I Am Not Your Negro

Worte aus Wut und Hoffnung: In Zeiten wieder aufflammender Rassenkonflikte in den USA wendet sich Raoul Pecks I Am Not Your Negro zurück zum Schaffen James Baldwins. Und findet eine Stimme, die Amerikas Wesen erkennt.

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I Am Not Your Negro ist ein Film der Schrift. Die Credits teilen die Leinwand in schwarze Flächen und in weiße, darauf erscheinen Buchstaben. Schwarzer Text auf weißem Grund, weißer Text auf Schwarz. Subtil geht anders. Aber wenn es um eine so scharf, so brutal, so willkürlich gezogene Grenze wie die Color Line geht, also um Rassismus, dann sind grobe Gesten angebracht. Wie ein Grundrhythmus durchziehen Texttafeln Raoul Pecks filmische Meditation zum schwarzen US-amerikanischen Intellektuellen James Baldwin – und seiner Relevanz für eine Gegenwart, die zwischen Trump und Black Lives Matter aufgerieben wird.

Was da allerdings geschrieben wird, in Courier-Font und begleitet von Schreibmaschinengeklacker, die Worte und Gedanken Baldwins, das ist so viel subtiler als jenes schroffe Kontrastverhältnis, das Schrift überhaupt erst sichtbar werden lässt. Es sind Texte, die in Qual und Zweifel und unerschöpflicher Verwunderung geschrieben sind gegenüber einem Land namens USA, das einen nur hassen machen will, aber das Baldwin doch irgendwie lieben muss. Dessen Rassentrennung den 1924 in Harlem geborenen Baldwin ein Vierteljahrhundert später nach Frankreich vertrieben hat, wo er den größten Teil seines Lebens verbringen sollte. Aber das ihn auch erst zum Schreiben gebracht hat. Weil es ihn gezwungen hat, zu denken. Der Film setzt ein mit Zitaten zu Baldwins Rückkehr in die Staaten während der Bürgerrechtsbewegung. „I had to pay my dues“ – er konnte nicht länger fortbleiben. Seine Stimme war gefordert. Schreiben, denken, politisch aktiv werden: All das ist ihm keine Wahl. Im Reformationsjahr 2017 vermeint man, Luthers berühmtestes Zitat durch diesen Film hallen zu hören: Ich stehe hier und kann nicht anders.

Gezwungen zum Optimismus

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Einen eklektischen Mix aus Baldwins Schriften hat das Rechercheteam um Marie-Hélène Barbéris zusammengetragen; Fragmente seiner Überlegungen zur Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft, zu Jazz, Kino – und zu drei großen Männern der Bürgerrechtsbewegung: Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. Ausgangspunkt ist Baldwins unvollendetes Manuskript Remember This House, seine Erinnerungen an die drei großen Ms der Bürgerrechtsbewegung, die er alle persönlich kannte. Es ist ein Text der Reverenz, in einem Film der Reverenz an seinen Autor, produziert in einem historischen Moment, als die aktuelle schwarze Bürgerrechtsbewegung ihren alten Helden und neuen Opfern Reverenz erweisen muss, weil sich das Heute im Gestern gemeint findet. Irgendwann füllen Bilder von Trayvon Martin, Michael Brown, Amadou Diallo und anderen in den letzten Jahren von US-Polizisten getöteten People of Color die Leinwand, stehen neben Baldwins Texten, und plötzlich wird die Gegenwart zum Echoraum der Vergangenheit. Man verkennt diesen Film, wenn man sein Dasein aus einem reinen Gegenwartsmoment heraus zu verstehen versucht. Rassismus war da, ist da und wird, auf absehbare Zeit, bleiben.

I Am Not Your Negro ist auch ein Film der Stimme. Genauer gesagt, der Stimme Samuel L. Jacksons. Er liest aus den oftmals persönlich, in der ersten Person Singular verfassten Texten Baldwins – und spricht ganz anders als der echte Baldwin in den Archivaufnahmen, der scharf und alert klingt. Aber Baldwin sprach damals im Moment, Jackson liest mit dem Blick zurück. Jacksons Stimme wirkt belegt, zaudernd, ermattet, mit einem englischen Wort: „weary“. So wie Baldwin über den früh ermordeten Bürgerrechtler Medgar Evers schrieb: „He wore his weariness like a skin, every day“. Die Haut – und wie sie Menschen ermatten lässt. So viele Helden, so viele Mitmenschen sind gestorben. Eine weariness hat in der amerikanischen black community um sich gegriffen, die man auch in aktuellen Büchern wie Ta-Nehesi Coates’ Between the World and Me oder Claudia Rankines Citizen zu spüren vermeint, Texten, in die Trauer geflossen ist angesichts der vielen Opfer des Rassismus. Eine andere Stimme des schwarzen Amerika, die Stimme der Wut, des Aufbegehrens, der Jugend erklingt über den End-Credits: The Blacker the Berry von Kendrick Lamar: „I’m African-American, I’m African / I’m black as the heart of a fuckin’ Aryan“.

