Ich, Daniel Blake

Es ist grau in Nordengland – der Himmel, die Stellwände, die Sitzmöbel. In der schlechtesten aller Welten ist ein breites Lächeln vielleicht gar nicht so kitschig, wie es klingt.

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Wenn Daniel Blake lacht, dann lacht sein ganzes Gesicht - ein Lachen, das besonders in Kindern ein unmittelbares Vertrauen wachsen lässt. Wenn es darum geht, dass Hunde im eigenen Vorgarten Gassi geführt werden oder der Nachbar seinen Müll nicht ordnungsgemäß entsorgt, dann kann Daniel Blake (Dave Johns) ziemlich kratzbürstig werden – aber auch das ist nur Ausdruck einer ganz natürlichen und unaufdringlichen Autorität. Der junge Mann aus der Wohnung nebenan schaut zwar etwas genervt hinüber, nimmt dann aber sofort den Müllsack in die Hand und schleppt ihn mit büßendem Schritt die Treppen runter. Angesichts der Unverstelltheit und Warmherzigkeit, mit der der knapp sechzigjährige Daniel Menschen begegnet, kann man gar nicht anders, als ihm dieses Minimum an Ordnung in seiner allernächsten Umgebung zu gewähren.

Gesprochene Abstände

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Mit Ich, Daniel Blake durchleuchtet Ken Loach ein weiteres Mal das tägliche Leben des britischen Arbeitermilieus, ein Milieu, das sich alleine schon im Dialekt ausdrückt und für das es zunächst auch kein anderes Bild braucht als dieses Klangbild: Zu Beginn des Films, noch während auf schwarzem Grund die Titel erscheinen, folgen wir einem Gespräch zwischen Daniel und einer Gesundheitsdienstleisterin, die mit ihm einen Fragenkatalog abarbeitet, auf dessen Grundlage sein Anspruch auf staatliche Pflegeleistungen erhoben wird. Vor Kurzem hatte Daniel einen Herzinfarkt, sein Arzt riet ihm eindringlich, nicht weiterzuarbeiten, und nun wird er gefragt, ob es ihm leicht falle, mit beiden Händen einen Hut aufzusetzen. In dieser ersten Szene genügt das reine Sprechen, der ins Schottische tendierende Dialekt Daniels und das empathielose, ins Robotische tendierende Idiom der Sachbearbeiterin, um den Abstand, den die verwaltete Welt zwischen die Menschen treibt, aufzufalten. Das Gespräch bewegt sich zunehmend ins Absurde, die Fragen driften von Daniels Herzproblemen ab, weg von ihm und seinen konkreten Leiden. Es hat deshalb durchaus programmatischen Charakter, dass Loach diesem Mann im Titel des Films ein „I“ vorausschickt, jenes „Ich“, das sich in den administrativen Beziehungen zwischen den Menschen zur Sozialversicherungsnummer verformte.

Welt aus grauen Stellwänden

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Ein Großteil des Films spielt in solchen Verwaltungseinrichtungen. Dort sitzt man auf grauen Polstermöbeln und wartet in einer der mindestens genauso grauen Beratungsbuchten eines Großraumbüros auf seinen Termin. Überhaupt sind es höchstens Notausgangsschilder, die in diesen Räumen noch etwas Farbe spenden. Es ist ein bitteres Szenario, in das Loach seinen Protagonisten schickt, eines, in dem ihm kaum mehr übrig bleibt, als angesichts der aberwitzigen Fragen und Auflagen der Sachbearbeiter das Gesicht in der Hand zu vergraben, jenes Gesicht, dessen Lächeln doch derart Glück und Sicherheit stiftet, wenn andere Not leiden. Dabei ist Loachs Perspektive auf den Stellenwert der Menschenwürde in dieser Welt aus grauen Stellwänden sicher nicht die subtilste – dafür ist sie aber konsequent, sogar noch über das Ende dieses Gewaltmarschs durch die institutionelle Kontrolle und Schikane hinaus. Wenn Daniel in einem Akt letzten Aufbäumens das Versicherungsgebäude besprayt, seinen Namen, sein Anliegen und seine Ablehnung gegenüber der Telefonwarteschleifenmusik schriftlich kundtut, wenn er dabei um Selfies gebeten wird, von Passanten beklatscht und bejubelt, zum Helden ausgerufen wird, dann wird in dieser Szene der Working Class Hero ebenso schnell geboren, wie er von der Polizei wieder entsorgt wird.

Dann schütten wir eben den Abstand mit Gefühlen zu!

Loach glaubt nicht naiv an Auswege aus der verwalteten Welt; woran er stattdessen glaubt, und das mit einer vielleicht gar nicht so ungemäßen gefühligen Haltung, ist die Solidarität und die Freundschaft. Zwischen Daniel und der alleinerziehenden Katie (Hayley Squires), die er zusammen mit ihren kleinen Kindern im Stellwandparcours kennenlernt, entwickelt sich eine solche Freundschaft, in die vielleicht gerade deshalb derart überschüssig Gefühle investiert werden, weil sie das noch einzig verfügbare Material darstellen, mit dem der Abstand zwischen den Menschen wieder überbrückbar erscheint. Dabei entstehen, so sozialidyllisch sich diese emotionsgebauschten Beziehungen in der schlechtesten aller Welten interpretieren lassen, durchaus sehr schöne Szenen. Einmal deutet die kleine Daisy auf eine Kassette und fragt Daniel, was das denn sei. Dann legen sie sie gemeinsam in den Rekorder. „Da musst du draufdrücken“, sagt Daniel und zeigt auf die Play-Taste; „etwas fester!“, sagt er ihr, die schon empfindlichere Oberflächen gewohnt ist, dann hören sie ein Stück, ja auch noch das Lieblingsstück von Molly, Daniels verstorbener Frau – und so viel Seligkeit darf einem kitschig und ideologisch, mindestens verdächtig erscheinen, aber Loach gelingt es immerhin, seine Figuren so zu inszenieren, dass ihnen dieser fremde Verdacht hübsch egal sein dürfte.

Trailer zu „Ich, Daniel Blake“


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