Hüllen

Ein ambitioniertes Projekt über eine emanzipierte Muslimin bleibt in den Konventionen einer Fernsehdokumentation gefangen.

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Emel Zeynelabidin galt einst als hartnäckige Aktivistin für die Rechte von Muslimen in Deutschland und gründete unter anderem den ersten islamischen Kindergarten. Später entwickelte sie gemeinsam mit einer Modedesignerin alternative Kopfbedeckungen für verhüllte Frauen. Und schließlich, mit 49 Jahren, vollzog sie einen radikalen Schritt: Nach über drei Jahrzehnten trennte sich die Deutschtürkin von ihrem Kopftuch und verließ ihren Mann und die sechs Kinder, um ein selbstständiges und freies Leben zu führen.

Die Schweizer Regisseurin Maria Müller hat sich für ihren Diplomfilm an der Zürcher Hochschule der Künste dem Porträt einer spannenden Persönlichkeit gewidmet. Neben Emel, die von ihrer Vergangenheit als folgsamer Tochter und Ehefrau, aber auch vom ungewohnten Leben ohne Kopftuch erzählt – wie sie sich etwa beim Friseurbesuch mit völlig neuen Problemen konfrontiert sah –, kommen in Hüllen auch Familienmitglieder zu Wort. Die Aufmerksamkeit liegt dabei besonders auf ihrer Tochter und ihrer Mutter, beide überzeugte Kopftuchträgerinnen, die den Schritt Emels missmutig akzeptieren. Zwar ist Müller darum bemüht, unterschiedliche Meinungen mit einzubeziehen, dabei zeichnet sich ihre Haltung jedoch unmissverständlich ab. Wenn Emels Mutter mit leuchtenden Augen vom sündigen Leben vor ihrer Verhüllung erzählt und die Tochter feststellt, dass ihr zunehmend die Argumente ausgehen, wenn sie ihr Kopftuch vor Fremden rechtfertigen muss, sind das deutliche Statements gegen die Verhüllung.

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Obwohl Hüllen sich bemüht, die Erzählungen abwechslungsreich mit alten Fotos zu bebildern und die neu gewonnene Freiheit Emels durch Szenen aus dem Judo-Unterricht oder der Theaterprobe zu veranschaulichen, klebt er zu sehr an den Interviews, statt filmische Möglichkeiten zu nutzen. Ein weiteres Mal stellt sich die Frage, warum ausgerechnet so eine Dokumentation den Umweg – die eigentliche Funktion legen die Koproduzenten vom Schweizer Fernsehen und von 3Sat nahe – in die Kinos gefunden hat.

Hüllen 01

Streckenweise hat Hüllen durch die unaufgeregte Herangehensweise an sein Thema auch seinen Reiz. Der Film sucht ganz offensichtlich nicht den Skandal und stilisiert ihn auch nicht auf dramatische Weise zum Schreckgespenst. Emel erzählt von ihrer Zwangsehe in einem lockeren Plauderton, und selbst das Verhältnis zu ihrem Exmann und den zurückgelassenen Kindern scheint relativ entspannt zu sein. Allerdings handelt es sich bei den Familienmitgliedern, die allesamt wohl artikulierte, gebildete Menschen sind, auch um Vorzeigebeispiele für gelungene Integration. Von beiden Seiten – der Filmemacherin, aber auch den Gesprächspartnern – lässt sich ein ständiges Bemühen erkennen, als Deutschtürken gut nach außen dargestellt zu werden. Am negativsten wirkt sich das in den häufig sehr steif wirkenden Gesprächssituationen aus. Wie viel mehr hier möglich gewesen wäre, zeigt dagegen ein Gespräch am Ende des Films. Für einen kurzen Augenblick beginnt bei einem Familienessen ein Streit über verschiedene Lebenswege, bevor die Unterhaltung schnell wieder in kontrollierte Bahnen gelenkt wird.

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