Human Frames

Landkarte des Menschseins im frühen 21. Jahrhundert und materialästhetisches Kompendium kurz vor dem Ende der Ära des Analogfilms: Das Experimentalfilm-Label lowave schenkt sich eine grandiose Edition zum zehnten Geburtstag.

Human Frames 02 - Seeya in elektrik dreamz

Verlangen, Glück, Wahnsinn, Fanatismus, Furcht, Zorn, Einsamkeit, Melancholie, Impermanenz – und mono no aware, die aus der japanischen Ästhetik entlehnte Idee von der sanften Traurigkeit über die Vergänglichkeit aller Dinge. Zehn Human Frames, zehn Rahmen des Menschlichen stellt das internationale, in Paris residierende Experimentalfilm- und Videokunstlabel lowave nebeneinander zu einem Großprojekt, das zunächst eine Reihe von Ausstellungen sowie Film- und Veranstaltungsreihen in weltweiten Kulturmetropolen inspirierte und nun als grandiose, umfassende 10-DVD-Edition erschienen ist.

Human Frames 10 - Mr Moth

Das Konzept des Framing, des Rahmens also, bietet hier einen notwendigen Ausgangspunkt an, um sich einen Weg durch die ausufernde Vielfalt der beinahe hundert darin zusammengestellten Filme zu bahnen. Der Rahmen erfüllt unterschiedlichste Funktionen, stets zur gleichen Zeit: einerseits Begrenzungslinie eines Kunstraums, die dessen Beschränkungen und dessen Endlichkeit markiert, ist er immer auch erste Bedingung für seine Existenz – ein Schnitt, der den Ort der Kunst aus der Welt herausschneidet. Außerdem dient seine Linie der Blicklenkung. Der Rahmen zwingt die analytische Betrachtung – das ist durchaus ein gewaltsamer Akt! – in eine Fokussierung hinein, die einerseits bestimmte Facetten des Gerahmten scharf konturiert, aber dafür immer den Preis des Ausschlusses zahlloser alternativer Blickwinkel zu zahlen hat.

Human Frames 18 - Cut

Human Frames funktioniert nun als multiperspektivische Kompilation auf gleich mehreren Ebenen. Die zehn gewählten und eingangs zitierten Rahmen ergänzen einander zu einem Kompendium dessen, was das Menschliche, seine Triebkräfte und Emotionen ausmachen könnte – eine Landkarte des Menschseins in der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts. In der Zusammenschau dieser zehn unterschiedlichen Rahmungen wird ein mit tieferem Eindringen in die Materialflut immer komplexer entworfener, in zahllosen Facetten oszillierender Kern herausgearbeitet: eine Annäherung an das, was als eine Essenz des Menschlichen begriffen werden müsste.

Human Frames 17 -Black Cherry

Ein megalomanisches Projekt und eine Anmaßung, zweifelsohne – doch wie ziellos wäre das unermüdliche Forschen des experimentellen Films, wenn er sich diesem legitimen künstlerischen Größenwahn nicht immer wieder aufs Neue stellen würde? Auch die Einzelprogramme selbst sind erneut in sich zersplittert: Desire, zum Beispiel, das Verlangen, das so viele emotionale Prozesse unterschiedlicher Hitzegrade beschreiben kann. Während der indonesische Regisseur Lucky Kuswandi im einleitenden fünfminütigen Film Black Cherry auf die möglichst verlustfreie und nicht-narrative Übertragung reiner Sinnlichkeit abzielt, knüpfen Filmemacher wie der Thailänder Tulapop Saenjaroen (in The Return) oder der Libanese Raed Yassin (in Disco) Verbindungslinien in die Konkretion, in Familiengeschichte und die (vielleicht) eigene Biografie – freilich ohne das Primat der sinnlichen Erfahrbarkeit je aufzugeben.

Human Frames 04 - Sentimental Journey

Dann, auch das darf man nicht außer Acht lassen, sind die Human Frames auch ein materialästhetischer Katalog (oder vielleicht gar ein Schwanengesang) am absehbaren Ende einer Epoche des analogen Filmemachens. Kratzer, Laufstreifen, Perforationslöcher werden immer wieder ins Bild gerückt und verweisen somit fortwährend auf den materialen Ursprung desselben. Tony Wu und George Hsin aus Taiwan etwa arrangieren in ihrer berührenden Sentimental Journey (auf der DVD-Edition Melancholy) abgelebte Zelluloidaufnahmen in repetitiven, entgleisenden Splitscreens, die einander doppeln, spiegeln, die zusammen und auseinander streben. Der Filmstreifen selbst wird hier zur abstrakten Seelenlandschaft. Der Frame bezeichnet ja nicht nur den Rahmen, sondern auch das filmische Einzelbild, die Kadrage: Wahrheit, vierundzwanzigmal in der Sekunde.

Human Frames 12 - Even if she had been a criminal

Mit den Human Frames hat sich lowave selbst ein unendlich eindrucksvolles Geschenk zum zehnten Geburtstag gemacht, das einerseits als ein Kulminationspunkt der eigenen kuratorischen Arbeiten der vergangenen Dekade erscheint – manch ein Film mag Kennern der wundervollen Künstlereditionen und der spannenden Filmanthologien des Labels bereits von anderen Veröffentlichungen vertraut sein – und andererseits einen ganz neuen, globalen, grenzensprengenden Ansatz eines Zusammendenkens transkulturellen Kunst- und Filmschaffens eröffnet. In den Schatzkammern, die sich dem faszinierten, offenen Betrachter hier überreich öffnen, kann man sich durchaus lustvoll verlieren. Man wird aber von jeder Abenteuerreise bereichert zurückkehren. Und wo wäre Film noch in größerem Maße als ein Abenteuer mit tatsächlich ungewissem Ausgang zu begreifen als hier, in den Sphären des nicht zwingend narrativ gezähmten, nicht an starren Regelwerken und nicht in erster Linie an kommerziellen Auswertungsformen orientierten Kunstfilms?

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