I Love You Phillip Morris
Ein Mann unter Einfluss. Jim Carrey außer Rand und Band, von Lebens- und Liebeslust elektrifiziert.
Es gibt viele Redensarten, die vermeintliche Wahrheiten enthalten, zum Beispiel: Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag. Wenn man nach dem Filmplakat von I Love You Phillip Morris ginge, müsste es sich um eine typisch „verrückte“, eher langweilige, bürgerlich-konforme, sehr sitcomeske und nicht besonders komische Comedy handeln, mit dem The Grinch-Die Maske-Man on the Moon-Knetgesicht-Überschauspieler Jim Carrey und dem Trainspotting-Lebe lieber Ungewöhnlich-Velvet Goldmine-Frauenliebling Ewan McGregor hochkarätig, gut kalkuliert und publikumsmagnetisch besetzt.
Aber: Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag.
Dies ist vielleicht eine der gewagtesten, witzigsten und intelligentesten Comedys, die man dieses Jahr aus Hollywood zu sehen bekommt. Die eher irreführende Plastik-Stardom-PR-Kampagne wird also hoffentlich viele Nichtsahnende in die Kinos locken, um sie aus den Socken zu hauen. Selten hat man Jim Carrey einen tragischen, gereiften Helden mit derartiger Besessenheit, Glaubwürdigkeit und Perfektion spielen sehen. Mit jeder Geste, jedem Gesichtsausdruck fängt er die Komplexität und die widersprüchlichen Facetten einer unterdrückten, leidenschaftlichen Seele ein, die zu klug, lebendig und gerissen ist, um nach den monotonen Regeln der Gesellschaft zu spielen, aber wiederum zu abhängig und philantropisch, um ihr ganz den Rücken zu kehren.
Steven Russell (Jim Carrey) lebt den gewöhnlichen amerikanischen Vorzeigealbtraum im Eigenheim mit jesusfanatischer Ehefrau, Kind, Arbeit als Polizist von Montag bis Freitag und Freizeit im Kirchenchor am Sonntag. Bis es plötzlich knallt, als er auf dem Weg zu einer seiner Affären von einem rasenden Auto aus dem Schauspiel seines mustergültigen Lebens gerissen wird. Denn all die Jahre waren größtenteils scheinheilig, seine eigentliche Befriedigung hatte er im Geheimen mit diversen männlichen Affären erfahren. Nach dem fast tödlichen Crash wird ihm die Heiligkeit des Lebens bewusst, die unbedingte Notwendigkeit, sich zu bekennen, es zu feiern und auf die Pauke zu hauen. Er verlässt sein beflissen angepasstes Dasein, zieht mit einem schönen Liebhaber ans Meer und lebt ein Lotterleben in Saus und Braus, bis ihm das Geld ausgeht.
Zunächst sichert ihm gelegentlicher Versicherungsbetrug das Einkommen, wobei seine Manipulationen immer extravaganter werden und er den Bürokratismus des kapitalistischen Systems immer besser für sich auszunutzen lernt. Er hält sich zwar an den Ehrenkodex, niemandem im Einzelnen Schaden zuzufügen, landet aber wegen Hochstapelei schließlich dennoch im Knast. Dort erfährt er die unbedingte Liebe zu Phillip Morris (Ewan McGregor), den er in der Gefängnisbibliothek kennenlernt. Sie beschließen zusammenzubleiben, doch fällt Steven nach der Haft schnell in alte Muster zurück, verleugnet für einen hochrangigen Job und materiellen Luxus erneut opportunistisch sein eigentliches Begehren, betrügt seine chauvinistischen, reaktionären Vorgesetzten und landet wieder im Knast. Phillip verlässt den manisch janusköpfigen „Mann ohne Eigenschaften“, was Steven zum moralisch unerhörtesten Betrug bringt, um ihn zurückzugewinnen.
Ästhetisch gesehen ist I love You Phillip Morris ein im negativen wie positiven Sinne professioneller Film. Kamera, Montage, Licht, Kostüm, Location: Alle Äußerlichkeiten des Films gleichen der konventionellen Vorstellung davon, wie man „richtige“ Filme macht. Außergewöhnlich macht ihn das Spiel von Jim Carrey und der Mut des großartigen Drehbuchs, das größtenteils die reale Geschichte von Steven Jay Russell erzählt und vom Autorenfilmerduo Glenn Ficarra und John Requa geschrieben wurde. I Love You Phillip Morris handelt vom gesellschaftlichen Zwang, (finanziell) frei nur durch die Unfreiheit der scheinheiligen Erfolgsmaskerade sein zu können. Er handelt vom Sinn des Irrsinns und Übersinns der Liebe inmitten der Sinnlosigkeit nomineller Realität. Er handelt von der Heuchelei der Herrschenden und dem Glauben der „Untertanen“ an den Schwindel ihres Interesses am Gemeinwohl und der freien Entfaltung, das doch nur verschleierte Profit- und Machtgier ist.Er handelt von der essenziellen Notwendigkeit des Witzes, Risikos und Spiels. Davon, um jeden Preis einen Narren aus sich zu machen, Gefährten zu finden und das Leben so zu leben, wie es die eigene Leidenschaft verlangt.
Filmkritik von Jana Papenbroock
Veröffentlicht am 21.04.2010
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: I Love You Phillip Morris
USA 2009
Laufzeit: 97 Minuten
Regie: Glenn Ficarra, John Requa
Drehbuch: Glenn Ficarra, John Requa
Produktion: Luc Besson, Jeffrey Harlacker, Andrew Lazar, Richard Middleton, Far Shariat, Miri Yoon
Bildgestaltung: Xavier Pérez Grobet
Montage: Thomas J. Nordberg
Musik: Nick Urata
Darsteller: Jim Carrey, Ewan McGregor, Leslie Mann, Rodrigo Santoro, Marc Macaulay, Antoni Corone
Kinostart: 29.04.2010
DVD-Angaben
Titel: I Love You Phillip Morris
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 16:9, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 93 Minuten
Extras: Making Of; Interviews; Pressekonferenz; Trailer
Verleih ab: 06.10.2010
Verkauf ab: 05.11.2010
Copyright I Love You Phillip Morris
Fotos : © Alamode
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