Humpday
Mit ausgeprägtem Sinn für Situationskomik und komplexe zwischenmenschliche Beziehungen widmet sich Lynn Shelton zwei ehemaligen Schulfreunden und ihrer absurden Wette.
Humpday handelt von einer Schnapsidee, wie sie nur während einer durchzechten Nacht entstehen kann. Nach langer Zeit treffen sich die ehemaligen Schulfreunde Andrew (Mark Duplass) und Ben (Joshua Leonard) wieder. Beide haben sich für unterschiedliche Lebenswege entschieden. Während Ben als Neo-Hippie durch die Welt bummelt, führt Andrew eine bürgerliche Existenz mit seiner Frau Anna (Alycia Delmore). Bei einem ausschweifenden Abend in einer alternativen Wohngemeinschaft kommen sie auf eine gewagte Idee. Für das hiesige Pornofestival wollen Ben und Andrew ein ambitioniertes Projekt verwirklichen: Zwei heterosexuelle Männer, die vor einer Kamera Sex haben. Obwohl sich am nächsten Tag zeigt, wie absurd diese Idee ist, möchte sich keiner der beiden die Blöße geben, als Spießer dazustehen.
Regisseurin Lynn Shelton stammt aus dem Kreis der Mumblecore-Bewegung. Dabei handelt es sich um unabhängige Filmemacher wie Andrew Bujalski, Mark Duplass und Joe Swanberg, die seit Anfang des neuen Jahrtausends mit geringem Budget ein ebenso ereignisarmes wie wortlastiges Kino inszenieren. Als Pate dieser Filme dient gewissermaßen Richard Linklater mit Slackers (1991), bei dem nicht die Handlung die Attraktion darstellte, sondern die Dialoge. Auf der letzten Berlinale konnte man sich anhand von Andrew Bujalskis Beeswax, in dem einige langweilige Mittelschicht-Twens über ihren Alltag philosophieren, überzeugen, wie belanglos diese Form von Kino sein kann.
Shelton dramatisiert ihren Film dagegen stärker und lässt die Dialoge ihrer Figuren nicht ins Leere laufen, sondern instrumentalisiert sie mehr für die Handlung. Auch Humpday ist manchmal etwas geschwätzig geraten. Man merkt den längeren Gesprächsszenen des Films – unter den Figuren wird ausgiebig diskutiert – ihren improvisierten Charakter durchaus an. Doch Shelton gelingt ein spannender Mittelweg zwischen roher filmischer Form und dramaturgischer Verdichtung.
Die Inszenierung von Humpday fällt betont realistisch aus – etwa durch die Handkamera, die natürlichen Lichtsituationen, die naturalistische Spielweise der Darsteller. Vor diesem Hintergrund und durch den improvisatorischen Charakter des Films wirkt der Humor weniger konstruiert als in vielen Sitcoms und kommerzielleren Komödien. Es sind ungeschickte Äußerungen oder ausgeplauderte Geheimnisse, die die Stimmung umkippen lassen. Shelton gelingt eine Situationskomik, die nicht auf eine Aneinanderreihung an Onelinern setzt, sondern sich ganz ihrem Namen nach, organisch aus der Spontaneität einer Situation heraus ergibt.
Dabei jagt Shelton nicht jeder Pointe hinterher, wie es die Ausgangslage des Films vermuten lassen könnte, sondern konzentriert sich ernsthaft auf ihre Figuren. Der geplante Pornodreh wird zum Wettkampf verschiedener Lebensentwürfe, bei dem jeder dem anderen beweisen will, wie unkonventionell und frei er eigentlich ist. Nebenbei dekonstruiert Humpday eine heterosexuelle Männerfreundschaft, ohne jedoch die sexuelle Orientierung der Figuren in Frage zu stellen. Bei ihrem ersten Wiedersehen tauschen Ben und Andrew vermeintlich verliebte Blicke aus. Ihr Machogehabe wird schnell als Maskerade entlarvt, um die eigene Verletzlichkeit zu verbergen. Die meiste Zeit erzählt Humpday seine Geschichte fast ausschließlich über Dialoge. Wenn sich Ben und Andrew dann entschließen, ihr Projekt durchzuziehen, rückt hingegen die körperliche Kommunikation in den Vordergrund. Sobald eine Geste untereinander zu zärtlich wirkt, wird sie sofort mit einer übertrieben männlichen Geste kaschiert.
In Humpday beweist Lynn Shelton einen ausgezeichneten Blick für zwischenmenschliche Beziehungen. Sie seziert nicht nur die zentrale Männerfreundschaft, die letztlich auf einem Gefühl der Unzulänglichkeit gegenüber dem anderen basiert, sondern bezieht auch die noch junge Ehe von Andrew und Anna mit ein. Da hat man Geheimnisse voreinander, fühlt sich in seiner Freiheit eingeschränkt und ist doch unfähig, ohne den anderen zu leben. Shelton ist ein souverän inszenierter und klug beobachteter Film gelungen, der zeigt, wie man auch mit kleinem Budget die Möglichkeiten einer Komödie auf vielfältige Weise ausschöpfen kann.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 10.08.2010
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Film-Angaben
Titel: Humpday
USA 2009
Laufzeit: 94 Minuten
Regie: Lynn Shelton
Drehbuch: Lynn Shelton
Produktion: Lynn Shelton
Bildgestaltung: Benjamin Kasulke
Musik: Vinny Smith
Darsteller: Mark Duplass, Alycia Delmore, Joshua Leonard, Lynn Shelton
Kinostart: 09.09.2010
Copyright Humpday
Fotos: © Fugu Filmverleih
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