Hurensohn

Eine zwiespältige Verfilmung von Gabriel Loidolts Roman Hurensohn. Ausgezeichnet mit dem Filmpreis auf dem Filmfestival Max Ophüls 2004.

Hurensohn

Am Anfang steht das Ende: Die Hauptfigur Ozren - der Hurensohn - spricht direkt in die Kamera, und behauptet, er habe seine Mutter getötet. Um zu erzählen, wie es dazu kam, reicht die Handlung weit zurück in die Vergangenheit und erzählt die vom Kleinkind- bis zum Teenageralter dauernde Mutter-Kind-Beziehung eines Jungen zu seiner jugoslawischen Mutter, die in Wien als Prostituierte arbeitet. Für die Mutter ist die Prostitution einerseits eine legitime Arbeit, andererseits versucht sie vor ihrem Sohn zu verheimlichen, worin ihre Arbeit tatsächlich besteht. Mit zunehmendem Alter des Sohnes gelingt es ihr immer weniger, das Trugbild aufrecht zu erhalten.

Es ist ein Spiel von Nähe und Distanz. Im einen Moment überschüttet die Mutter den Sohn mit Zärtlichkeit, um ihn im nächsten Moment für einen zahlenden Freier wieder sich selbst zu überlassen. Im Laufe der Zeit entfernen sich Mutter und Sohn immer weiter voneinander. Ihre Fürsorge scheint bald nur noch darin zu liegen, ihn materiell zu versorgen. Die eigentliche Prägung des Kindes übernimmt eine Art Ersatzfamilie, bestehend aus der gottesfürchtigen Tante, dem Bordellbesitzer, der die sexuelle Aufklärung übernimmt, sowie dem pragmatischen Onkel, der als Müllfahrer dem Jungen die Welt in poetischer Weisheit erklärt. Hervorzuheben ist hier die Schauspielleistung des aus Filmen von Emil Kusturica bekannte Miki Manjolovic, der die Nebenrolle des Onkels mit stiller Ironie auskleidet. Doch so liebevoll sich alle um das Kind kümmern, als Jugendlicher wächst auch der innere Konflikt des Sohnes, seine Mutter als Mutter zu lieben und als Heilige sehen zu wollen und als Hure erkennen zu müssen, was schließlich im dramatischen aber äußerst lakonisch inszenierten Tod der Mutter kulminiert.

Hurensohn

Der Wiener Regisseur Michael Sturminger ist bisher vor allem bekannt für seine Arbeiten im Bereich des Musiktheaters und am Züricher Opernhaus. Schon zuvor hat er für österreichische Filmproduktionen gearbeitet. Mit seinem Film Hurensohn wagt er sich nun in der Doppelrolle des drehbuchschreibenden Regisseurs an die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Gabriel Loidolt von 1998. Die Handlung erinnert in einigen Momenten an den James-Dean-Klassiker Jenseits von Eden (East of Eden; Regie: Elia Kazan; 1955), in dem die Hauptfigur unter anderem auch die versteckte Identität der Mutter als Provinzprostituierte aufdeckt und damit die Familie zerstört, aus der er sich ausgestoßen fühlt. Doch die Inszenierung von Hurensohn überzeugt weniger als Melodrama, sondern als Milieustudie eines Balkan-Wiens, einem Teil von Wien, in dem jenseits aller Klischees dieser Stadt Gastarbeiter und arme Einheimische eine seltsame Zweckgemeinschaft bilden. Zweifellos gelingt es dem Film, die kindliche Welt Ozrens, die sich immer am Rande der Prostituiertenszene bewegt, ohne je ganz darin unterzugehen, mit der nötigen Authentizität einzufangen.

Hurensohn

Als Milieustudie mit melodramatischem Kern über das Wiener Rotlichtviertel hat Hurensohn, der letztes Jahr auf dem Filmfestival Max Ophüls den Filmpreis des saarländischen Ministerpräsidenten gewann, bemerkenswerte Momente und glänzt mit guter Schauspielerleistung. Oft wähnt sich der Zuschauer jedoch in Abziehbildern der artifiziellen Settings Fassbinders, der seinerseits schon bewusst Bildwelten des amerikanischen Melodramas zitierte. Dieser Rückgriff ist zwiespältig: Regisseur Michael Sturminger und sein Kameramann Jürgen Jürges sind um eine ausgefeilte Bildsprache bemüht, doch zu sehr scheinen Vorbilder des Autorenkinos kopiert zu werden, als dass durch das Zitieren ein eigenständiger visueller Stil entwickelt würde.

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