Die Frage bleibt: Wie soll man als schwarzer Mensch in dieser Gesellschaft leben, jetzt, wo der erste schwarze Präsident abgedankt hat und die Ungleichheit geblieben ist? Wenn Robert Kennedy vor über vierzig Jahren gönnerhaft gesagt hat (die Szene ist im Film), dass die USA irgendwann mal einen schwarzen Präsidenten haben könnten: Ist Obama dann Zeichen von Verbesserung oder Beweis, dass gewisse Machtgefüge auf ewig gestellt sind? Es ist diese unauflösbare Durchdringung von Hoffnung und Fatalismus, die I Am Not Your Negro umkreist und die ein weißer Fernsehmoderator ganz am Anfang des Films so zusammenfasst: „Is it at once getting much better [for the black community] and still hopeless?“ Eine Antwort Baldwins auf eine andere Frage, fast am Ende des Films, klingt wie ein Echo, wie ein Beweis, dass Paradoxien nur im Denken existieren, aber nicht im Leben: „I can’t be a pessimist because I’m alive. To be a pessimist means that you have agreed that human life is an academic matter, so I’m forced to be an optimist. I’m forced to believe that we can survive whatever we must survive. But the future of the Negro in this country is precisely as bright or as dark as the future of the country.“ Was soll man dem noch hinzufügen?

Kalkulierte Brutalität

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Zerrissenheit ist die Grundverfassung dieses Filmes. Die sozialen Gegensätze spiegeln sich in gekonnt gegeneinander montierten Bildern und Texten, historisch wie aktuell, die vielfältig miteinander kommunizieren: Ferguson heute und Birmingham damals, Baldwins Berichte der Heimkehr 1955 und gleitende Autofahrten über den Times Square anno 2016. Dazwischen spannt sich ein quälend endloser historischer Moment auf, in dem so viel passiert ist und sich doch so wenig geändert zu haben scheint. Das Rechercheteam ist tief hinabgestiegen in die Archive, hat Interviews mit Baldwin, historische Fotos, Werbebilder und Clips aus dem klassischen Hollywood zusammengetragen. Es ist die Medienwelt, in der Baldwin aufwuchs, die ihn formte und die zu verstehen er sich schreibend unablässig bemüht hat – wahrscheinlich um sich selbst und seine Position als schwarzer homosexueller Mann im 20. Jahrhundert zu verstehen. So beschreibt er eindringlich die Tragödie, in der falschen Haut das filmische Spiegelstadium zu durchlaufen, aufzuwachsen in den USA und auf allen Leinwänden nur weiße Identifikationsfiguren zu sehen. „What a shock to look into the mirror“ – und zu bemerken, dass man anders aussieht.

Cutterin Alexandra Strauss setzt immer wieder auf kalkulierte Brutalität, um die Gräben spürbar zu machen, die Amerika durchziehen: Von einer knallbunten Doris Day in Paillettenkleid, in einer blitzeblanken Vorstadtküche (aus Delbert Manns Lover Come Back, 1961) CUT TO krisseligen schwarz-weißen Fotos mit erhängten Opfern von Lynchjustiz. Oder von einem Interview mit Baldwin, in dem er von „white monsters“ spricht, auf lachende, joggende, glückliche weiße Mädels bei einem Sportwettkampf. Es sind, wieder einmal, grobe Gesten. Aber sie sind in ihrer Schroffheit heilsam. Weil sie faktisch bestehende Widersprüche manifest werden lassen und sie nicht auflösen, nicht wegerklären, sondern stehen lassen. I Am Not Your Negro hat nicht die Antworten, vielleicht aber die richtigen Fragen. Und genau das macht ihn zu einem guten politischen Film. Denn er gibt keine finale Haltung vor, sondern fordert heraus, sich zu ihm zu verhalten.

Trailer zu „I Am Not Your Negro“


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