I Want to See the Manager

Eine Ästhetik des Widerstands. Hannes Lang begibt sich auf eine assoziative Reise und fragt nach der Zukunft einer Welt, die eigentlich längst verloren scheint.  

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Den Widerspruch, für den sich der italienische Regisseur Hannes Lang in seinem zweiten Kinofilm interessiert, setzt er gleich in der ersten Einstellung bildgewaltig in Szene: Langsam tastet sich darin die Kamera an den brüchigen Resten einer Mauer entlang und gibt den Blick auf einen zugemüllten Hinterhof in Mumbai frei. Lang platziert dort dekorativ einen Mann im Anzug, der etwas zu erzählen hat, das so gar nicht zu dieser Szenerie passen will. Da ist die Rede von Schwellenländern wie Indien und China, die mit ihrem rapiden wirtschaftlichen Wachstum die Industrienationen schon in ein paar Jahren überholen werden. Mittlerweile hat sich die Kamera vom Boden gelöst, schwebt über dem Redner und zeigt eine Skyline aus modernen, gläsernen Monumentalbauten, die sich als Symbole finanzieller Macht im Hintergrund aufbäumen. 

Ästhetische Ambitionen

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In dieser ersten Szene, aber auch im weiteren Verlauf seiner assoziativen filmischen Weltreise legt Lang sein Augenmerk auf die leeren Versprechungen des Kapitalismus, die Hoffnungen, die die sozial Benachteiligten in ihn setzen, und die Verzweiflung, mit der die Elite sich an ihren alten Privilegien festkrallt. Angesichts des virtuos inszenierten Auftakts muss vielleicht erwähnt werden, dass es sich bei I Want to See the Manager (der Titel gibt ein Zitat von William S. Burroughs wieder, das die Verwunderung von Aliens ausdrücken soll, die zum ersten Mal die Erde betreten) um einen Dokumentarfilm handelt. Nun finden sich in diesem Genre zwar immer wieder Regisseure mit ästhetischen Ambitionen, wenn es jedoch um die Missstände in der Welt geht, verlassen sich viele Filmemacher auf die Form einer klassischen Reportage und den Duktus eines Pamphlets. Hannes Lang ist von beidem weit entfernt – und damit auch von einem Regisseur wie Erwin Wagenhofer (Alphabet, 2013), der für sein polemisches Empörungskino häufig von der Kritik abgewatscht wird. Zum einen beherrscht Lang es wunderbar, mit Bildern zu erzählen, die zwar dokumentarisch sind, zugleich aber die Möglichkeiten des Kinos nutzen. Zum anderen schimmert hinter jedem dieser Bilder eine Ambivalenz durch, die keinen der Beteiligten verrät. Wenn der Film Station in einem thailändischen Seniorenheim macht, in dem Einheimische deutsche Rentner beim Sterben betreuen, zeichnet sich das besonders stark ab. Als Zuschauer denkt man hier leicht an Ausbeutung und Neokolonialismus, doch dann lässt Lang plötzlich eine Pflegerin zu Wort kommen, die unter Tränen vom innigen Verhältnis zu ihrem Patienten erzählt.

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Sprache spielt in I Want to See the Manager zwar eine untergeordnete Rolle, wenn sie aber zum Einsatz kommt, dann nicht in Form eines Voice-overs oder Zwischentitels, sondern als (vermutlich) selbst verfasster Monolog eines Bauern, Autoverkäufers oder Arbeitslosen. Dabei werden die Darsteller in der Mitte einer Totalen platziert, ohne dass sie dabei verloren wirken würden. Statt sich auf die emotionale Ausdruckskraft ihres Gesichts zu konzentrieren und damit auf eine persönliche Ebene, die in Dokumentationen gerne als Totschlagargument verwendet wird, zeigt der Film, dass die Figuren sich nicht aus ihrem sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext lösen lassen. Dementsprechend sind die präzise kadrierten und immer auch sehr hübschen Landschaftsbilder (Kamera: Thilo Schmidt, der mit Lang auch schon bei Peak – Über allen Gipfeln (2011) zusammenarbeitete) mindestens genauso wichtig wie die Menschen, um die es hier geht.

Das Auslaufmodell der westlichen Industrienation

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An den Orten hat Lang nicht nur ein dokumentarisches Interesse. Er stilisiert sie vielmehr zu einnehmenden Stimmungsbildern, die man eher aus dem Kino als aus dem realen Leben zu kennen glaubt. So wird etwa das verlassene Detroit zur dystopischen Kulisse des zutiefst menschlichen Wunsches nach ewigem Leben. In den futuristisch anmutenden Räumen des Cryonics Institute werden frisch Verstorbene eingefroren, um in der Zukunft wieder aufgetaut zu werden; in einer Zeit, in der ihre Krankheiten zwar geheilt werden können, sie aber zunächst ohne Freunde und Sicherheiten sind. Dass diese schon erstaunlich lange existierende Methode der Kryonik wie pure Science-Fiction klingt, weiß der Film für sich zu nutzen. Überhaupt beweist Lang immer wieder ein ausgeprägtes Gespür für die Wirkung seiner Schauplätze. In Pompei, wo vor zweitausend Jahren eine zivilisierte Gesellschaft unter kochender Lava begraben wurde, folgt er beispielsweise einem älteren Herrn im Gladiatorenkostüm, der sich inmitten der Touristenströme ein paar Euro verdienen will. Besser kann man das Auslaufmodell einer westlichen Industrienation kaum auf den Punkt bringen.

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Dem Fortschrittsglauben der ehemaligen Schwellenländer steht I Want to See the Manager jedoch ebenso skeptisch gegenüber. Die bolivianischen Bauern, für die sich durch die Lithium-Gewinnung in ihrem Land neue Möglichkeiten auftun, glauben selbst nicht daran, dass plötzlich alles besser werden soll. Trotzdem ist es am Ende ausgerechnet eines der Länder, denen ein wirtschaftlicher Aufschwung vorausgesagt wird, in dem Lang eine mögliche Zukunft findet – wenn auch anders als erwartet. In der venezolanischen Hauptstadt Caracas steht ein beeindruckendes Hochhaus, das im Auftrag einer Bank entstand, die dann jedoch pleite gegangen ist. Heute leben in diesem Monument der Krise die Armen des Landes ihre eigene Utopie. In einer selbstverwalteten Mikrogesellschaft bekommen hier diejenigen eine Chance, die ansonsten vor die Hunde gehen würden. Auch die Bilder aus diesem Haus wirken mitunter, als entstammten sie einem Science-Fiction-Film. Zugleich lassen sie aber auch den letzten Glauben an eine Welt aufkommen, für die der Film zuvor nur wenig Hoffnung hatte.

Trailer zu „I Want to See the Manager“


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