I, Frankenstein

Zwischen Himmel und Hölle: In einer kruden Weitererzählung von Mary Shelleys Frankenstein kämpft das berühmte Monster actionreich um seine Daseinsberechtigung.

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Hollywood hat wenig Skrupel, wenn es darum geht, alte Literatur- und Filmklassiker neu zu interpretieren und auf Reisen durch verschiedene Genres zu schicken. Der Gedanke dahinter lässt sich durchaus nachvollziehen und birgt sowohl Vor- als auch Nachteile: Das Publikum wird mit etwas Bekanntem konfrontiert und muss nicht bei null abgeholt werden. Das bedeutet einerseits, dass eine Grundneugier vorausgesetzt werden kann, andererseits aber auch, dass mehr und vielseitigere Erwartungen in eine Geschichte gesetzt werden und jeder Zuschauer seine Version des Bekannten auf die Neuauslegung des Stoffes projiziert. Dass die zahlreichen Remakes und Reboots überhaupt möglich und oft auch gelungen sind, liegt an der Universalität und Vielfältigkeit der Themen ihrer Vorlagen, und so hat auch Mary Shelleys Roman Frankenstein seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1818 bis heute nicht an Bedeutung verloren.

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I, Frankenstein beginnt inhaltlich einigermaßen nah an der Romanvorlage: Als Dr. Frankenstein einen Blick auf die von ihm geschaffene Kreatur wirft, überwältigen ihn Abscheu und Grauen. Er versucht seine Schöpfung zu vernichten, unterschätzt jedoch ihre übermenschlichen Kräfte. Verletzt, ahnungslos und nach Rache dürstend, tötet das Monster Frankensteins Frau. Der Wissenschaftler will seine Kreation nun endgültig unschädlich machen und erliegt bei der anstrengenden Verfolgung schließlich weltlichen Gefahren. Die kurze Einleitung kommentiert die Kreatur sehr passend mit „I thought it was over, but it was just the beginning“. Was nun folgt, ist eine über 200 Jahre währende Heldenreise mit vielen körperlichen und kaum geistigen Herausforderungen für das Monster auf Identitätssuche.

Sex-Appeal statt Entstellung

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Die Bilder, die die meisten Menschen bis heute mit der Frankenstein-Erzählung assoziieren, stammen aus dem Schwarzweiß-Film von James Whale (1931), der Boris Karloff als Schauspieler den Durchbruch bescherte. Seine Rolle des plumpen Monsters mit hoher Stirn und Stromanschlüssen im Hals diente als Vorbild für diverse spätere Versionen der Figur in verschiedenen Medien, obwohl sie mit der von Shelley beschriebenen Kreatur nicht viel gemein hatte. I, Frankenstein entfernt sich mit seiner Darstellung des Monsters noch weiter vom Roman als Whales Film, wodurch leider eine essenzielle inhaltliche Komponente der Geschichte verloren geht, nämlich die körperliche Unansehnlichkeit als zentraler Grund für fehlende gesellschaftliche Akzeptanz. Die paar Narben, die auf Aaron Eckharts gestählten Körper aufgetragen wurden, nehmen ihm keineswegs die Attraktivität, sondern zeichnen das typische Bild eines gequält-aggressiven Actionhelden, der schließlich von einer unschuldigen Frau gezähmt und erlöst wird.

Die Kreatur erhält einen Namen

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Die Visualisierung des Protagonisten ist einer der Gründe dafür, dass die figurenpsychologischen Aspekte größtenteils nur behauptet wirken – ein anderer ist die Tatsache, dass bei einem Kampf zwischen Himmel und Hölle, der vor allem auf visuell beeindruckende Action ausgelegt ist, nicht viel Platz für Zwischentöne bleibt. Als die Gargoyles, die hier als Diener des Himmels fungieren, das Interesse der Dämonenwelt an der Kreatur bemerken, nehmen sie diese gefangen, um mehr über sie herauszufinden. Die Anführerin sieht gleich das Gute in ihr und gibt ihr einen Namen: Adam. Als erster und einziger „Mensch“ seiner Art will das Wesen sich allerdings keine Identität aufdrücken lassen und sich auch für keine der Seiten entscheiden, weil es sich nirgendwo zugehörig fühlt. Der Wunsch nach Selbstbestimmung ist stärker als der Impuls, ein Bedürfnis nach Nähe zuzugeben – eine trotzige und allzu menschliche Reaktion.

Das menschliche Monster

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Adams Überzeugung von seiner Verlorenheit in der Welt beruht allein auf der Tatsache, dass ihm die Interaktion mit Menschen fehlt. Die haben im Film neben dem bald toten Wissenschaftler lediglich zwei aktive und dabei relativ blass bleibende Repräsentanten. Nur diesem wenig nachvollziehbaren Umstand ist es geschuldet, dass ihm nicht klar wird, dass er all seine zentralen Konflikte mit ihnen gemeinsam hat: den unbändigen Hass auf den Schöpfer, die Frustration über die dunkle Seite der eigenen Natur, den Wunsch nach einer Gebrauchsanweisung und Berechtigung für die eigene Existenz – in Adams Fall nicht in Form der Bibel, sondern der von Dr. Frankensteins Aufzeichnungen des Schaffensprozesses.

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Der symbolische „Krieg“, der die Rahmenhandlung bildet, wird schnell zu einer Farce, weil die Kämpfer auf beiden Seiten mit der Erlangung von Menschlichkeit oder einer nicht näher definierten Seele nichts zu tun haben und Adam auf seinem Weg nicht weiterbringen. Nichtsdestotrotz bietet der Kampf eine Bühne für beeindruckende Special Effects und rasant-elegante Kampfsequenzen, die Fans des Fantasy-Action-Genres stellenweise sehr erfreuen werden und vielleicht über die Tatsache hinwegsehen lassen, dass das Potenzial einer genialen literarischen Vorlage weitgehend trivialisiert wurde.

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