Hungry Hearts – Kritik

Regisseur Saverio Costanzo lässt den unbändigen Wunsch nach familiärem Glück im Beziehungshorror münden.

Hungry Hearts 07

Nicht immer wird die große Liebe nach der vermeintlichen Krönung durch ein gemeinsames Kind noch inniger und glücklicher, auch das Gegenteil kann der Fall sein. Unterschiedliche Standpunkte in erziehungs- und weltanschaulichen Fragen können aufeinanderprallen, und blindes Vertrauen kann sich nur allzu schnell in Argwohn verwandeln. So geraten in Hungry Hearts zwei einst verliebte Menschen durch konträre Ansichten und Ansprüche in eine schwerwiegende Beziehungskrise, in der auch das Wohl des gemeinsamen Sohnes auf dem Spiel steht.

Mit einem abstrus-humorvollen Zusammentreffen von Jude (Adam Driver) und Mina (Alba Rohrbacher) in einer Toilette eines Chinarestaurants beginnend, werden die erste gemeinsame Zeit des jungen Paares, die Kunde von der Schwangerschaft und die Hochzeit zwar im Eiltempo, dafür aber äußerst effektiv geschildert, bevor die eigentliche Handlung ihren Lauf nimmt. Die strahlenden Augen der frisch Vermählten, als Jude seiner italienischstämmigen Braut eine rührende Liebesballade in ihrer Muttersprache darbietet, lassen die starken, ehrlichen Gefühle, die das Paar füreinander hegt, ergreifend gewahr werden. Diese ersten Szenen des gemeinsamen Glücks sind es denn auch, die den leisen Horror des späteren Belauerns in der gemeinsamen Wohnung umso schmerzlicher machen.

Lichtdurchflutetes Außen, klaustrophobisches Innen

Hungry Hearts 01

Mit einer geringen Anzahl an handelnden Personen und dem hauptsächlichen Dreh in den engen Räumen des ehelichen Apartments im Herzen New Yorks unterstreicht Costanzo die totale Abkapselung des Paares von seiner Umgebung. Minas unbändige Ängste vor den negativen Auswirkungen der unreinen, gesundheitsschädlichen Außenwelt auf ihren Sohn und ihre extremen Ansichten zur Ernährung des angeblichen Indigo-Kindes hängen wie ein Damoklesschwert über der immer fragiler werdenden Beziehung und der Gesundheit des Kindes. Obwohl dieses bald förmlich zu verhungern droht, kann und will die engstirnige Mutter nicht von ihren extremen, esoterischen Reinheitsgeboten abweichen, während Jude der modernen Medizin und dem Menschenverstand zu folgen sucht. Doch die Sehnsucht nach der einstigen Harmonie lässt Mina und Jude immer wieder aufeinander zugehen. Dabei führt der Film vor allem die Angst vor der Außenwelt zum Ende mit fast schwelgerischen Außenaufnahmen im warmen Sonnenlicht ad absurdum. Im Kontrast hierzu kommt die Kamera den Eheleuten im fortgeschrittenen Stadium der gegenseitigen Belauerung erschreckend nahe, was die Enge ihrer Behausung und ihrer Beziehung noch betont. Das klaustrophobische Gefühl wird durch den aufdringlichen Einsatz des Fischaugeneffekts dabei noch verstärkt. Wie schon in Die Einsamkeit der Primzahlen (La solitudine dei numeri primi, 2010) lässt Costanzo die Seelenpein seiner Figuren auch körperlich sichtbar werden. So bieten die untergewichtigen, gar unterernährten Mitglieder der Kleinfamilie mit ihren ausgemergelten Gesichtern nicht nur für Judes resolute Mutter Anne (Roberta Maxwell) einen besorgniserregenden Anblick.

Hungry Hearts 03

Doch der Film verbleibt nicht bei der Schilderung einer verfahrenen Beziehung, die ein Paar und sein merkwürdigerweise namenloses Kind in den körperlichen und psychischen Verfall treibt: Mit aufbrandender, unheilverkündender Musik und einer von ihren Ideen besessenen Mina soll Hungry Hearts vielmehr in die Horrorsphären von Rosemaries Baby (Rosemary’s Baby, 1968) aufsteigen. Ein die Mutter beständig im Schlaf heimsuchender Traum, die an Giallo-Filme gemahnende musikalische Untermalung sowie Minas schon wahnhafte Reinheitsobsession lassen die intime Betrachtung einer extremen Beziehungs- und Existenzkrise surreale New-Age-Horrorpfade einschlagen.

Wenn Harmoniesucht im Albtraum mündet

Hungry Hearts 06

Hungry Hearts zehrt dabei deutlich von der anfänglichen Schilderung der liebevollen Eintracht der beiden Hauptfiguren. In den ersten Filmminuten generieren die Inszenierung und das in Venedig ausgezeichnete Hauptdarstellergespann Adam Driver und Alba Rohrbacher das starke Gefühl des innigen Vertrauens und des Liebesglücks, auf das sich das Paar später ein ums andere mal zu beziehen sucht, um die immer größer werdenden Risse im Vertrauensverhältnis zumindest provisorisch kitten und einen Bruch der Familie abwenden zu können. Wie sie einen finalen Beziehungsschlussstrich immer wieder hinauszögern, sich in ihrer von unterschiedlichen Motiven gelenkten Angst um den kleinen Sohn gegenseitig hochschaukeln, lässt einen als Zuschauer ab einem bestimmten Punkt trotzdem nur noch den Kopf schütteln. Wird die uneinsichtige Haltung der Mutter doch von Costanzo irgendwann in ein solch dämonisches Licht gerückt, dass Judes Festhalten an der Beziehung nicht mehr nachvollziehbar erscheinen kann. Dies gipfelt darin, dass der besorgte Vater in einer Kirche Zuflucht suchen muss, um seinem Sohn die ihm von der Mutter verwehrte nährstoffreiche Nahrung zuführen zu können. So positioniert Regisseur Costanzo die zwei bemitleidenswerten hungrigen Herzen, die so lange an der immer mehr von Misstrauen und Heimlichkeiten dominierten Beziehung festhalten, zwischen Wahn und Wahrhaftigkeit und opfert die anfänglich so naturalistische Figurenzeichnung einer sich beständig steigernden Horroratmosphäre.

Trailer zu „Hungry Hearts“


Trailer ansehen (3)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.