House of Flying Daggers
Mit House of Flying Daggers schafft Zhang Yimou ein garantiert vieldiskutiertes Gegenstück zu seinem Meisterwerk Hero. Er schickt Andy Lau und Takeshi Kaneshiro in den Kampf um Zhang Ziyi, der sich als entscheidende Spiegelschlacht eines ganzen Volkes entpuppt. Bombastisch!

Zwei Polizisten im Duell, Spionage und Gegenspionage, verbunden mit Fragen nach Loyalität und Identität. Chinas Meisterregisseur Zhang Yimou greift diese Grundkonstellation des mittlerweile mit Kultstatus versehenen Hongkong-Erfolgsfilms Infernal Affairs (Wu jian dao, 2002) auf und besetzt dessen Hauptdarsteller Andy Lau auch hier als Kommissar. Dem derzeit wohl populärsten Star des asiatischen Kinos steht der bereits Wong-Kar-Wai-erprobte Takeshi Kaneshiro (Chungking Express, 1994; Fallen Angels, 1995) gegenüber. Die Kollegen Leo und Jin entflammen beide für die aufreizende junge Mei, verkörpert von Zhang Ziyi, die Yimou selbst für seinen Film Heimweg (The Road Home, 1999) entdeckte. Sie ist das Objekt der Begierde, der Fluchtpunkt und Blickfang des Films, mit einer Anmut, wie sie dieser Tage nur noch Nicole Kidman vor der Kamera offenbart. Natürlich läuft alles auf ein klassisches Duell der beiden Konkurrenten hinaus, doch Yimou erzählt eine ménage à trois und erweitert somit den Basisplot der Undercover-/Spionagegeschichte. Folgerichtig greift Mei noch in das tragische Finale ein. Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg, den zu beschreiten es Yimou nicht immer leicht für den Zuschauer macht.

Während sein weltweiter Erfolg Hero (2002), der als erster asiatischer Film den vordersten Platz der amerikanischen Box Office Charts erstürmte, ein von Ehrungen und Lobeshymnen überhäuftes geschlossenes Kunstwerk ist, stellt House of Flying Daggers die Kehrseite der Medaille dar. Dieses offene Kunstwerk ist unmissverständlich als die Umkehrung Heros zu sehen: Während der Vorgänger ein Plädoyer für die Staatsraison des weisen Herrschers hält, entpuppt sich das House of Flying Daggers als eine innerstaatliche, von Frauen dominierte Rebellengruppe, die mit Mut gegen die Korruption des Staatsapparates ankämpft. Hero ist eine kunstfertige Collage des Ornamentalen, ein Film über die Quadrage von Innenräumen und Menschengruppen, der Fritz Lang vermutlich hellauf begeistert hätte. House of Flying Daggers ist nun also die Transformation des Geschlossenen ins Offene, zeichnet den Weg vom Innen ins Außen nach. Die Geschichte beginnt in der Enge einer Gefängniskaserne mit einer Detailaufnahme von Schwertern und entwickelt sich nach einem Zwischenspiel im großflächigen Pavillon der Rosen, einem Ort der Täuschung, Intrige und Illusion, dem die noch engere Quadrierung der Kaserne als Kerker folgt, über herbstliche Laubwälder bis in die Weiten der winterlichen Steppe. In der letzten Einstellung blickt die Kamera einem weiten Raum entgegen, in dem die Figuren beinahe genauso verschwinden, wie die ersten Zeichen des weißen Abspanns auf schneeweißem Hintergrund, ehe der Film seine letzten Farben aushaucht.

Das ist ebenso atemberaubend wie die farbenfrohen Dekors, die Kämpfe und Tänze des Films. Tanz ist dabei Kampf und Kampf ist Tanz. Beides folgt einer Choreographie, die von Perfektion und Grazie zeugt. Yimou degradiert mit dem Lächeln seiner Schauspielerin beinahe alles, was das Kino bis dato in Sachen Martial Arts zu bieten hatte. Während Takeshi Kitanos im Musical mündendes Meisterwerk Zatoichi (2003) dem abrupten, terminierenden Kampf den Tanz als lebensbejahenden Existenzrhythmus entgegensetzt, verschmelzen bei Yimou die Formen zu mythischer Poesie.
Doch gerade die Überhöhung des Stoffes ins Mythische und Märchenhafte irritiert das westliche Auge zuweilen. Es scheint, als gäbe es zu viele Tränen, zu viel Kampf, ein zu langes Sterben. Aber im Film heißt es: „Stirb für eine Schönheit und du wirst ein romantischer Geist.“ Eben jener romantische Geist durchzieht House of Flying Daggers und mündet im Schneegestöber, der finalen Sequenz mit kongenialen Verweisen auf Thomas Manns Zauberberg.

