I Dreamt Under the Water

Rhythmus ohne Reim und Versmaß – ein Undergroundfilm wie ein Gedicht. Hormoz schickt sein lyrisches Ich auf die Suche nach Glück und schaut erbarmungslos zu, wie es in den Fluten der Großstadt untergeht.

I Dreamt Under the Water

Wenn Michel Houellebecq nicht Romane, Essays und Gedichte schreiben, sondern Filme drehen würde, dann könnte I Dreamt Under the Water (J’ai rêvé sous l’eau) fast von ihm sein. Die Handlungsbeschreibung liest sich wie der Klappentext von einem seiner Bücher: Das Leben von Antonin (Hubert Benhamdine) gerät aus dem Gleis, als sein suchtkranker Freund Alex (Franck Victor) an den Folgen einer Überdosis stirbt. Er liebte Alex, doch seine Gefühle blieben unausgesprochen. Den schmerzlichen Verlust versucht Antonin mit ausschweifenden erotischen Eskapaden und Rauschmitteln zu betäuben. Immer wieder zieht es ihn nachts in den Park, wo sich Männer treffen, um miteinander Sex zu haben. Er bricht sein Studium ab und schafft als Callboy an. Einer der Freier, Baptiste (Hicham Nazzal), versucht, ihm zu helfen. Bei einem Clubbesuch lernt Antonin Juliette (Caroline Ducey) kennen, doch bevor er die Liebe festhalten kann, hat sie sich bereits von ihm abgewandt ...

Das Leiden der Figuren an ihrem sinnentleerten Dasein, dem brennenden Verlangen nach Liebe und menschlicher Wärme stellen – wie im Œuvre des französischen Kultautors Houellebecq – Leitmotive in I Dreamt Under the Water dar. Provokativ in seiner Aufmachung, penetrant in seinem Ton und drastisch in seinen Bildern gibt Hormoz dem Nihilismus eine durchdringende Stimme; Musik und Geräusche lassen die kranke Psyche der Protagonisten widerhallen und verschmelzen mit schreienden Farben zu einem psychedelischen Trip. Elektronische Beats legen sich über das Rattern, Rauschen, Stöhnen, Sirren und Summen; Wortwiederholungen innerhalb der Lyrics steigern die Monotonie bis zur Unerträglichkeit. „I want happiness, I seek happiness“, dröhnt es aus den Boxen. Das Beharren der Forderung lässt ihre potenzielle Erfüllung nahezu abstrakt erscheinen.

I Dreamt Under the Water

Die Kamera übernimmt in einer Bandbreite unterschiedlichster Techniken eine expressive Rolle. Als Handkamera jagt sie mit ihren abrupten Bewegungen dem Protagonisten hinterher, taumelt, kippt, gerät ins Stocken oder irrt mit ihm durch die Dunkelheit. Sie kann aber auch nur Beobachterin und fast statisch sein, auch wenn sie den Protagonisten dabei fast aus dem Bild verliert.

Hormoz hat eine sehr sehenswerte, in sich stimmige, wenngleich auch erschütternde Gesamtkomposition über Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit geschaffen, die aufklafft wie eine tiefe Wunde, unablässig schmerzt und gar nicht mehr aufhören will zu bluten.

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