How to Cook Your Life - Wie man sein Leben kocht

Man soll Lebensmittel so behandeln wie das eigene Augenlicht, das Alter gleicht einem zerbeulten Teekessel und Brotteig besitzt Persönlichkeit - behauptet ein Zen-Priester in Doris Dörries Dokumentation über Kochen als Lebensphilosophie.

How to Cook Your Life - Wie man sein Leben kocht

„Wie geht es dir?“ „Ich backe“, heißt es bedeutungsvoll in einer Szene. Ebenso könnte das Motto von Doris Dörries neuestem Film lauten: Ich koche, also bin ich. Und ich bin dabei achtsam mit mir, meinen Mitmenschen und meinem selbst gemachten Nudelauflauf. Denn genau das bedeutet vereinfacht zusammengefasst „Zen“. Im Moment leben und sich ausschließlich auf das konzentrieren, was man im Augenblick tut. Einfach ist das natürlich ganz und gar nicht. Das Kochen ist hierfür ein gutes Übungsfeld. Oder es kann zum Minenfeld werden. Wer dabei abgelenkt ist und in Grübeleien verfällt, muss im schlimmsten Fall sein angebranntes Mittagessen mit nur noch neun Fingern zu sich nehmen.

Aber selbst der von Dörrie portraitierte Zen-Priester und Meisterkoch, erfolgreiche Verfasser philosophischer Kochbücher und begeisterte Träger lustiger T-Shirts, Edward Espe Brown aus Kalifornien, verhält sich manchmal eher weniger wie eine „treibende Ente im endlosen Gewässer“, wie es im Zen-Buddhismus heißt. Vielmehr ähnelt er trotz jahrelang geübter Gelassen- und Ausgeglichenheit hin und wieder einem aufgescheuchten Huhn oder eigenwilligen Schwan, wenn sich die Besucher seiner weltweit beliebten Kochkurse zu viel unterhalten und sich deshalb nicht ausreichend auf die Worte des Meisters oder das sorgsame Schneiden der Radieschen und Möhrchen konzentrieren. Oder wenn die hartnäckige Plastikverpackung eines Käses widerspenstig ein Öffnen verweigert.

How to Cook Your Life - Wie man sein Leben kocht

Dörrie zeigt Brown bei dessen Unterrichtsstunden in Österreich, Kalifornien und San Francisco. Sie lässt ihn seine Koch-, Back- und Lebensansichten immer wieder direkt in die Kamera sprechen und schiebt Archivmaterial seines Lehrers Suzuki Roshi dazwischen. Die Botschaft ist eindeutig und keine wirklich neue: Wir leben und essen zu hastig und nicht bewusst. Wir schätzen uns und unsere Gesundheit zu wenig. Wer nach Feierabend die Fertigpizza in den Backofen schiebt, den Lieferservice anruft oder an der nächsten Burger-Bude Halt macht, kann sich selbst irgendwann nicht mehr spüren, wird unzufrieden und krank. Nicht erst seit Gammelfleisch-Skandalen und zunehmenden Essstörungen stecken wir laut Brown in der Ernährungskrise und müssen anfangen, umzudenken.

Losgetreten von Morgan Spurlocks Fast-Food-Selbstgeißelungsexperiment Super Size Me (2004) hat das Kino in den letzten Jahren vermehrt die Problematiken ungesunder Essgewohnheiten aufs Menü gesetzt, mit ihren negativen Auswirkungen und Begleiterscheinungen sowohl für den eigenen Körper und Geist, als auch für die globale Markt- und Landwirtschaft. Die österreichische Dokumentation We Feed The World (2005) ebenso wie Richard Linklaters Spielfilm Fast Food Nation (2006) waren in erster Linie um die Aufklärung der hierbei in ihrer Intelligenz und Autonomie manchmal unterschätzten Konsumenten bemüht. Mal mehr, mal weniger stark in Richtung Belehrung und Meinungsmache tendierend.

How to Cook Your Life - Wie man sein Leben kocht

Dörries Ansatz ist dagegen ein philosophischer und speziell buddhistischer mit positiver Grundstimmung. Sie inszeniert ihr Anliegen anfänglich undidaktisch und beschwingt, mit Aufnahmen von leckeren Mahlzeiten und einem meist gutgelaunten, verschmitzt grinsenden und über die eigenen Anekdoten am lautesten lachenden Brown. Im Hintergrund plätschert dazu seichte, einlullende Jazzmusik. Im späteren Verlauf fallen dann allerdings Sätze wie „Du bist, was du isst. Und wenn du zu viele Hamburger isst, wirst du irgendwann selbst zu einem“, mit anschließendem Schnitt zu einem übergewichtigen Burger-Verzehrer. Spätestens wenn ein Teenager von seinem unappetitlichen Bemühen, ein Huhn zu schlachten, berichtet und im darauf folgenden Bild das fetttriefende Resultat am Grillspieß seine Runden dreht, scheint es dann doch so, als wolle die Autorin und Regisseurin auch ein wenig missionieren und nicht nur aufzeigen und anregen. Auch wenn sie dies in leicht verdaulichen Häppchen serviert.

Ob in Männer (1985) oder Keiner liebt mich (1994), Bin ich schön? (1998) oder Nackt (2002) - die thematische Beschäftigung mit den Sinnkrisen moderner, häufig unausgefüllter Großstädter, denen immer ein entscheidendes Stück zum Glück zu fehlen scheint, findet sich vielfach in Dörries Filmen, meist im komödiantischen Gewand, in den letzten Jahren allerdings vermehrt mit ernsteren Zwischentönen. Bereits in Erleuchtung garantiert (2000) entdeckten ihre vom Alltag gestressten und frustrierten Protagonisten in einem japanischen Kloster den Zen-Buddhismus als mögliche spirituelle Sinngebung.

Dörries Dokumentation möchte ebenfalls einen alternativen Rezeptvorschlag zur Schnelllebigkeit der westlichen Welt vorkochen und auftischen, was ihr in Ansätzen auch gelingt. An einigen Stellen verfällt sie dabei in eine zwar locker aufbereitete und gut bekömmliche, aber auch oberflächliche Predigt. Im Großen und Ganzen vermittelt ihr Film die ausgelassene Atmosphäre und etwas belanglose Tiefe eines Volkshochschulkurses mit dem Titel „Buddhistisches Kochen, Teil 2 - Wie man sein Leben kocht“. Wir lernen das Ziel: „Wenn du die Karotten schneidest, schneide die Karotten. Wenn du den Reis wäschst, wasche den Reis“. Teil 1 - wie wir zu diesem angestrebten Sein im Hier und Jetzt eigentlich gelangen - wird uns nur leider weitgehend vorenthalten.

 

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