I Shot My Love

In einem sehr subjektiven Video-Essay beschreibt der israelische Filmemacher Tomer Heymann seine Liebe zu einem Deutschen.

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Mehr Tagebuch als Film. Vielleicht eine der wörtlichsten Umsetzungen der alten Nouvelle-Vague-Forderung nach dem „camera-stylo“, der Kamera als Schreibgerät. Der israelische Dokumentarfilmer Tomer Heymann filmt seinen Freund, den deutschen Tänzer Andreas Merk. Bei Gesprächen im Schlafzimmer, beim Kaffemachen in der Küche, lachend am Strand, bei Familienfeiern.

Heymann hat eine Art Langzeitbeobachtung seiner eigenen Beziehung gedreht. Die frühesten Bilder spielen noch in Berlin, wohin der Filmemacher zu den Filmfestspielen gereist ist und in einem Club Andreas kennenlernt. Von Anfang an war die Kamera dabei; in einem ersten so festgehaltenen Gespräch ist noch vieles offen, es könnte eine Affäre bleiben, es könnte mehr werden. Einige Zeit später reist Andreas nach Tel Aviv, zu Tomer. Wieder wird aufgezeichnet. In Israel kommt die zweite Hauptfigur des Dokumentarfilms dazu: Tomers Mutter, bei der das schwule Paar wohnt und die sich im Laufe der Jahre offenbar sowohl an die ständige Privatfilmerei als auch an die Homosexualität ihres Sohnes gewöhnt hat. In den Szenen mit ihr strahlt I Shot My Love eine starke Gelassenheit aus. Die Intimität der filmischen Form – ein verwackelter, sprichwörtlich aus der Hüfte geschossener Blick auf die unmittelbare Umgebung – ist hier deckungsgleich mit der persönlichen Nähe zwischen Mutter und Sohn. Das geht bis in privateste Details. Tomer filmt einen Krankenhausaufenthalt seiner Mutter und hält in Großaufnahme auf die frisch vernähte Narbe am Bein. Ein starker Kontrast zu dieser Nähe ist das beklemmend zerrüttete Verhältnis zwischen Andreas und seinen Eltern, festgehalten in einer Szene zu Weihnachten.

Kunstloses Reality-TV ist der Film aber nicht, sondern der Versuch, aus den unendlich vielen Details des eigenen Lebens etwas zu destillieren, das auch für Außenstehende interessant ist – und zwar ohne die Inszenierung von spannungsgeladenen Konflikten, sondern direkt aus dem Steinbruch der Alltäglichkeit heraus. Die Lektüre von Tagebüchern fremder Leute kann ja gewinnbringend sein. I Shot My Love gelingt das aber nur bedingt. Es ist dann doch nur eine recht normale Liebesgeschichte, auch wenn sie von einem Deutschen und einem Israeli handelt.

I Shot My Love 02

Interessant ist vor allem, dass ein solcher Film überhaupt möglich ist. Dank kleiner moderner Digitalkameras ist der Alltag viel leichter dokumentierbar geworden als noch in den 1960er und 70er Jahren, als die Brüder Maysles ihre wegweisenden, ebenfalls recht intimen Dokumentarfilme drehten. Mithilfe der neuen Technik kann das so auf die Spitze getrieben werden, dass es auf einer Meta-Ebene schon wieder selbst zum Thema wird. Dass er ständig gefilmt werde, sagt Andreas einmal, komme ihm immer noch merkwürdig vor. So klein die Kamera auch sein mag, ganz verschwinden kann sie nicht.

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