleibt skizzenhaft, geheimnisvoll, nicht ganz lesbar. Auf den ersten Blick würde man das einem Film wie Ich bin das Glück dieser Erde nicht zutrauen. Seine Ästhetik ist sehr glatt, zielt nicht selten auf Erhabenheit und schreddert dabei immer wieder am Kitsch entlang. Allerdings macht gerade diese gefühlsbetonte Inszenierung den Reiz des Films aus, auch als Gegenposition zu jenem kühlen Autorenkino, das sehr behutsam mit Emotionen umgeht. Bei Hernandéz geben sich die Figuren ihren Freuden und Leiden dagegen mit Haut und Haaren hin. Als Octavio die Trennung von Emiliano verschmerzen muss und sich mit zwei Freundinnen ablenkt, muntert ihn ein nervöser Elektro-Track auf. „Warte, das hier ist viel besser“ sagt schließlich eines der Mädchen, legt eine traurige Ballade auf, überlässt den Jungen zunächst seinen Tränen und zaubert ihm mit einer Verführungsnummer anschließend wieder ein verschmitztes Lächeln auf die Lippen.

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Immer wieder blitzt hinter der glänzenden Fassade des Films eine Verweigerungshaltung gegenüber erzählerischen Konventionen auf. Oft bleibt diese nur angedeutet, etwa wenn Hernández beharrlich den Möglichkeiten ausweicht, seine Geschichte zu konkretisieren. Das fängt schon mit den Figuren an. Es gibt etwa einen Tänzer, einen Regisseur, einen Stricher und eine Musikerin; und das ist dann auch schon fast alles, was man über sie erfährt. Der Film zieht das Typische dem Besonderen vor, weil damit auch eine gewisse Freiheit einhergeht: Die Figuren lassen sich nicht wirklich greifen. Ähnlich verhält es sich mit dem Sex, der in Ich bin das Glück dieser Erde eher eine Idee als ihre Ausführung beschreibt. Zwar streicheln sich ständig nackte Körper, gefickt wird aber kaum. Die eigentliche Attraktion ist ein stilisiertes Vorspiel, das ohne Liebe undenkbar ist. Und die Liebe ist ohnehin universell und archaisch. Sie kennt keine sexuellen Orientierungen, kann alles und nichts bedeuten. Sie ist immer da, lässt sich zwar spüren, aber nicht analysieren.

Ein kosmisches Prinzip

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Die Beziehung, mit der Ich bin das Glück dieser Erde beginnt, läuft schnell ins Leere, nur um ständig wiederzukehren, als Variation, Fortsetzung und Abstraktion. Im Mittelteil löst sich der Film etwa von allen Zuschreibungen. Es gibt keine Namen mehr, keine wirkliche Handlung und keinen Kontext. Zwei Männer und eine Frau wandeln durch ein leeres Haus, ziehen sich an und dann wieder aus, fallen übereinander her, kämpfen oder kriechen auf allen Vieren auf dem Boden. Angefeuert werden ihre Handlungen von einem lyrisch verrätselten Voice-over, der auch nur vorgibt, notwendige Informationen zu liefern. Vielleicht handelt es sich dabei um einen Fiebertraum des tablettensüchtigen Emilianos, vielleicht wird hier aber auch nur das kosmische Prinzip von Anziehung und Abstoßung, das den gesamten Film durchzieht, auf eine reine, von allem narrativen Ballast befreite Ebene übertragen. Am Ende findet der Film wieder zurück zu Emiliano. Der lebt mittlerweile mit dem jungen Callboy Jazen (Emilio von Sternenfels) zusammen, mit dem er jedoch auch nicht wirklich glücklich wird. Statt sein Leben zu genießen, erträgt er nur dessen Abbild, masturbiert zu Aufnahmen von sich und seinem Freund beim Sex, während er den leibhaftigen Jazen keines Blickes würdigt. Irgendwann gibt es dann doch wieder Hoffnung. Nicht wegen einem bestimmten Ereignis, sondern weil Emiliano ein schnulziger Schlager auf den Lippen liegt, der seine finstere Miene langsam wieder erhellt. 

Trailer zu „Ich bin das Glück dieser Erde“


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