Hunger
Der Körper als letzte Bastion des Widerstands.
Pisse. In einer konzertierten Aktion spülen die Gefangenen ihren Urin durch die Ritzen zwischen Zellentüren und Boden auf den Gang. Genau diesen behält Regisseur Steve McQueen dabei ausdauernd im Blick. Das Treiben im Maze Prison des Jahres 1981 erzählt der englische Langfilmdebütant nicht als direkte Aktion-Reaktion-Abfolge. Erst einige Szenen später ist der Flur in derselben Einstellung wieder zu sehen. Ein Bediensteter schrubbt die Körperflüssigkeiten zäh zusammen und schiebt sie dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Mit derselben, von der Kamera an den Tag gelegten, Ausdauer. Stoisch reagiert das System hier auf die Revolte der Insassen. Ein System, das als Klangkörper symbolisiert ist: Gleich zu Beginn dominiert Margaret Thatchers Stimme den auditiven Raum, der visuelle bleibt passend schwarz. Selbst dem unbeteiligten Zuschauer muss es bei Diktion und Intonation der Eisernen Lady kalt den Rücken runter laufen, selten ist die englische Sprache für so viel Härte und Unerbittlichkeit missbraucht worden. Es ist McQueens Verdienst, dem Grauen dieser Stimme schließlich ein narratives Bild zu entlocken.
Scheiße. Die Zellenwände sind mit dem Kot der Verurteilten beschmiert, besser gesagt: garniert. Fast kunstvoll dreht ein Häftling Spiralen. Verdreckt, verfilzt, verlaust hocken die nordirischen Katholiken in ihren Löchern, deren bestialischen Gestank man noch im Kinosaal zu riechen meint. Gegen das überfällige Waschen verwehren sie sich. Die royalistischen Gefängniswärter reagieren gewissermaßen entsprechend. Ähnlich konsequent, ähnlich konzertiert, ähnlich kunstfertig. Ihre Schutzbefohlenen werden nicht willkürlich verprügelt. Dafür gibt es ritualisierte Vorgänge, die alles andere als überraschend, sondern genauso angekündigt wie die Aktionen der IRA-Terroristen sind. Eine Sondereinheit rückt an. Die Kamera fixiert das Gesicht eines jüngeren Polizisten – eine Ausnahme in diesem Film, der schon qua Kamerapositionierung Wert auf Distanz setzt. Die in schwarzen Anzügen vermummten, durch Helm und Glasschutz gesicherten und mit Schlagstöcken bewaffneten Männer bilden ein Spalier. Wie eine römische Legion wirken sie, wegen ihrer strikten Formationen und durch die Schutzschilde. Von „Schutz“ kann hier allerdings keine Rede sein. Sie bedrängen die Gefangenen, prügeln mit ihren Knüppeln auf sie ein. Ein Spießrutenlauf der besonderen Art, dessen Höhepunkt der blutige Rasiervorgang und ein gewaltsames Baden am Rande des Ertränkens sind.
Was McQueen zeigt, ist maßlose Gewalt, die durch ihre Rationalität, ihre Orchestrierung noch schauerlicher wird. Das destruktive Moment findet sich auf beiden Seiten. Zunächst mit der Unterscheidung von symbolischer und konkreter Gewalt, Gewalt gegen sich selbst und Gewalt gegen andere. Aufgehoben wird diese Differenz außerhalb der Mauern, wo die IRA Exekutionen vornimmt.
Der Künstler McQueen visualisiert einen Konflikt kurz vor dem Höhepunkt seiner Verhärtung. Worum es hier eigentlich geht – die Anerkennung der Terroristen als politische Gefangene –, rückt in den Hintergrund. Längst hat sich die vermeintliche Spirale der Gewalt in ihrer Aktion-Reaktion-Logik ins äußerste Extrem gewunden. Und doch behält McQueen seinen Skeptizismus gegenüber solchen Modellen, die in ihrer Zuspitzung und Dramatisierung doch eigentlich so filmgerecht wären, bei.. Ausdruck findet diese Haltung in teilweise fast irreal anmutenden retardierenden Momenten. Ein einzelner Polizist entzieht sich dem Folterprocedere, steht weinend in der Ecke. Emphatisch ist dieser Moment, weil es sich um eben jenen Beamten handelt, der uns zuvor im wahrsten Sinne der Filmsprache nahe gebracht wurde.
