I Used to Be Darker

We’re all so fucked.

Dieses Mal kommt der Gefühlsausbruch direkt. In Matt Porterfields letztem Film Putty Hill (2010) war alles ein langsames Annähern, über stille Impressionen, über sich dokumentarisch gebende Interviews, und erst am Ende wurde geschrien und geweint, selbst dies noch mit fester Kamera aus sicherer Distanz festgehalten, die Figuren ihrem Schicksal überlassend. Bei I Used to Be Darker sind wir von Anfang an mittendrin, und es dauert nicht lange, bis die 19-jährige Taryn (Deragh Campbell) ausrastet. Auf einer Hausparty in einer Villa am Strand schnappt sie sich ein Messer und sticht unvermittelt auf die Gemälde ein, die das Wohnzimmer dekorieren – die Kamera ist ihr dabei ganz nah.

I Used to Be Darker 02

Auch Porterfields dritter Film spielt in seiner Heimatstadt Baltimore – doch in I Used to Be Darker scheint es weniger um das Porträt eines Ortes zu gehen als um die Geschichte einer Flucht. Den entscheidenden Grund für Taryns Verzweiflung enthält uns Porterfield noch vor, doch es scheint klar, dass sie es am Strand von Maryland nicht mehr ausgehalten hat. Erst zwei Monate vorher ist sie von Nordirland in die Staaten geflüchtet, während ihre Eltern glauben, sie sei in Wales. In Baltimore weiß sie die Familie ihrer Mutter, bei der sie sich spontan einlädt und wo sie hofft zur Ruhe kommen zu können. Was sie nicht weiß: Ihre Tante Kim (Kim Taylor) hat sich gerade von ihrem Mann Bill (Ned Oldham) getrennt, Cousine Abby (Hannah Gross) kommt damit nicht zurecht – und auch wenn sich alle drei auf ihre Weise bemühen und Taryn willkommen heißen, scheint der Zeitpunkt für einen Besuch alles andere als günstig. Kim zieht mit ihrer Rockband in ein neues Haus, Abby will von ihrer Mutter nichts mehr wissen, Bill singt traurige Balladen, um nach dem letzten Akkord die Gitarre zu zerschlagen – und Taryn dringt mit ihrem noch größerem Problem zu niemandem durch.

Die fast schon absurde Ausgangslage würde sich zu einer schwarzen Komödie ebenso eignen wie zu einer dramatischen Tragödie, doch Porterfield gelingt es auf beeindruckende Weise, derlei Versuchungen zu widerstehen. Die auf den ersten Blick konstruiert wirkende Rahmenhandlung bedeutet nämlich mitnichten die Entwicklung eines einst mutig experimentierenden Jung-Regisseurs zu einem konventionellen Geschichtenerzähler. Zwar wird deutlich mehr geredet – im Gegensatz zum vierseitigen Treatment zu Putty Hill lag diesem Film ein von Porterfield und Amy Belk geschriebenes Drehbuch zugrunde –, aber die Dialoge sind in jedem Moment glaubhaft. Zwar wird deutlich mehr inszeniert, aber keine Szene wirkt deshalb gekünstelt. Zwar wird deutlich mehr geschrien, aber nichts ist hier melodramatisch.

I Used to Be Darker 01

Porterfield wagt sich in I Used to Be Darker vom Collagenhaften ins Erzählkino, aber behält dabei die präzise Beobachtung und melancholische Stimmung seiner Vorgängerfilme bei. Und trotz der weitaus weniger dokumentarischen Bildsprache (nur in den Songs, die Kim und Bill singen, gibt sich der Regisseur den langen Einstellungen aus seinen anderen Filmen hin) wirkt die Tragik und Komik gleichermaßen ausweichende Tonalität zu keiner Zeit der Handlung aufgezwungen, sondern scheint wie von selbst aus der Situation zu entwachsen, aus den Beziehungen zwischen den Figuren, ihren Zu- und Abneigungen, den Streits und den Momenten des Mitgefühls und der Solidarität – was nicht zuletzt mit den vier eindrucksvollen Leinwanddebüts der Hauptdarsteller zu tun hat.

„I used to be darker, then I got lighter“, heißt es in einem Lied von Bill Callahan, dem der Film seinen Titel verdankt, und vielleicht steckt im nicht zitierten zweiten Teil dieser Zeile das Geheimnis der trotz aller Dramatik leisen und stimmigen Atmosphäre. Porterfield nähert sich seiner Geschichte nicht mit der auftrumpfenden Attitüde eines Gequälten, der über die Schrecken und Leiden des menschlichen Daseins sinniert und sich im eigenen oder anderer Leute Elend suhlt. Wenn Taryn und Kim gemeinsam auf dem Bett sitzen, die von ihrer Mutter geflüchtete Nichte, die von ihrer Tochter ignorierte Tante, dann sitzt der geflüchtete Teenager neben der gescheiterten Ehe, und in beiden Krisen ist keine Perspektive zu erkennen. Doch auch wenn Kim ihrer Nichte versichert, dass das Leben nicht leichter wird, sagt ihr Blick, sagt ihre Umarmung, dass es irgendwann vorbei ist. Ohne dass Porterfield diesen Ansatz über narrative Techniken explizit machen müsste, scheint seine Perspektive die einer schmerzhaften Erinnerung an schwere Zeiten zu sein. Während er uns ein Happy End verweigert, lassen uns seine Figuren spüren, dass sie es irgendwann auch wieder besser haben können. Then I Got lighter.

Trailer zu „I Used to Be Darker“


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