I Want Your Love

Wenn Porno den Schwanz einzieht.

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Es herrscht Aufbruchsstimmung: Jesse ist auf dem Sprung von San Francisco, wo er einige Jahre gelebt hat und als Performancekünstler tätig war, zurück in seine Heimat, den Mittleren Westen. Es bleiben noch ein paar Tage um Abschied zu nehmen von Freunden, Nachbarn und Ex-Freunden, um ein letztes Mal um die Häuser zu ziehen und einen Kerl abzuschleppen. Oder auch um einfach nur in Unterhose zwischen Umzugskartons rumzuliegen, Musik zu hören und den eigenen Gedanken nachzujagen.

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Mit einem der größten Anbieter für schwule Pornografie im Rücken hat Regisseur, Drehbuchautor und Cutter Travis Mathews seinen ersten Spielfilm verwirklicht, der nahtlos an seine dokumentarischen Arbeiten der In-Their-Room-Reihe und seinen ebenfalls I Want Your Love (2010) betitelten Kurzfilm anschließt. Mathews wagt in seinem Werk einen intimen Blick in die Schlafzimmer einer Generation von Schwulen und auf deren urbanes Lebensgefühl. Mit klassischem Porno hat das trotz finanzieller Beteiligung der Pornofirma NakedSword und einem starken Fokus auf Sexualität und deren expliziter Darstellung dann aber letztlich nur noch wenig gemein: Das fängt bei den Darstellern an, die mit ihren zur Schau gestellten Körpern die Sehgewohnheiten mancher Zuschauer herausfordern dürften. Abseits von den dominierenden Optimierungszwängen, denen Körperbilder ja nicht nur im Porno unterliegen, beobachtet und zeigt Mathews eine Reihe von Männern, die vor allem durch ihre Durchschnittlichkeit auffallen. Haare auf den Schultern, weiche Bäuche und Augenringe werden von der Kamera ebenso erfasst wie Penisse, deren Anblick nur schwerlich Assoziationen an nackte Schwerter wecken dürfte.

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Das Referenzsystem, in dem sich Mathews bewegt, ist also nicht das des professionellen Pornofilms der Studios, sondern orientiert sich ästhetisch eher am Porn 2.0 des Internets. Im Zeitalter von Mikroblogging und user-generated content werden die gängigen Konventionen des Pornofilms mit seiner auf den Orgasmus hinarbeitenden Dramaturgie längst unterlaufen: Das pornografische Material wird gesampelt, kommentiert und mit eigener Musik unterlegt, manchmal auch selbst erstellt aus selbstgedrehtem oder zweckentfremdeten Bildmaterial. Was Porno ist und was nicht, lässt sich also nicht mehr unbedingt vom Material ableiten, sondern ergibt sich auch aus der Art des Konsumierens; da mag ein Film wie Steve McQueens Shame (2011) Kunstkino sein, Michael Fassbenders baumelnder Penis in einer Endlosschleife als GIF auf einem Tumblr-Blog kann aber auch zur bloßen sexuellen Erregung dienen und legt das pornografische Potenzial von verfilmter Sexualität offen.

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In Magazinen wie BUTT oder auch den Arbeiten des Fotografenpaares Quinnford und Scout wird schon seit Jahren eine Ästhetik propagiert, die in Opposition zu der hochgezüchteten, glatten Hypermaskulinität steht, die weite Teile des schwulen Mainstreams prägt. Dieser Mischung aus offen dargestellter Sexualität an der Grenze zur Pornografie, banalen Alltagsbeobachtungen und Indie-Gestus nahm sich auch Andrew Haigh mit Weekend (2011) schon an. Mathews erzählt noch loser und beiläufiger als Haigh, die Konflikte bleiben vage, der Ton ambivalent. Statt sich im Laufe der Handlung zu verdichten, trägt der Film Fragmente zusammen und spürt unterschiedlichen Stimmungen nach.

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Der Sex, der hier so freizügig und mitunter auch erregend inszeniert wird, prägt die Handlung und die Charaktere, der sexuelle Akt an sich gerät im Gegenteil zum klassischen Pornofilm aber niemals zum Selbstzweck mit seinen Akteuren als bloßen Dienstleistern. Stattdessen bricht Mathews seine vom Sex getriebene Handlung immer wieder auf und unterläuft bewusst deren pornografisches Potenzial, indem er die Charaktere und ihre im besten Sinne banalen Probleme in den Mittelpunkt rückt und ernst nimmt: Da wird vor dem Fick ein Rückzieher gemacht, der Blow-Job auf dem Klo unterbrochen oder das mit dem Abspritzen will nicht so recht klappen. Mit diesen Momenten schafft Mathews wirkliche Intimität, die über Nacktheit und Großaufnahmen von Genitalien hinausgeht und ein empathisches Einfühlen in die Figuren ermöglicht. Es entstehen Freiräume, in denen ganz offen ebenso von Selbstzweifeln und Sehnsüchten wie von Filzlausbefall erzählt werden kann, ohne dass das bemüht oder peinlich wirken würde.

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Man kann darüber streiten, ob Mathews die Freiräume, die er sich schafft, immer zufriedenstellend nutzt oder ob sein Reigen aus prokrastinierenden Hipstern und larmoyanten Künstlern bei der Selbstfindung stellenweise nicht zu klischeehaft geraten ist und gefällig einen alternativen Schick bedient. Dennoch ist Mathews’ lakonischer Film sicherlich einer der bis dato interessantesten Vertreter der neuen Welle des queeren Kinos, der einen eigenständigen und selbstbestimmten Blickwinkel präsentiert. Man mag das politisch finden, vielleicht reicht es aber auch nur zur Affirmation eines Nischenpublikums. Was bleibt, ist ein guter Film. Und Aufbruchsstimmung.

Trailer zu „I Want Your Love“


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