Iberia

In seinem neuesten Film lässt Carlos Saura allein die Musik und den Tanz Spaniens sprechen. Wer dabei auf kein fundiertes Basiswissen über die musikalische Vielfalt der iberischen Halbinsel rekurrieren kann, wird sich in Iberia ganz auf die Überzeugungskraft der Bilder und Töne konzentrieren müssen und dabei vielleicht mehr erkennen als auf den ersten Blick erwartet.

Iberia

Carlos Saura, der wohl produktivste zeitgenössische Regisseur Spaniens, hat einen neuen Film über sein Land, dessen Musik und Tanz gemacht. Bereits seit den achtziger Jahren, einer Hochphase von Musical- und Tanzfilmen, durchzieht eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Musikstilen sein Oeuvre. Angefangen mit Bodas de Sangre (Bluthochzeit, 1981), einer Lorcainterpretation anhand des Flamenco, über Carmen (1983) bis hin zu Tango (1998) waren diese Werke beharrlich durch eine Vermischung von Kunst und Wirklichkeit innerhalb der jeweiligen filmischen Realität gekennzeichnet. Die tödliche Eifersucht von Antonio wird in Carmen zum tragischen Schicksal der Protagonistin, und in Tango tötet der Hauptdarsteller in seinen Rachephantasien die Ex-Geliebte. Das Leben und die Kunst waren in Sauras Filmen nicht mehr voneinander zu trennen. Sie gingen eine, meist tragisch endende, doch faszinierende und spannende Symbiose ein.

2005 nun versammelt Saura erneut Stars der spanischen Musik- und Tanzszene vor der Kamera und lässt sie ihre Künste zelebrieren, doch dieses Mal in ungewohnt dokumentarischer Nüchternheit. Die Szenerie erinnert zwar in ihrer Opulenz und Theatralität beträchtlich an Sauras vorletzten Musikfilm Tango, doch auf eine verbindende Story der einzelnen Darbietungen, den sogenannten roten Faden in Form einer erzählten Geschichte, wartet man in Iberia vergeblich. Stattdessen reiht sich ein überwältigender Auftritt kommentarlos an den nächsten. Gleich einer durch-choreographierten Bühnenshow eines spanischen Reiseveranstalters, der den kulturell interessierten Zuschauer für die musikalischen Delikatessen seines Landes zu überzeugen versucht, betreten die Künstler artig nacheinander die Bühne, um ihn in dieser Mission zu unterstützen.

Iberia

Doch falls die eigenen Kenntnisse über die mannigfaltige spanische Musik lediglich bis zur groben Unterscheidung von Flamenco und Sevillanas reichen sollten, empfiehlt es sich, diese hierfür spontan zu verbessern, denn ansonsten wird das Filmerlebnis dieses Mal auf das Betrachten von hyperinszenierten Attraktionen, wie den trainierten Körpern der Tänzer und der technisch ausgefeilten Bühnendekorationen beschränkt bleiben. Obgleich der Film darin wiederum alles bisher in Sauras Filmen Gesehene überbietet.

Das treibende Element in Iberia ist buchstäblich der Einsatz der Kamera. Mit José Luis López Linares erlebt diese hier ihre verspätete Entfesselung in Sauras Oeuvre. Sie verbleibt dieses Mal nicht wie gewohnt im Parkett, sondern holt den Betrachter auf die Bühne. Die Kamera - und mit ihr der Zuschauer - begibt sich hinein ins Tanzgeschehen, ja zuweilen wird sie selbst zum Tänzer und Akteur. Solch involvierende Aufnahmen bewirken stellenweise sehr bewegende Momente, sowohl emotional, als auch sensomotorisch, machen aber auf jeden Fall einen der überzeugenden Punkte an diesem sonst etwas langwierigen Werk aus.

Iberia

Als Inspiration für Iberia diente Saura die gleichnamige Suite von Isaak Albéniz, welcher Ende des 19. Jahrhunderts andalusische Volksmusik mit zeitgenössischer europäischer Musik in seinen virtuosen Klavierwerken verarbeitete. Saura erweitert dieses einflussreiche Original in seinem Werk abermals, indem er Musikern und Tänzern aus, für ihre Kultur im Ausland eher unbekannten Regionen Spaniens, wie dem Baskenland oder Asturien einen Auftritt in seiner Abfolge kultureller Aushängeschilder einräumt. Doch ungeachtet des thematisierten Facettenreichtums spanischer Kultur, präsentiert uns Carlos Saura mit Iberia ein ungewohnt geeintes Bild seines Landes und lässt auf eine solche Entwicklung in der Realität spekulieren. Jedem, der die spanische Musik vor allem ihrer gelegentlichen Theatralik wegen zu schätzen weiß und dabei offen für einen Blick über den andalusischen Tellerrand hinaus ist, dem sei Iberia wärmstens empfohlen. Wer es jedoch vorzieht, Musik aufgrund ihrer Klänge zu genießen, sollte besser in eine CD von Isaak Albéniz investieren.

 

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