I Origins - Im Auge des Ursprungs

Auch in seinem zweiten Film verschränkt Mike Cahill Privates und Kosmisches. Doch dieses Mal erzwingt er eine Entscheidung.

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Ian (Michael Pitt) sitzt vor dem Computer, seine schwangere Frau Karen (Brit Marling) ist im Nebenzimmer. Sie singt. Ian klickt. Er stößt auf alte Fotos. Sie zeigen Sofi (Astrid Bergès-Frisbey), die große, tragische Liebe seines Lebens. Intime Fotos. Blick auf Ians Augen, vielleicht die einzige Einstellung im ganzen Film, in der ein Augenpaar mal ganz wie gewohnt Emotionen beschwören soll. Ian weint. Die Stimme Karens scheint der Diegese zu entsteigen und wird zur musikalischen Untermalung eines berührenden Moments, der für sie, bekäme sie ihn mit, nicht minder schmerzhaft wäre. Ian fasst sich an. Auch sein Körper vermisst Sofi. Sogar wir vermissen Sofi, weil sie das einzige Element in einem höchst manipulativen Film ist, dem wir gerne auf den Leim gegangen sind. Für Mike Cahills I Origins ist Sofi nichts weniger als ein Engel. Ihr Wiedersehen mit Ian – nachdem dieser sie auf dem Dach einer Party als geheimnisvolle Maskierte und damit nur ihre Augen kennengelernt hat – ist die zweite schöne Szene dieses Films, wenn auch nur durch eine ziemlich bescheuerte Schicksals-Montage zustande gekommen. Als Ian Sofis Augen in der U-Bahn wiedererkennt, da setzt er sich schweigend neben sie. Sie bietet ihm ein Mentos an, er steckt es sich in den Mund. Sie will aussteigen, er steht mit auf und setzt ihr von hinten seine Kopfhörer auf die Ohren. Sie lächelt nach vorn und steigt aus der Bahn, zwingt Ian, ihr hinterherzugehen, seinen MP3-Player in der Hand, wie ein Hund an der Leine. So wird es bleiben in diesem Film. Immer hinter Sofi her. Hinter Sofis Augen.

Das Auge aus dem Nichts

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Karen ist zu dieser Zeit noch Ians Assistentin. Die beiden Biologen erforschen die Evolution des menschlichen Auges. Hinter dem Titel I Origins verbirgt sich ein nicht gerade subtiles, aber den Film doch treffend beschreibendes Wortspiel. Denn bald verschiebt sich die Frage von der Entwicklung zum Ursprung. Ian will die Entstehung des komplexen Sehorgans nachvollziehen, von Etappe eins bis zwölf. Karen will noch früher anfangen und hat schon bald Ians Forschungsdesign auf den Kopf gestellt. Was ist mit Etappe null? Wie ist das erste Auge entstanden, wie mutiert etwas zu einem gänzlich neuen Sinn? Neues Ziel: einen augenlosen Wurm zu finden, der bereits ein Seh-Gen besitzt, oder anders ausgedrückt: „to create an eye from scratch“, ganz biologisch, als vermeintlich endgültigen Beweis gegen Intelligent-Design-Theorien. Doch der Forschungsgegenstand wird bald zur Metonymie, das Auge wird zur Seele, und Ian bekommt die Möglichkeit, Sofis Augen wiederzusehen, als diese längst weg ist.

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Biologen dürften in diesem Film durchgängig die Haare zu Berge stehen, als filmischer Anker funktionieren die eye origins aber erst mal. Augen von Engeln, Augen von Würmern. Gott gegen Darwin. Ians Glaube an die eigenen Augen wird von Sofis Augen herausgefordert, auf ungeahnte und zum Ende hin immer plattere Weise. Als Sofi noch glücklich an seiner Seite ist, wir noch glücklich an der Seite Cahills, da ist diese Herausforderung eine spielerische. Sie besucht Ian in seinem Labor und ist fast ein bisschen beleidigt: „You’re leaving me every day to torture worms?“ Doch dann nimmt sie den Kampf auf. Ein Wurm ohne Augen, ohne Sehsinn, hat gar keine Vorstellung von Licht, rekapituliert sie. Der erste Wurm mit Augen war eine Mutation. Ian nickt. Was also, wenn Ian ebenso ein Sinn fehlt, der Sinn für die Vorstellung eines Nicht-Wissenschaftlichen? „Du bist eine Mutantin ...“, stottert Ian. Leider nimmt Regisseur Mike Cahill Sofis Idee ernster als seine Hauptfigur.