Der entscheidende Moment der möglichen Umkehr wird noch exponierter dargestellt. In einem dreigeteilten Film, der über weite Strecken fast gänzlich ohne Dialoge auskommt, markiert das Gespräch zwischen Bobby Sands (Michael Fassbender), dem Anführer der Aufständigen, und Priester Moran (Liam Cunningham) das Mittelstück. Nach einem kurzen Smalltalk reflektieren die Gesprächspartner interne Standpunkte. Wo Moran auf Rationalität und Mäßigung setzt, will Sands Eskalation um jeden Preis – auch den seines Lebens. Als letztes Mittel des Protests setzt er der britischen Regierung den eigenen Körper entgegen.
Es scheint, als hätten Regisseur McQueen und sein Hauptdarsteller Fassbender die Radikalität der IRA für ihren eigenen Arbeitsprozess übersetzt. Der Schauspieler hat sich, wie vor ihm nur Christian Bale für Der Maschinist (2004) und Rescue Dawn (2006), auf ein zerbrechliches, für den Zuschauer als Anblick kaum zu ertragendes Mindestgewicht heruntergemagert. Er evoziert pures Mitleid beim Zuschauer, das über die Narration hinausgeht, denn dieser Körper scheint wirklich krank, die Schwäche Fassbenders ist kaum gespielt. Dieser ultrarealistische Ansatz fügt sich erstaunlich problemlos in einen formal unnachahmlich streng komponierten Film. McQueen geht in seiner Darstellung des Horrors im Gefängnisinnern so weit wie vor ihm kaum jemand, weil er genreübliches Beschleunigungsspektakel völlig von sich weist. Wo Schnitte sonst Schnelligkeit und eine mobile, unruhige Kamera Dramatik erzeugen sollen, setzt der Brite auf Statik: Bildersturm ohne Sturm. Vor den quälend langen einzelnen Einstellungen gibt es kein Entrinnen. Das Plotgerüst, wie die Dialoge im ersten und letzten Part des Films auf ein Minimum reduziert, bietet auch keine narrative Zuflucht. Der Fiktionalisierungsprozess einer Filmproduktion wird mit den Mitteln des Dokumentarischen und der Enthaltsamkeit auf Special-Effects-Ebene geradezu bekämpft. McQueens Hunger sagt dabei nie mit falschem historischem Gestus: „So war es“. Er transzendiert sein Thema vielmehr hin zu einem bis ins Körperliche glaubwürdigen Allgemeinzustand: „So ist es!“.
Ascot Elite ist es zu verdanken, dass diese Ausnahmeproduktion des vergangenen Jahres nun nicht nur endlich auf DVD erscheint, sondern in Zusammenarbeit mit dem Fugu Filmverleih auch einen, allerdings limitierten, Kinostart erhält. Es empfiehlt sich, bis August zu warten und Hunger im Kino zu sehen. Einen Film über Körperausscheidungen und das Ausscheiden aus dem Leben.
Filmkritik von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 06.07.2009
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Film-Angaben
Titel: Hunger
Großbritannien, Irland 2008
Laufzeit: 96 Minuten
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen, Enda Walsh
Produktion: Robin Gutch, Laura Hastings-Smith
Bildgestaltung: Sean Bobbitt
Montage: Joe Walker
Musik: Leo Abrahams, David Holmes
Darsteller: Michael Fassbender, Stuart Graham, Liam Cunningham, Liam McMahon, Brian Milligan, Helena Bereen, Helen Madden, Des McAleer
Kinostart: 13.08.2009
DVD-Angaben
Titel: Hunger
Vertrieb: Ascot Elite
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 91 Minuten
Verleih ab: 09.07.2009
Verkauf ab: 20.08.2009
Copyright Hunger
Fotos: © Ascot Elite
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