Houston

Vom Unbehagen im Neoliberalismus und der entgleitenden Wirklichkeit.

Houston 02

Glasfassaden, wohin er guckt. Clemens Trunschka (Ulrich Tukur) spielt den Businessman und fügt sich nie ganz in diese Rolle, er ist überfordert vom Leben, genau genommen zieht er permanent eine Schau ab. Ein Hemd fällt von einem Hochhaus hinunter, erinnert ein wenig an die Plastiktüte in American Beauty (1999), es lässt sich Zeit, beginnt auf dem langen Flug fast zu tanzen, vielleicht ist es aber auch eine Anspielung auf den elegant fallenden Mann im animierten Vorspann von Mad Men (seit 2007). Mit Don Draper hat der Protagonist von Houston jedenfalls nicht nur sein Alkoholproblem gemein, Clemens teilt auch dessen Distanz zum Leben. Der Deutsche wird nach Texas geschickt, um als Headhunter heimlich einen Geschäftsführer vom dortigen Ölgiganten abzuwerben. Tukurs Performance ist von Beginn an anzusehen, dass seiner Figur der Antrieb fehlt, er gibt ihr den leblosen Blick eines Verdammten und das Zaudern eines Verzweifelten. Selbst wenn er Fortschritte macht, sind seinen unbeholfenen Bewegungen, seiner hektischen Not das nächste Scheitern bereits eingeschrieben.

Houston 03

Bastian Günther (Autopiloten, 2007) sucht die Subjektive und führt den Film und seine Figur immer mehr ins Unbehagen der entgleitenden Wirklichkeit. Die mystischen Überhöhungen kommen allerdings etwas zu spät und zögerlich, um  die bleierne Schwere der Arbeits-Entfremdungs-Problematik zu überwinden. Tatsächlich ist Houston atmosphärisch immer wieder sehr stark, nutzt das Hotel- und Wolkenkratzer-Setting mehr zur Verunsicherung als zum Anprangern. Am meisten leidet der Film vermutlich an der fehlenden Verankerung im Konkreten, alles an der porträtierten Welt ist abstrakt, ungenau, Schaum, schon im Ansatz falsch. Da gibt es nichts zu retten, auch nichts zu entzaubern. Günther findet dafür in schwebenden, wabernden Bildern einen stimmigen Ausdruck, der quer steht zur heiteren Culture-Clash-Komödie, die Houston zwischenzeitlich auch noch sein zu wollen scheint. Am Ende weht eine amerikanische Flagge, eine Verheißung birgt sie schon lange nicht mehr.

(Kurzkritik vom Filmfestival Karlovy Vary 2013)

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