Intime Science-Fiction

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Große Fragen: Kann es eine wissenschaftliche Widerlegung der Wissenschaft als solcher geben? Kann diese Wissenschaft mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden, Einsicht in die eigene Beschränktheit gewinnen? Kann sie in einem Science-Fiction-Film natürlich allzu leicht. Das macht I Origins so frustrierend. Auch in Cahills starkem Erstling Another Earth haben sich persönliche und philosophische Fragen ineinander verschränkt. Hier war es die ebenfalls von Marling gespielte Rhoda, die mit einer persönlichen Schuld umgehen musste, während sich am Himmel eine zweite Erde der ersten näherte, die die unsere zu spiegeln schien. Doch in Another Earth sorgte das Nebeneinander dieser beiden Ebenen noch für eine eigentümliche Atmosphäre, in der die „intime Science-Fiction“ mehr war als eine Beschreibung der Plotelemente und der Low-Budget-Produktionsgeschichte, weil hier Intimes und Kosmisches in einem stetig wechselnden Bezug zueinander standen, sich kommentierten, anzogen und wieder abstießen.

Dogmatische Fragen statt fragende Tatsachen

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Dieses Interesse für Distanz geht I Origins völlig ab. Das Verhältnis zwischen zwei konkurrierenden Logiken intensiviert nicht die Atmosphäre, sondern wird abschließend geklärt. Die Science-Fiction schärft nicht das persönliche Drama, das Drama soll die Science-Fiction beweisen. Gerade weil Cahill in seinem Erstling die zweite Erde als unleugbares Faktum darstellte, konnten Fragen nach der Beziehung zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten entstehen. Doch in I Origins verlässt Cahill diesen über filmische Tatsachen geschaffenen Modus des Als-ob und verhandelt die großen Fragen explizit und von Anfang an, ohne jede Tatsache. Weil es Fragen sind, die er nicht auszuhalten, sondern zu beantworten gedenkt, wird dabei jede Plot-Entwicklung zu einem Statement. Cahill bedient sich nicht der Science-Fiction als Spiegel, sondern als Beweismittel, das er mit zum Ende hin geradezu wahnwitziger Ambition in den Kampf zwischen Darwin und Gott wirft. Er vermisst nicht mehr die Distanz zwischen beiden Welten, sondern erklärt die Qualität ihrer Beziehung. In diesem Modell spielen dann auch die für den Film doch eigentlich so zentralen Augenpaare überhaupt keine Rolle mehr. Sie sind schließlich doch nur metaphysischer MacGuffin eines absurd spannungsarmen Films.

Trailer zu „I Origins - Im Auge des Ursprungs“


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Kommentare


sk

Auch wenn ich Teile der Argumentation nachvollziehen kann, empfinde ich Unbehagen bei dem Fazit "absurd spannungsarm". Der Film bietet definitiv Möglichkeiten, sich auf ihn einzulassen, Esoterik hin-oder her. Wenn man ihn nicht thetisch, sondern sinnlich begreift, entwickelt er einen sensationellen Sog. Für mich sehr spannend und eine der spannendsten Kinoerfahrungen des Jahres.


Till

Ja, dein Unbehagen kann ich wiederum nachvollziehen, das kommt an der Stelle vielleicht etwas unvorbereitet und bearbeitet die falsche Ebene, sollte v.a. kein Fazit sein. Spannung vielleicht auch weniger als Rezeptionsreport denn als "philosophische" Spannung zwischen den Elementen der filmischen Welt. Den Sog verliert der Film für meine Begriffe gerade dadurch, dass er das Sinnliche immer stärker unterordnet.






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