An diesem Mannschen Ort findet die Aufhebung der Zeit statt und genau jene betreibt auch Yimou. Er schafft es, durch Parallelmontagen und subjektive Einstellungen sowohl Zeit zu komprimieren, als auch Momente der Verinnerlichung zu inszenieren. Vor allem in den Tanz- und Kampfszenen etabliert der Regisseur eine eigene Zeitebene, ehe das Finale dann zum überzeitlichen Duell avanciert. Wie bei Mann in Form des Humanisten Settembrini und des Revolutionärs Naphta, stehen sich auch hier übergeordnete Ideale im Diskurs der Freiheit gegenüber.
Wenn Yimou in seinem großen Showdown noch einmal in den grünen Wald schneidet, offenbart sich endgültig sein Gespür für Montage, Timing und Erzähltempo: in nur einer Einstellung erzählt er die letzte Schlacht der Flying Daggers als Ellipse, ehe er sich vom Großen und Allgemeinen dem Partikularen und Individuellen zuwendet:
Die Landschaft, in der sich Jin und Leo zum Entscheidungskampf gegenüberstehen, wird von Schneewehen heimgesucht, von Flocken bedeckt und in ebenes Weiß getaucht. Der Ort erinnert atmosphärisch an Hans Castorps Verirrung und Fieberphantasie im „Schnee“-Kapitel. Mei wird zur Sekundantin, getraut sich jedoch, was Castorp sich verwehren musste: sie greift ein.
Das Ewigkeitsduell endet in einer schmerzvollen Zeitdehnung; die Revolution haucht das Leben aus und triumphiert dennoch fernab der Parteilichkeiten, in der Geste des Einzelnen, im Verzicht, in der Nächstenliebe, in der Umkehr.
Was für ein Finale, was für ein Film!
Filmkritik von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 22.12.2004
Kommentare zu House of Flying Daggers
Henry Koplien 18.01.2005 17:51
Naja. Eher ein durchschnittlicher Film. Schöne Kampfszenen und Landschaftsbilder, mit Schnitttechniken und Kameraführungen, die man allerdings schon bei Matrix bewundern konnte. Gleichwohl muss man sagen, dass diese Techniken bei asiatischer Kampfkunst auch nett sind. Trotzdem, das Ende zieht und zieht sich..., -und ist irreal zugleich. Hätte auch von Monty Python sein können, es läuft niemand mit einem Messer ewig durch die Gegend und kämpft dabei noch stundenlang (hat auch irgendwie was von Ritter der Kokusnuss), da fehlt mir dann als aktiver Kampfsportler doch das Vorstellungsvermögen da meilenweit an der Realität vorbei.
Henry
112 26.02.2006 23:04
henry deine meinung interessiert nicht...wenn du realistische kampfszenen sehen willst dann guck kein asiatisches kino...du schlaumeier...ich zitiere aus der filmkritik: ``Doch gerade die Überhöhung des Stoffes ins Mythische und Märchenhafte irritiert das westliche Auge zuweilen.``
Das für uns übertriebene, märchenhafte und die langezogenen momente zeichnen diesen film doch erst aus...und das hebt ihn ja von üblichem hollywoddmist ab...ein kunstfilm halt..und kein prügelfilm...
112 26.02.2006 23:06
haha sorry für die rechtschreibfehler!
Henry 19.09.2006 09:13
Sorry, immer noch die gleiche Meinung zu dem Film, und ich stehe der asiatischen Lebensweise garantiert wesentlich näher, als der durchschnittliche Europäer. Das Ende ist einfach daneben. Da gibt es wesentlich bessere Filme aus Japan, die auch nichts mit den normalen martial arts zu tun haben.
Henry
Kelly 29.09.2007 01:43
Also es ist ein sehr gut gemachter Film. Am besten sind die Darsteller und besonderes Lob an die macher der Kostüme. Richtig geile Kleider und schöne Kampfsehen. Ja er ist nicht realistisch das stimmt aber das habe ich auch nicht wirklich erwartet von so einem Film. Er wird trotzdem einer meiner Lieblingsfilme, weil von der Sorte gibt es nicht so viele gute. Find ihn sehr gelungen. Vielen dank an die Macher und Schauspieler.Kelly
tewerex 09.11.2007 00:15
Ein sehr poetischer Film mit äußerst sorgfältig in Szene gesetzten ästetischen Bildern, einfach ein Kunstgenuss. Wer hier nur Action bewertet, hat den Film nicht verstanden.
Einer der schönsten Filme, die ich bisher gesehen habe!
Henry Koplien 07.09.2008 12:54
Meine Kritik bezog sich auch auf das Ende, ansonsten in der Tat sehenswert.
Henry
Martin Z. 04.04.2009 18:22
Der Regisseur ist nicht nur der bekannteste sondern wohl auch der beste Vertreter des chinesischen Kinos. Er zeigt wie viel die fernöstliche Kampfkunst mit dem Tanz gemeinsam hat. Eine Liebesgeschichte ist thematisch passend eingebaut, in der die süße Zhang Ziyi zwei Nebenbuhlern die Köpfe verdreht. Mit aufwendigen Kostümen ausgestattet und in wunderschöne Farben getaucht beeindruckt besonders der Tanzkampf im Bambuswald und der Endkampf im Schneetreiben. Die beeindruckenden Bildkompositionen – auch verlangsamt – trösten über das fehlende Happy End hinweg. Der Film hebt sich wohltuend vom Müll ab, der einen Großteil dieses Genres ausmacht. Es ist nicht nur was für Martial Art Fans.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu House of Flying Daggers. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: House of Flying Daggers
Originaltitel: Shi mian mai fu
China 2004
Laufzeit: 120 Minuten
Regie: Zhang Yimou
Drehbuch: Li Feng, Zhang Yimou, Wang Bin
Produktion: Bill Kong, Zhang Yimou
Darsteller: Andy Lau, Takeshi Kaneshiro, Zhang Ziyi, Dandan Song
Kinostart: 06.01.2005
DVD-Angaben
Titel: House of Flying Daggers
Vertrieb: Highlight Video, Paramount Home Entertainment
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Deutsch (DTS 5.1), Cantonesisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 120 Minuten
Extras: Featurette (14 Min.); Interviews (6 Min.); Textseiten zu Cast und Crew
Verleih ab: 23.06.2005
Verkauf ab: 07.07.2005
Copyright House of Flying Daggers
Fotos: © Constantin Film / Elite Group
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Christoph Terhechte: abhängig, ohne Verpflichtungen
Interview mit Christoph Terhechte. weiter
Berlinale: Kritiken
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Mulholland Drive
Nacht von Sa auf So, 11.02-12.02., 03:00 Uhr, EinsExtra (ARD digital)
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte
Neandertal
So 12.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR











8 Kommentare