How to Talk to Girls at Parties

Karlovy Vary 2017: Petting mit einem Alien: In How to Talk to Girls at Parties entdecken junge Punks ihre Sexualität im überirdischen Liebesspiel, können die eigene Subkultur aber auch nicht lebendiger machen als eine Spotify-Playlist.

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Die Mutter kurz um Geld angepumpt, zu dritt aufs Rad gesprungen und sich vor dem Club noch einmal das Motto des Abends eingeschärft: „Females await, boys“ – so beginnt eine wilde Nacht für ein junges Punk-Trio aus der Londoner Vorstadt. Enden wird sie jedoch nicht wie geplant auf der Aftershow-Party der „Dyschords“, sondern in einem einsamen Herrenhaus, aus dem die Beats deutscher Techno-Pioniere klingen, die das Trio magisch anziehen. Drinnen finden die drei jedoch keine pulsierende Clubnacht, sondern eine Art feiernde Sekte, die sich schnell als waschechte Alien-Enklave entpuppt. Die perfekte Gelegenheit für Enn (Alex Sharp), ein paar Mädchen anzusprechen, ohne eine demütigende Abfuhr zu kassieren.

Überall im All das Gleiche

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Teenager sind also überall gleich: Ob in der Londoner Vorstadt oder eben in der Alien-Enklave, stets geht es um die Suche nach der eigenen Identität. So möchte auch Alien-Teen Zan (gespielt von Elle Fanning, die nach Neon Demon (2016) erneut beweist, wie gut sie die Rolle der Außerweltlichen ausfüllt) aus dem Kollektiv ihrer „Sektion“ ausbrechen und die Individualität ihres irdischen Körpers entdecken. Dazu kommen die drei Party-Punks und die Subkultur, die sie im Schlepptau haben, gerade recht. Mit einem Schluck Dosenbier und ein wenig Hass auf Autoritäten kommen sich Enn und Zan schnell nah genug, um den Rest des Abends miteinander zu verbringen.

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Die Teenage-Love entspinnt sich wie eine sanfte Version des Verhaltensrepertoires, das die Protagonistinnen in Athina Rachel Tsangaris Attenberg (2010) durchexerzieren. Sie leckt sein Gesicht, wundert sich über den salzigen Geschmack, tastet seine Wangen mit dem Fuß ab und streichelt mit seiner Hand die eigene Achselhöhle: Die Entdeckung der Sexualität scheint überall im All das gleiche Ritual zu durchlaufen, das John Cameron Mitchell bis in einen Nebenplot schön zu gestalten weiß, in dem Enns Kumpel Vic (Abraham Lewis) beim überirdischen Liebesspiel mit einer Alien-Mutter seine Bisexualität entdeckt.

Neben dem eigenen Körper gibt es für Zan natürlich noch den Planeten Punk zu entdecken, den Mitchell als fröhliches Party-Kollektiv im Club der Punk-Mutti Queen Boadicea (Nicole Kidman) inszeniert, wo bei diversen Gigs die Fetzen fliegen, wie man es kennt und erwartet. Neuland betritt der Film immer nur dann, wenn die Aliens ins Zentrum der Erzählung rücken. Bunte Animationssequenzen versuchen sich am Extraterrestrischen, indem sie von Enn am Zeichentisch entworfene Viren zeigen, die durch den Kosmos irren, um sich schließlich dort zu paaren. Auf der Erde verweilen die Aliens hingegen wie lebendige 1970er-Jahre-Performance-Artist-Parodien, die immer dann Spaß machen, wenn sie tatsächlich performen und ihre Körper wie Zirkusakrobaten miteinander verknoten, um Rituale zu vollziehen oder auf „irdische“ Gefahren zu reagieren.

Punk-Lebenszeichen auf dem Papier

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How to Talk to Girls at Parties ist gleichzeitig Liebesgeschichte und die Fantasie einer Punk-Revolution, die es so nie gegeben hat. Während der Punk seine revolutionäre Energie auf der Erde nur in einer kleinen Untergrundszene weiterlebte und den Rest an die „Sell-outs“ vergab, bietet die Alien-Enklave eine Chance, die Umkehrung der politischen Verhältnisse tatsächlich durchzusetzen. Konzeptionell geht das trefflich auf: Punk ist am Leben. Ob dafür Neil Gaimans Kurzgeschichte oder dessen Drehbuchadaption verantwortlich zeichnet, kann ich nicht sagen, aber die Lebenszeichen bleiben letztlich nur auf dem Papier. Die Subkultur, die der Film zelebriert, bleibt ebenso verborgen wie der Heimatplanet der Aliens. Es fehlt How to Talk to Girls at Parties an der kreativen Durchschlagskraft, die es bräuchte, um den Zusammenprall von außerirdischem Kollektivismus und Anarchy in the UK spürbar zu machen. Zu viel verliert sich im Gestus der Indie-Befindlichkeit von Leuten, die bekannte Power-Chords zwar laut nachschrammeln, aber auf der großen Bühne eben nur Blumentopfmusiker bleiben, die auch aus außerirdischer Perspektive nicht dynamischer wirken. Klar: Es wird trotzdem reichlich gefeiert, gesoffen, gekotzt und gerotzt. Doch irgendwie bekommt man dabei das Gefühl, dass die Aliens Punk so erleben wie jemand, der eine Handvoll Sex-Pistols-Songs in seine Spotify-Playlist einbaut.

 

Trailer zu „How to Talk to Girls at Parties“


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