Die süße Gier – Il Capitale Umano

Paolo Virzis Die süße Gier – Il Capitale Umano ist ein filmischer Kriminalroman in vier Kapiteln: Im Kaleidoskop der Perspektiven entsteht ein Psychogramm über monetär-moralische Vermessenheit.

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Wenn die Maseratis durch die baumgesäumte Auffahrt zur Villa Bernaschi emporfahren, auf dem marmorgepflasterten Vorplatz halten und Meetings, die über die Liquidität eines ganzen Landes entscheiden, im Privaten stattfinden, will man meinen, auch Paolo Virzi tritt mit seinem aktuellen Film einen effektvollen Kino-Feldzug an, um uns die Absurdität des Kapitalismus vorzuhalten. Man erwartet Sarkasmus und eine Bildgewalt, wie sie einem jüngst von Martin Scorsese mit The Wolf of Wall Street (2013) oder Costa Gavras mit Capital (2012) um die Ohren gehauen wurden. Auch Virzi arbeitet mit emotional aufgeladenen Motiven, wohlkomponierten Szenen und nicht zuletzt mit einer Riege erstklassiger Schauspieler, die die sozio-ökonomische Kampfzone von der Abgeklärtheit bis zur Depression mit jeder Geste beherrschen. Doch Virzi hat aus Stephen Amidoms gleichnamiger Romanvorlage keinen filmischen Exzess gemacht, sondern hält sich klassisch an das Genre der Kriminalgeschichte.

Rehabilitation des Gewissens

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Die Einstiegsszene wird von Amy Winehouse’ Rehab unterspielt, ein Song im Autoradio und gleichzeitig die Diagnose: Sie alle hier, vom Hedgefondsmanager Giovanni (Fabrizio Gifuni) bis zum kleinen Immobilienmakler Dino (Fabrizio Bentivoglio), bräuchten eine Entziehungskur. Die Gier nach Geld hat sie zu Junkies gemacht. Der unpässliche Tod eines Radfahrers fördert den Weltschmerz der Reichen und derer, die es sein wollen, zutage: ein geplatzter Hedgefonds, eine verzockte Existenz, eine verpasste Schauspielkarriere, das Ende einer Teenagerliebe, der Anfang einer Affäre. Das Leben eines jeden scheint verwirkt, weil die Versuchung nach „mehr“ zu groß war und die eigene Moral zu klein.

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Erst die Bekanntschaft der jungen Serena (Matilde Gioli) mit dem Underdog Luca (Giovanni Anzaldo) lässt die Figur des reinen Gewissens auf den Plan treten. Luca ist ein gefallener Engel, blass mit schwarzen Locken, hat mehrere Suizidversuche hinter sich, er ist einer, der nie etwas oder jemanden hatte außer einem Leben am Existenzminimum und einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein. Zufällig lernen sich die beiden Teenager in der Psychotherapie-Praxis von Serenas Stiefmutter kennen. Ein fast beiläufiges und doch sinnfälliges Ereignis: Reizt der Mensch seinen ökonomischen Wert nicht effizient aus, muss er psychotherapeutisches Tuning über sich ergehen lassen. Doch „Il Capitale Umano“ bleibt die unauflösbare Unbekannte und das Leben im Einzelfall eine Ungleichung. Man könnte also auch von Schicksal sprechen …

Eine Frage der Perspektive

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Der Schicksalsschlag trifft hier zunächst einen Catering-Angestellten. Eben hat er noch auf einem Schulfest den Konfettiregen der Nachwuchselite aufgeräumt und wird im nächsten Moment auf nächtlicher Landstraße von einem Geländewagen vom Fahrrad gefegt. Doch wer hat das Unfallauto gefahren? Eine kriminalistische Frage, deren Ermittlung jedoch mehr bedarf als eines polizeilichen Verhörs. Und so wird der Abend des Schulfestes zum Dreh- und Angelpunkt, an den Virzi immer wieder zurückkehrt. Von hier aus spürt er der Schuldfrage durch eine Dramaturgie nach, die die Geschehnisse um den schicksalhaften Unfall aus der Perspektive der drei Protagonisten Dino, Carla und Serena zeigt.

Der Kapitalismus im Spiegel des Theaters

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Die Schlüsselfigur in diesem Kaleidoskop ist Carla (Valeria Bruni Tedeschi). Als Mutter, Vorzeigegattin und zugleich nach Autonomie strebende Frau steht sie zwischen den Fronten und ist somit die Schnittmenge aller. In ihr kulminieren die Sehnsüchte ihrer Umgebung: das Streben nach einem guten Leben, erfüllt von Geld, Selbstbestimmung und Liebe. Zugleich wird an ihr jedoch der Widerspruch deutlich, dass ein „gutes“ Leben hier keine moralische Kategorie ist, ja sein kann, denn das Streben nach Glück folgt in ihrer Welt einem kapitalistischen Imperativ.

Die Figur der Carla wird von Virzi durch ein visuell wie inhaltlich kunstvoll eingeflochtenes Filmzitat aus Unsere Liebe Frau von den Türken – Nostra Signora dei Turchi des italienischen Avantgarde-Regisseurs Carmelo Bene akzentuiert. 1968 verfilmte Bene sein gleichnamiges Theaterstück, in dem ein Mann vom guten Glauben abfällt und aus seiner existenziellen Depression heraus seine eigene Ideologie gründet: einen religiösen Fanatismus, der in seiner Zerstörungswut den Kapitalismus, die Religion unserer Zeit, widerspiegelt. Die weibliche Figur der Santa Margherita findet bei Virzi in Carla ihr Ebenbild. Doch der Versuch der beiden Frauen, die Gefallenen, sich selbst inbegriffen, vom Irrglauben abzubringen, ist, im doppelten Wortsinn, ein Akt vergebener Liebe.

Perdono, es gibt keine Vergebung

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Bene drehte Nostra Signora dei Turchi als Dokumentation einer Theaterinszenierung, was bei Virzi wiederum Carla, die an einem Theaterprojekt arbeitet, als Inspiration dient. Bei der Sichtung dieses Films im hauseigenen Kino kommt es zu einem One-Night-Stand zwischen ihr und dem Theaterleiter Donato (Luigi Lo Cascio). Die Sexszene, gefilmt gegen das flimmernde Licht des Projektors, wird zur Reflexion: Das Filmbild von Nostra Signora dei Turchi bricht sich an den Körpern der beiden Liebhaber. Hier in der fragmentarischen Close-up-Ansicht scheint Carla für einen Moment zu sich selbst zu finden. Der Augenblick der Auflösung im Licht der Unvollständigkeit wird zu Virzis substantiellstem Filmbild. Das sich ständig wiederholende „Perdono“ von Santa Margherita aus Benes Film findet sein Echo in Carlas an alle und niemand gerichtetes „Ich vergebe dir“. Eine Vergebung, die wie ein Gnadenspruch erklingt und doch niemanden zu erlösen vermag, ist ihre Vergebung doch genau wie der im Hintergrund laufende Film eine Projektion im leeren Raum. Und so ist es am Ende nicht Carla, die vergibt, sondern Giovanni, der die Schuldfrage beantwortet. „Ihr habt auf den Untergang des Landes gewettet und habt gewonnen“, sagt Carla, ihrem eigenen, barock gerahmten Spiegelbild gegenübersitzend. Giovanni entgegnet in weiser Businessmanier: „Wir haben gewonnen, denn auch du bist Teil davon.“

Trailer zu „Die süße Gier – Il Capitale Umano“


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