Hüter meines Bruders

Das Leben des ungleichen Bruders wird zum eigenen.

Hueter meines Bruders 02

Das Verhältnis von Geschwisterpaaren macht sicherlich viele Modulationen durch, keine davon ist aber so einschlägig wie jener während der Adoleszenz. Was bis dahin zumeist durch die Kombination von ähnlichem Umfeld und kindlicher Unselbstständigkeit mehr oder weniger im Gleichklang blieb (bleiben musste), driftet im unberechenbaren Gewitter der Pubertät beizeiten gehörig auseinander. Identitäten werden in einer Mischung aus Bewunderung und Abgrenzung zur Schwester oder zum Bruder gefunden, das eigene Leben formt sich aus, sozial wie ideologisch. Ist dann auch noch Schluss mit dem ständigen Teilen gemeinsamer Orte, Räume und Mitmenschen, kann es schnell dazu kommen, dass auf Familienfeiern auf einmal äußerst unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinanderprallen.

In ein unbekanntes Leben eintauchen

Gregor (Sebastian Zimmler) und Pietschi (Robert Finster) treffen sich nicht auf einer Feier, sondern zum jährlichen Segeltrip. Der junge Arzt Gregor iist genau das, was sein jüngerer Bruder Pietschi wohl als Spießer bezeichnen würde: ein weizenbiertrinkender Ehemann, korrekt, vernünftig und seiner Frau hörig – man schaut sich aktuell Reihenhäuser, potenzielle Kaufobjekte an. Pietschi dagegen wohnt direkt über einem Club, ist Künstler und ein philosophisch verträumter Frauenheld. Effizient inszeniert Regisseur Maximilian Leo (Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln 2009) in seinem Langfilm-Erstling diesen Gegensatz zu Beginn über kleine Gimmicks – das Bier, ein Feuerzeug –, die (Wohn-)Räume, die die beiden Brüder besetzen, die Kleidung, die sie tragen. Die Kontrastierung fällt hart und schroff aus, gleitet zuweilen ins Schablonenartige ab, ist aber für die nachfolgende Auflösung, die diese Grenzziehung verwischen will, nötig. Pietschi ist plötzlich weg, und als es auch nach mehreren Tagen kein Lebenszeichen von ihm gibt, beginnt Gregor nachzuforschen. Er fängt an, das nicht (mehr) gekannte Leben seines Bruders zu entdecken, doch statt zu einer Suche entwickeln sich die Ereignisse immer mehr zu einem Eintauchen: Zuerst gewährt ihm ein Zufall Zutritt in Pietschis Wohnung, dann aber ist es immer mehr die eigene Neugier und ein aufkommendes Verlangen, die den immer fanatischer agierenden Gregor auf einen Identitätstrip schicken.

Fortschreitende Pathologisierung

Hueter meines Bruders 01

Leo, der mit seiner Firma augenschein auch Produzent des Films ist, folgt auf Bildebene der zunehmend schizo-artiger werdenden Konfiguration seiner Hauptfigur. Die klare Sprache der ersten halben Stunde wird über Fotografien, die in der Wohnung des Verschwundenen vorzufinden sind, nach und nach aufgebrochen. Immer wieder gerät der körperlich abwesende Pietschi ins Bild im Bild, seine Anwesenheit verstärkt die Pathologisierung der langsamen Verwandlung Gregors, der sich nach und nach verliert, zusätzlich. Kurze Videoschnipsel, die dieser auf einem Computer entdeckt, kontaminieren plötzlich mit ihrer Homevideo-Ästhetik das eigentliche Filmbild, werden bald ohne Rahmung zwischengeschnitten, funktionieren als verdoppelte Erinnerungs- und Traumbilder. Das Abenteuer Gregors wird in der beginnenden Beziehung zu Pietschis (Ex-)Freundin Jule (Nadja Bobyleva) endgültig zum Wahn und kulminiert in einer stark inszenierten Sexszene, deren wirre, verschobene Intensität man sich durchaus an noch mehr Stellen des Films gewünscht hätte. Doch auch so verweigert sich Hüter meines Bruders glücklicherweise allzu klaren Auflösungen, die Dichotomie zwischen der Erkenntnis einer ja logischen emotionalen Nähe von gemeinsam aufgewachsenen Geschwistern und den notwendigen, identitätsstiftenden Prozessen der Abnabelung wird, vor allem über die wild montierten und zunehmend emotionaleren Sequenzen im letzten Drittel des Films, aufrecht erhalten.

Trailer zu „Hüter meines Bruders“


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