Ice Poison

Kuhhandel in Myanmar: Die Armut macht aus zwei jungen Menschen Drogendealer.

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„Falls ich dir das Geld nicht zurückzahlen kann, darfst du sie natürlich schlachten“, sagt der Mann, der eben seine Kuh an einen Verwandten verpfändet hat, um seinem Sohn (Wang Shin-Hong) ein Moped kaufen zu können. Der will als Taxifahrer arbeiten, denn die Ernte war schlecht, die Wohnhütte aus Lehm ist ärmlich, gute Jobs gibt es nicht und obwohl der Vater all seine  Schmeichelkünste aufbietet, will oder kann ihnen niemand Geld leihen. Armut trotz Arbeit oder Emigration – mehr Optionen gibt es in dieser Welt nicht. Und weil ein Arbeitsvisum für China, Taiwan oder Malaysia schwer zu bekommen ist, belagert der Sohn bald jeden Tag mit vielen anderen Fahrern die Reisebusse in der nächsten Stadt und bettelt die Aussteigenden an, sie an ihr Ziel fahren zu dürfen.

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Die erste Kundin ist Sanmei (Wu Ke-Xi), eine junge Frau, die nach China verkauft wurde. Ihr dortiger Ehemann hat sie nur für das Begräbnis ihres Großvaters nach Myanmar fahren lassen, den gemeinsamen Sohn als Geisel behalten. Doch Sanmei, die ihr Gesicht nach altem burmesischem Brauch mit Thanaka verziert, weigert sich im Anschluss an die Beerdigung, wieder nach China zurückzukehren. Stattdessen will sie in ihrer Heimat Geld verdienen, um es ihrem Sohn zu schicken und ihm so ein gutes Leben zu finanzieren. Am besten geht das, indem sie mit Hilfe des jungen Mopedfahrers Crystal Meth vertickt – die Droge, deren chinesischer Name dem Film seinen Titel gibt: Bing du.

Von diesem Moment an wird es ziemlich spannend – allerdings sind bis dahin schon 65 Minuten vergangen. Regisseur Midi Z nimmt sich (zu) viel Zeit, um die beiden Protagonisten und ihre Welt zu etablieren. Eine Welt, in der die Männer Röcke tragen und Mopeds unter anderem dazu dienen, das einzige Telefon des Dorfes (ein gefaketes iPhone aus China) zu demjenigen Einwohner zu transportieren, der gerade einen Anruf erhält. Da es aus Myanmar kaum jüngere Filme gibt, ist das eine Zeit lang durchaus interessant. Aber auf die Dauer wirkt das stark verzögerte Einsetzen des eigentlichen Plots in Verbindung mit der extremen Dialoglastigkeit des Anfangs etwas ermüdend.

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„Hör mit den Drogen auf“, ermahnt der Vater seinen Sohn einmal – während er selbst an einer riesigen Bong zieht. Auch die Kamera scheint in einigen Szenen vom Drogenrausch ergriffen zu sein: Mit verzerrender Linse blickt sie aus nächster Nähe in das Gesicht des Mopedfahrers und seiner Passagierin. Die Fahrtgeschwindigkeit lässt ihre Körper und die Bilder stark ruckeln, sodass ohne jegliche Nachbearbeitung trippige Sequenzen entstehen.

Bald schon beginnt der Sohn, Stimmen in seinem Kopf zu hören – und doch kann er weder vom Inhalieren noch vom Transport der Droge lassen. Zu betörend ist der Lockruf des Geldes angesichts der eigenen Mittellosigkeit. Ice Poison zeigt, wie Sucht und Kriminalität die logischen Folgen von Armut sind. Die Ausdruckslosigkeit, mit der Wang Shin-Hong den Mopedfahrer spielt, passt zur Apathie, mit der der junge Mann sich seinem ausweglosen, ökonomisch vorgezeichneten Schicksal ergibt. Nur gegen Ende bricht einmal ein drogeninduzierter Tobsuchtsanfall aus ihm heraus – ein effektiver Kontrapunkt, der die Eskalation des Films bereits andeutet.

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Denn natürlich werden die beiden Amateur-Dealer irgendwann ertappt. Doch den Preis dafür zahlen nicht nur sie selbst. Es ist ein im Autorenfilm recht verbreitetes Mittel, das Schlachten von Tieren als ebenso schockierende wie authentische Sinnbilder der menschlichen Unmenschlichkeit einzusetzen. Und so sehen wir, wie die verpfändete Kuh im Schlachthof zu Fall gebracht wird, wie ihr der Fleischer den Hals umdreht und sie schließlich ausbluten lässt. Das sind starke, widerliche Bilder, die auf drastische Weise zeigen, wie Unschuldige zu Opfern werden – zu Opfern von Tätern, die zu Tätern wurden, weil sie selbst Opfer waren.

Trailer zu „Ice Poison“


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